Neudenken + Entwerfen

Der moderne Blick der 1920er Jahre

Fotografien von Nini und Carry Hess (1884–1943?/1889–1957)

Die von der Münchner Monacensia für November und Dezember 2020 initiierte Blogparade #femaleheritage zum Auftakt des mehrjährigen Forschungsprojekts Frauen und Erinnerungskultur ruft zur digitalen Spurensuche nach prägenden und mutigen, doch vergessenen weiblichen Persönlichkeiten aus der Kunst und Literatur, aber auch aus Wissenschaft, Sport und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens auf.

Auch wir vom Historischen Museum wollen uns am Ende der Blogaktion mit einem Beitrag aus der Fotografischen Sammlung zu einem besonderen Fotografischen Konvolut beteiligen – mit den Fotografien der Fotografinnen Nini und Carry Hess (1884–1943?/1889–1957).

Im Kaiserreich und in der Weimarer Republik war das junge Geschwisterpaar aus Frankfurt durch seine fotografischen Arbeiten überregional sehr gefragt. Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft wurde den Schwestern Hess die Berufstätigkeit als Jüdinnen untersagt, 1938 zerstörte die SA das Atelier und das Bildarchiv fast vollständig. Durch den Nationalsozialismus verloren die Schwestern als Jüdinnen nicht nur ihre berufliche Existenz, sondern auch ihr Leben durch Deportation und Ermordung (Nini) und durch Flucht, prekäres Überleben mit gesundheitlich hochgradigen Schäden und dadurch frühen Tod (Carry). Sie sind durch den Nationalsozialismus in Vergessenheit gedrängt, nicht mehr ausreichend erinnert worden und bis heute einer größeren Öffentlichkeit nicht mehr bekannt.

Erst seit den 1990er Jahren sind die beiden Fotografinnen, die 1913 ein Atelier in der Innenstadt, in der Börsenstraße gründeten und dort ihre Karriere starteten, in Ausstellungen und Publikationen wieder entdeckt worden. Zu Recht: Sie gehörten zu den angesehendsten Fotograf*innen Deutschlands. Spezialisiert auf Porträtfotografie waren sie für die Fotografie der städtischen Bühnen und der Schauspieler sowie nationaler Persönlichkeiten zuständig und versorgten die neuen Illustierten der Weimarer Republik mit ihren Fotografien.

Das Museum Giersch der Goethe-Universität zeigt im Herbst 2021 die erste umfassende Ausstellung zu Leben und Werk der beiden Schwestern Hess. Die Überreste ihres Werkes sind heute verstreut in Museumssammlungen und Archiven sowie in Nachlässen der Porträtierten, und werden in der Ausstellung erstmals umfassend gezeigt.

Seit mehreren Jahrzehnten sammelt und stellt das Historisches Museum Museum nicht nur verstärkt Oeuvre von Frankfurter Fotografinnen* bzw. deren -nachlässe aus, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert weniger museale Beachtung fanden, sondern forscht auch in der eigenen Sammlung nach bisher unentdeckten Fotografinnen*nachlässen. Diese schlummerten und schlummern in der Tat noch in den Schubladen zu Stadtansichten oder zu Bildnissen Frankfurter Persönlichkeiten ohne bisher hergestellten, konkreten Bezug zum Herstellungskontext und Urheberin.

Dabei geriet Martha Caspers, meiner Vorgängerin in der wissenschaftlichen Betreuung der Fotografischen Sammlung, schon früh das Geschwisterpaar Nini und Carry Hess in den Blick, das mit seiner modernen Fotografie große Beachtung weit über Frankfurt hinaus erhalten sollte. Wir freuen uns deshalb, als Museum einen großen Teil aus dem rund 35 Fotografien bestehenden Bestand der Fotografien für die Ausstellung im kommenden Jahr im Museum Giersch ausleihen zu können, und damit die öffentliche Beschäftigung mit den außergewöhnlichen Fotografinnen Nini und Carry Hess weiter anzuregen.

 

Zum Weiterlesen:

„Auf Geradem Weg zwischen Bildnerei und Technik“. Fotografien von Nini & Carry Hess 1920 – 1933. Köln, Schloss Wahn vom 15.April bis 26. Juni 2002.

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