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Der „Wasserhahn des Mittelalters“

Als ich das erste Mal den Begriff „Lavabokessel“ gehört habe, habe ich mich erst mal gefragt, was das denn überhaupt sein sollte. Auch als ich das Objekt aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, das in „100 x Frankfurt“ für die neue Dauerausstellung Frankfurt Einst? ausgewählt wurde, zum ersten Mal gesehen habe, war mir dessen Funktion immer noch nicht ganz klar. Doch ich war neugierig geworden und wollte mehr wissen. Also habe ich wieder Bücher zu Rate gezogen und das große Fragezeichen in meinem Kopf ist immer kleiner geworden.

historisches museum frankfurt: der Lavabokessel

Ein Lavabokessel, der hauptsächlich aus Messing, eine Kupfer-Zink- Legierung, hergestellt wurde, wurde hauptsächlich zum Händewaschen benutzt. Dafür hing er an einer Aufhängevorrichtung. Unter ihm befand sich meistens ein Becken oder eine Schale und oft konnte man neben dem Kessel noch ein Handtuch finden. Gerne wird er auch „der Wasserhahn des Mittelalters“ genannt. In der Kirche benutzten Priester den Kessel vor und manchmal auch nach der Messe. Aber auch im bürgerlichen Haushalt fand man den Kessel im Schlafzimmer oder im Wohnraum.

Benutzt wurden die Lavabokessel, deren Name vom lateinischen „lavabo – ich werde waschen“ kommt, schon in der Antike, jedoch ist die zeitliche Einordnung, wie auch der Verbreitungsraum nicht ganz eindeutig. Der Ausguss und die Henkelösen waren häufig durch tierische oder menschliche Figuren verziert. An den Henkelösen finden sich oft bärtige Frauen- oder Männerköpfe und an den Ausgüssen Tierköpfe, z.B. Hundeköpfe, wie auch bei unserem Exemplar. Diese Ausführungen dienten wohl aber nur als Verzierung und haben keine weitreichendere Bedeutung. Messing wurde im Mittelalter wegen seines goldenen Glanzes geschätzt, teilweise auch als Prestigeobjekte gesehen, und daher oft, auch wegen seiner Pflegeleichtheit, für Gebrauchsgegenstände verarbeitet und gehandelt.
Auch der Lavabokessel ist ein Fernhandelsgut und wurde auf den Frankfurter Messen gehandelt. Seit dem Hochmittelalter kann man davon sprechen, dass Metalle als ein Massengut in Handel und Gewerbe auftraten, was auch durch die natürlichen Vorkommen in der Stadtnähe begünstigt wurde. Großhandel und Ausweitung des Metallgewerbes wurden durch einen Fortschritt in Transport, Abbau und Gewinnung der Materialien möglich. Warum der Lavabokessel nun zwei Ausgüsse hat (es gibt nämlich auch Exemplare mit nur einem Ausguss) leuchtet mir immer noch nicht ganz ein, aber ich könnte mir vorstellen, dass es wegen des Gleichgewichtes sein könnte oder einfach damit von beiden Seiten Wasser ausgegossen werden konnte.

Mir kommt die Vorstellung in den Sinn, wie es wohl wäre auf den heutigen Wasserhahn zu verzichten und auf einen Lavabokessel umzusteigen und entscheide mich dann doch für den Wasserhahn. Aber trotzdem ist es doch toll zu wissen, wie sich viele Menschen im Mittelalter die Hände gewaschen haben.

2 Kommentare zu “Der „Wasserhahn des Mittelalters“

  1. renate goebel

    Ich habe einen Lavabokessel mit 2 Ausgüssen in Messingfarbe, wahrscheinlich Bronze,
    offenbar sehr alt, erworben. Zustand sehr gut. Gewicht 3,8 kg.
    Will diesen nicht verkaufen, jedoch würde es mich interessieren, wie ein solcher
    Kessel gehandelt wird. Danke f. eine Auskunft.

    • Nina Gorgus

      Liebe Frau Goebel,
      über Preise können und dürfen wir keine Auskünfte geben. Sie könnten sich aber im Auktionshandel darüber informieren – wie etwa bei https://hampel-auctions.com/ oder anderen Händlern. Hier können Sie eventuell mehr erfahren. Mit freundlichen Grüßen,
      Nina Gorgus

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