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Der lange Atem der Revolution

Vor wenigen Jahren konnte man noch Kinder mit dem Versprechen in ein Museum  locken, sie könnten dort auch „Knöpfchen drücken“. Die jugendlichen Besucherinnen und Besucher  waren vor allem in Technik-Museen oft weniger von den zum Teil spektakulären Ausstellungsstücken beeindruckt als von der Möglichkeit, selbstständig bestimmte Exponate beleuchten oder gar bewegen zu können. Es handelte sich gewissermaßen um die ersten Beispiele des modernen interaktiven Museums.  Mit der Verwendung von Tablets in seiner jüngsten Ausstellung DAGEGEN! Dafür? Revolution Macht Geschichte! nutzt das Junge Museum eine moderne Präsentationstechnik, die der Zielgruppe des Museums  in der Regel sehr vertraut ist. Vielleicht vertrauter als den erwachsenen Freunden&Förderern des Museums, denen Martina Dehlinger die von ihr mitkuratierte Ausstellung präsentierte.

Blick auf Videoleinwand mit Grundrechten, vorne die Gruppe
Die Navigation mit Tablets ermöglicht es, in vier nachgestellten historischen Räumen Einzelheiten über die Meinungsbildung und den Verlauf von vier historischen Revolutionen und Protestbewegungen zu erfahren. Dabei handelt es sich um die Nationalversammlung von 1848 in der Paulskirche, die Novemberrevolution von 1918, die Auseinandersetzungen um den Bau der Startbahn West des Frankfurter Flughafens im Jahre 1980 sowie das Camp der Occupy-Bewegung vor der Europäischen Zentralbank am Willy-Brandt-Platz in den Jahren 2011/2012. Faszinierend an der Ausstellung ist, dass die jungen Besucherinnen und Besucher mit den durch die Tablets gestellten Aufgaben und Spiele die historischen Ereignisse nachvollziehen können, für die durch echte Exponate auch eine authentische Vorstellung der jeweiligen Zeit vermittelt wird.

So liegen in dem Versammlungsraum, in dem sich die demokratische – nach heutigen Begriffen linke – Fraktion des Paulskirchenparlaments traf, unter anderem Wahlaufrufe und Stimmzettel für die damaligen Abgeordneten aus. Zur Visualisierung der Revolution von 1918 gehört ein Schreibtisch, von dem aus der Frankfurter Arbeiter- und Soldatenrat mit Hilfe eines Morsegeräts mit seinen Kameraden kommunizierte. Der Kampf um die Startbahn West wird mit einer Nachbildung eines Hüttendorfs im Frankfurter Stadtwald vorstellbar gemacht. Darin befindet sich eine Maschine zur Herstellung der damals sehr populären Buttons zur Äußerung politischer Ansichten. Angesichts der heute in den sozialen Medien vielfach geäußerten Schimpfkanonaden erscheint es kaum vorstellbar, dass einstmals eine bayrische Schülerin wegen Tragens eines „Stoppt Strauß“-Buttons von der Schule verwiesen werden sollte. Für das Frankfurter Occupy-Camp steht eine aus Paletten gebaute und mit vor der damaligen Kälte schützenden Teppichen ausgestattete Sitzecke.

Die Ausstellung soll den jungen Leuten helfen, ihre freiheitlichen Rechte, auch Widerstandsrechte, zu erkennen, für sie einzustehen und Verständnis für die Meinungsvielfalt en zu entwickeln. Von den vier dargestellten Revolutionen und Protestbewegungen waren nur der Sturz der Monarchie mit der Ausrufung des allgemeinen Wahlrechts in Deutschland im Jahre 1918 von Erfolg gekrönt. Jedoch gibt es in der Ausstellung ein anschauliches Beispiel dafür, dass für die Durchsetzung freiheitlicher Rechte manchmal ein langer Atem notwendig ist: Im Zimmer der Abgeordneten von 1848 hängt ein schmuckvoll gestaltetes Plakat mit der Aufzählung der damals geforderten bürgerlichen Grundrechte. In der Nachbildung eines Fabrikkontors liegt auf dem Schreibtisch eine Ausgabe der Weimarer Verfassung von 1919, in der erstmalig die „Grundrechte und Grundpflichten der Deutschen“ aufgenommen wurden. Diese Grundrechte wurden in geänderter Reihenfolge in das Grundgesetz von 1949 übernommen – allerdings mit dem gewichtigen Unterschied, dass diese Rechte nicht nur für deutsche Staatsbürger gelten. Prägnanter als in Artikel 3 unserer Verfassung lässt sich das nicht ausdrücken: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich“.

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