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„Adler 7“ – Die erste deutsche Schreibmaschine kam aus Frankfurt

Während man in den USA bereits seit 1874 serienmäßig Schreibmaschinen produzierte, begann in Deutschland erst mit der Zunahme der Büroarbeit in den 1890er Jahren eine Entwicklung hin zur Arbeit mit Schreibmaschinen. Vor allem in Handel und Verwaltung hatte sich vorher die Auffassung gehalten, dass ein handgeschriebener Brief höflicher sei als ein maschinell gefertigter Brief.

Umso erstaunlicher ist vor diesem Hintergrund die Geschichte der „Adler 7“. Sie war um 1900 die erste Schreibmaschine deutscher Produktion, die national und international zum Verkaufsschlager wurde. Und das trotz ihres stolzen Einführungspreises von 300 Goldmark! Die Summe entspricht heute umgerechnet etwa 1551 Euro. Der hohe Preis schien die Kunden allerdings nicht von einem Kauf abzuschrecken, denn die „Adler Fahrradwerke, vorm. Heinrich Kleyer AG“ erreichten mit diesem technisch brillanten Modell den kommerziellen Durchbruch in diesem Verkaufssegment. Ende 1905 waren bereits 20.000 „Adler 7“ verkauft und die Schreibmaschine avancierte zum neuen Massenartikel. Gründe für den großen Erfolg waren sicher die für damalige Verhältnisse technische Brillanz, Zuverlässigkeit und Robustheit der Büromaschine, weniger das beachtliche Gewicht von 10,8 kg.

Ein Modell dieser Schreibmaschine soll auch im Rahmen der geplanten Dauerausstellung Frankfurt Einst? gezeigt werden, um an die bemerkenswerte Geschichte der „Adler Fahrradwerke, vorm. Heinrich Kleyer AG“ erinnern. Im Folgenden möchte ich daher kurz erläutern, welche Bedeutung die Adlerwerke für Frankfurt hatten.

Der Darmstädter Fabrikantensohn Heinrich Kleyer (1853-1932) eröffnete am 1. März 1880 eine „Maschinen- und Velocipedhandlung“ mit Fahrradproduktion in der Bethmann-Straße 8 in Frankfurt am Main. 1889 entstand im Frankfurter Gallusviertel zwischen Höchster Straße (heutige Kleyerstraße) und Weilburger Straße eine Fabrik mit 600 Arbeitsplätzen auf einem Areal von etwa 18.000 Quadratmetern. Nach der Umwandlung in die Aktiengesellschaft „Adlerwerke Fahrradwerke, vorm. H. Kleyer AG“, begann die Firma im Jahr 1898 auch mit der serienmäßigen Herstellung von Schreibmaschinen. Kleyer hatte zu diesem Zweck bereits 1896 die Patente an der kanadischen „Empire“- Schreibmaschine von Wellington P. Kidder erworben. Er verbesserte dessen Konstruktion und produzierte von 1898 bis 1900 eine „deutsche Empire“ (etwa 3000 Stück). Mit der Änderung der Schreibmaschinen-Bezeichnung in „Adler 7“ im Jahr 1901 begann die jahrzehntelange Erfolgsgeschichte in diesem Segment. Da es zu dieser Zeit noch keinen professionellen Büromaschinenhandel gab, wurden die ersten Schreibmaschinen sogar noch über die Adler Fahrradhändler verkauft.

Rein technisch gesehen, handelte es sich hierbei um eine mechanische Stoßstangenschreibmaschine. Mittels Vorderaufschlag und doppelter Umschaltung war es erstmals möglich, 90 verschiedene Zeichen mit den 30 Tasten zu schreiben. Optisch auffällig war vor allem die Verzierung durch das in Goldschrift gehaltene Firmendekor auf der Abdeckhaube. Dort prangte die Aufschrift „ADLER“ sowie „Adlerwerke vorm. Heinrich Kleyer Aktiengesellschaft Frankfurt a/M.“. Um den Ursprung als Fahrradwerke zu betonen, wurde über dieser Schrift ein goldfarbiger Adler mit einem Rad abgebildet.

Die „Adler 7“ im Bestand des Historischen Museum wurde laut Seriennummer im Jahr 1924 gefertigt. Das legendäre Grundmodell wurde bis weit in die 1930er Jahre in großen Stückzahlen produziert. Neben Schreibmaschinen fertigen die Adlerwerke aber vor allem auch Motorräder (zwischen 1902-1908 und 1949-1958) und verschiedene Automobile (1900-1940).

Nicht verschwiegen werden soll an dieser Stelle allerdings auch die Verstrickung der Adlerwerke als großer Rüstungsbetrieb im Dritten Reich. So wurden in den letzten Kriegsjahren auch KZ-Häftlinge auf dem Gelände im Werk I an der Weilburger Straße untergebracht. Insgesamt mussten zwischen August 1944 und März 1945 rund 1.600 Menschen im KZ-Adlerwerke als einem Außenlager des KZ Natzweiler mit dem Decknamen „Katzbach“ arbeiten. Nur wenige Menschen überlebten. Am 24. März 1945 wurden etwa 400 Zwangsarbeiter auf einem Todesmarsch zum KZ Buchenwald getrieben. Das dunkelste Kapitel in der Firmengeschichte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg stellten die Adlerwerke die Automobilproduktion ein und fokussierten sich auf den Bau von Fahrrädern, Büromaschinen, Motorrädern und Werkzeugmaschinen. Nach der Übernahme durch Grundig und weiterer Eigentümerwechsel wurden seit 1958 bis zur Einstellung der Produktion im Jahr 1998 aber nur noch Büromaschinen produziert. Seit 2002 sind die einstigen Adlerwerke als „Adler Real Estate“ in der Immobilienprojektentwicklung tätig.

Der historische Firmensitz in der Kleyerstrasse in Frankfurt-Gallus ist heute ein beeindruckendes Industriedenkmal, von dem noch der westliche und östliche Teil erhalten sind. Besonderns markant ist der östliche Backsteinbau von 1907. Zu den derzeitigen Mietern gehört unter anderem das Gallus Theater.

Ergänzung: Der Beitrag wurde im FITG-Journal 1/2015 veröffentlicht.

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