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(Bewegungs-)Freiheit, Kleidung, Emanzipation und Tanz

– Ein digitales Häppchen zur Abendmode der „Goldenen Zwanziger“

Das Monacensia im Hildebrandhaus der Münchner Stadtbibliothek rief anlässlich der Ausstellung „Erika Mann. Kabarettistin – Kriegsreporterin – Politische Rednerin“ dazu auf, sich unter #ErikaMann zu den Themen Demokratie, Freiheit, schöne Künste und den „Goldenen Zwanzigern“ zu vernetzen.

Daran beteiligen wir uns gerne, denn die Erika Mann steht wie keine andere für ein neues, weibliches Rollenbild: Durch ihr Wirken war sie Teil einer neuen Frauenbewegung, die durch die Zeit des Ersten Weltkriegs beeinflusst wurde. Da viele Männer während des Krieges ihren Berufen nicht mehr nachgehen konnten, entstanden in der Industrie und Wirtschaft Leerstellen, die von Frauen ausgefüllt wurden. Diese Situation nährte das Selbstbewusstsein vieler Frauen und den Wunsch nach einer gesellschaftlich gleichgestellten Position. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs gaben sich daher viele bürgerliche Frauen nicht mehr mit dem klassischen Rollenbild als Ehefrau und Mutter zufrieden. Sie strebten stattdessen nach eigener Erwerbstätigkeit und der damit verbundenen finanziellen Unabhängigkeit sowie politischen Mitsprache wie diese schon seit Ende des 19. Jahrhunderts durch die Frauenbewegung erkämpft wurde.

Das Historische Museum Frankfurt widmet in seiner aufgrund der aktuellen Lage noch nicht eröffneten Sonderausstellung „Kleider in Bewegung – Frauenmode seit 1850“ einen Themenbereich auch dem sogenannten Bild der „Neuen Frau“ der 1920er Jahre, das hier nicht – wie etwa in München – biographisch, sondern anhand der Kleidung untersucht wird.

Wie kann ein lebloses Ding wie Kleidung, etwas Gelebtes und gleichsam auch Abstraktes wie Freiheit, etwas Politisches wie Demokratie versinnbildlichen? Wie kann Kleidung und Mode Ausdruck durch Handeln und Geist bestimmter Werte sein?

Die beiden Kernthemen der Schau sind „Kleidung“ und „Bewegung“. Mit „Bewegung“ wird das an sich starre Textil mit einer essenziell lebendigen Eigenschaft verknüpft. „Kleidung“ selbst ist immer ein Kulturprodukt, richtet sich also nach gesellschaftlichen Konventionen und nimmt sogar Einfluss darauf, wie sich unser Körper bewegt.

Beide Aspekte wurden in dem Kooperationsforschungsprojekt „Kleidung in Bewegung versetzen. Eine objektbasierte Untersuchung von Kleidung zur textilen Rekonstruktion von Bewegung“ zwischen dem Lehrstuhl für Kulturwissenschaft der Mode und des Textilen der Universität Paderborn und dem HMF untersucht. Die Forscherinnen Kerstin Kraft (Universität Paderborn) und Regina Lösel (Universität Paderborn) drehten gemeinsam mit der Kuratorin für Mode und Textil, Maren Härtel (HMF), die Textilien der hauseigenen Sammlung „quasi auf Links […]“, um die Konstruktion der Kleidung sowie die Bewegungsspuren der Körper darin, zu erkennen. „Die darauf gründende Recherche und Interpretation der Frauenkleider aus 80 Jahren (1850 bis 1930) wird [in der Schau] in ebenso ungewöhnliche Präsentationsformen umgesetzt: Die höchst fragilen Textilien wurden auf eigens entworfene Figurinen montiert, die zeittypische Bewegungsmomente ihrer Trägerinnen in Szene setzen. Damit erzählt sie eine andere Geschichte der „Frauenbewegung“: Eine Geschichte der zunehmenden Bewegungsfreiheit bürgerlicher Frauen vor und nach 1900“, so Jan Gerchow im Vorwort des Begleitbuchs.

Es lässt sich ein Entwicklungstrend erkennen: vom passiven Frauenkörper, der in Kleidung gezwängt ist, dem starke Bewegungseinschränkungen vorgegeben werden und dessen Silhouette maßgeblich durch die Kleidung geformt wird, zu einem Körper, der sich aktiv bewegt, dem weniger Bewegungseinschränkungen vorgegeben sind und der durch körperliche Betätigung geformt werden muss: also der Trend von einem fremdbestimmten zu einem selbstbestimmten Bewegungsmuster.

In den 1920er Jahren rebellierten Frauen gegen das in Korsetts „Eingeschnürtsein“ und im häuslichen Bereich „Gefangensein“. Die Mode ist auf Bewegung, Mobilität und Tempo ausgerichtet.

„Die Frau“ der Zwanziger orientierte sich an einem neuen androgynen Erscheinungsbild. Hosenanzüge und flaches Schuhwerk trugen nun auch Frauen und symbolisierten damit die neu empfundene Gleichstellung zwischen Mann und Frau – dementsprechend wurde auch der „Bubikopf“ zur Trendfrisur der 1920er Jahre. Neben der – vornehmlich am Tage – vorherrschenden eher weit geschnittenen und maskulinen Kleidung, assoziieren wir mit der Frau der „Goldenen Zwanziger“ noch ein weiteres Erscheinungsbild: die „Flapper“ im Tanzlokal bei Nacht.

„Auch beeinflussten Modetänze der 1920er Jahre die Schnitte und Beschaffenheit der Kleider. Beim Charleston mussten einzelne Körperteile getrennt voneinander bewegt werden. Während mit den Armen gerudert und geschwungen wurde, führten die Beine X- bzw. O-förmige Kombinationen aus. Um diese Tanzbewegungen überhaupt erst zu ermöglichen, mussten Änderungen an der Kleidungsform vorgenommen werden. Diese ärmel- und taillenlosen Hängerkleider mit kniekurzem Rock sind heute noch als Charlestonkleider bekannt.“, so Isabelle Berens zum Charlestonkleid, welches die Wissenschaftlerin in einem Artikel im Begleitbuch zur Ausstellung beschreibt (S. 238f.)

Die fortschreitende Industrialisierung und Elektrifizierung des urbanen Raums und die Möglichkeit neuer sozialer Interaktionen wie der Charleston-Tanz spiegeln sich allesamt in der Kleidung wider, da die Verarbeitungsart des Kleides auf die neuen sozialen Räume, Interaktionsformen und technischen Möglichkeiten reagierte.

So ist das Oberteil des gezeigten Charlestonkleides „vorn und hinten mit schwarzen Pailletten aus Zelluloid bestickt. Im unteren Bereich ergeben die Pailletten das Muster von Zweigen mit Blättern in Rot, Grün und Braun. Je nach Bewegung reflektieren die Verzierungen das Licht und erzeugten einen schillernden und verführerischen Effekt, passend zu den Varietés, Kinos, Kasinos, Bars, Hotels, Clubs oder Tanzlokalen, die Frauen zur Unterhaltung abends nach Draußen lockten.“ (Berens, Charlestonkleid, S. 239.) Diese neue Art von Kleidern inszeniert mithilfe elektrischen Lichts, neuen Verarbeitungstechniken, Stoffen und Verzierungen Bewegungen noch dynamischer.

Das Charlestonkleid und viele weitere mit der Kleidung verbundene Geschichten zur weiblichen Bewegung(-sfreiheit) lernt ihr in der (hoffentlich bald geöffneten) Sonderausstellung des HMF kennen.

1 Kommentar zu “(Bewegungs-)Freiheit, Kleidung, Emanzipation und Tanz

  1. Lieber David Barth,

    ein ganz herzliches Dankeschön fürs Mitmachen bei #ErikaMann – gerade der Typus der Neuen Frau passt prima auf die älteste Tochter Thomas Manns zu. Es freut uns sehr, dass Ihr auf die Mode der Zeit eingeht. Auch Erika Mann erscheint mit Bubikopf und Hosenanzug. Zählte sie sich anfangs selbst zur vergnügungssüchtigen Generation der 20er Jahre, änderte sich das sehr bald ab 1932, ein Jahr bevor sie ihr politisches Kabarett „Die Pfeffermühle“ gründete und indirekt direkt gegen das Nazi-Regime damit anging.

    Wir sammeln alles zur Vernetzungsaktion #ErikaMann in unserer Collection – Euer Blogpost wird darin aufgenommen – hier der Link zur Info:https://wakelet.com/wake/7bf83ced-d137-46d5-a78e-ef7e2345db0a
    Abends aktualisieren wir, was tagsüber dazu geschah. Wir haben unsere Deadline selbst gerissen, morgen gegen 18:00 kommt der letzte Blogpost dazu im Blog der Münchner Stadtbibliothek.

    Wir sind absolut begeistert, was Ihr und die anderen Teilnehmenden mit euren Inhalten zur Aktion gemacht habt: eine absolute Bereicherung, eine Vernetzung, die in Zeiten wie diesen nochmals wichtiger denn je sind. Wir danken Euch herzlichst dafür!

    Alles Gute!
    Tanja Praske, digitale Vermittlung Erika Mann-Ausstellung, Monacensia

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