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Die Handpuppen von Liesel Simon sind zurück in Frankfurt!

historisches museum frankfurt: die Handpuppen von Liesel Simon

Immer wieder werden dem historischen museum Objekte angetragen. Doch nur wenige Objekte haben solch eine Geschichte wie die 13  Handpuppen von Liesel Simon, die nun wieder nach Frankfurt zurückgekehrt sind. Sie stehen nicht nur für eine ganz persönliche Geschichte, sondern für ein kollektives Schicksal vieler Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus und der Shoah.

Doch von Anfang an: Anfang des Jahres bekam ich eine Email aus Ecuador, in der Jacqueline Simon dem Museum Handpuppen von ihrer Großmutter aus den 1920er Jahren anbot. Über die Vermittlung der Frankfurter Historikerin Hannah Eckhardt hatte sich die Enkelin von Liesel Simon an uns gewandt, um für die Erbstücke, die 1941 mit der Handpuppenspielerin ins Exil nach Ecuador kamen, den richtigen Ort zu finden. Hannah Eckhardt forscht seit einigen Jahren schon über Liesel Simon und hat im Frankfurter Personenlexikon einen Eintrag zu ihr verfasst.

Davon ausgehend und mit einigen knappen eigenen Recherchen wollte ich zunächst wissen, wer Karoline Liesel Simon geborene Goldschmidt eigentlich war. Sie stammte aus Neumarkt in der Oberpfalz aus einer kinderreichen jüdischen Familie, die die 1884 gegründete Velocipedfabrik Goldschmidt & Pirzer“ gehörte und die später unter den Namen Express-Fahrradwerke-AG bis 1959 Räder und Motorräder produzierte und ein Vorreiter auf diesem Gebiet war. Liesel konnte als Tochter des Fabrikbesitzers Joseph Goldschmidt (er starb 1896), ein behütetes bürgerliches Leben führen: anscheinend ging sie bei katholischen Nonnen in die Schule. Wichtige Fragen sind noch nicht geklärt: Wann zog sie nach Frankfurt? Wo lernte sie ihren Mann kennen?  Wann begann sie mit dem Handpuppenspiel?

Das Frankfurter Adressbuch gibt bedingt Auskunft: hier ist das Ehepaar eine Zeitlang im Oeder Weg gemeldet, hier kamen wohl auch die beiden Söhne Hans und Fritz zur Welt. In Frankfurt begann Liesel Simon, Handpuppen selbst anzufertigen oder sie von Künstlern herstellen zu lassen sowie eine eigene Bühne zu betreiben – im Oeder Weg 155. 1928 war hierzu im Frankfurter Adressbuch zu lesen: „Erstes Münch. Kasperle-Theater“.
Liesel Simon hatte keine kunsthandwerkliche Ausbildung, als sie begann, Handpuppen selbst herzustellen. Sich auf diese Weise kreativ-künstlerisch  zu beschäftigen, ist zu Beginn des 20. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen durchaus üblich. Dazu gehören auch Aufführungen im Familien- und Freundeskreis. Auch das Puppentheater hatte seinen festen Platz; es gab in privaten bürgerlichen Haushalten private Puppenbühnen; einige davon haben sich bis im historischen museum erhalten.

Das Puppentheater – darunter werden sowohl das Marionettentheater als auch die Handspielpuppen subsumiert – hat in den 1920er Jahren, also der Zeit der Weimarer Republik Konjunktur: von den demokratischen Entwicklungen profitierte das gesamte Theaterwesen. Puppentheater konnten nun auch von der öffentlichen Hand finanziert werden, es entstanden Vereine, in denen sich Amateure und professionelle Spieler zusammenschließen. Zahlreiche – internationale –  Vereinigungen wurden gegründet; 1930 etwa entwickelte sich der Ableger der internationalen Vereinigung UNIMA der „Deutscher Bund für Puppenspieler“. Auch Liesel Simon war Mitglied bis 1933, sogar im im Vorstand, wie Hannah Eckhardt herausgefunden hat.

Einen großen Einfluss auf das Puppenspiel für Kinder hatte auch die Reformpädagogik, die sich um 1890 auch in Deutschland ausbildete und bis zur Machtübernahme 1933 breite Unterstützung fand. Es ging dabei um freie Entwicklung von Jugendlichen und Kindern; um die Schlagworte Selbsterziehung und authentische Lebensgestaltung. Der „Kasperl“ wird so zum Erzieher…

Unter der Überschrift „Florierendes Theater ohne Zuschüsse“ berichteten die Tageszeitung „Frankfurter Nachrichten“ am 9.11.1930 über „Frau Liesl Simons Kasperletheater“. Hier wird sie als „Intendantin, Dramaturgin, und Dichterin“ bezeichnet – denn sie gestaltete alles selbst: die Puppen, das Dekor und die Stücke, die sie bekannten Märchen und Theaterstücken entlehnte. Wir sind noch dabei, ein Notizbuch von Liesel Simon auszuwerten, das wir ebenfalls in die Sammlung aufnehmen dürfen – hier schrieb Liesel Simon Ideen für Aufführungen auf, notierte sich mögliche Stücke und Szenen.
Das Puppenspiel kann sich seinen Platz in der Gesellschaft sichern – nicht zuletzt auch deshalb, weil es sich mit den in den 1920er Jahren neu auftauchenden Medium Radio verbünden kann. Auch Liesel Simon war beim Rundfunk aktiv, der damals bei der Gründung 1924  in Frankfurt Südwestrundfunk hieß. Hier war sie zuständig für die 1926 eingerichtete Kinderstunde, den „Rundfunkkasperl“. Bis heute haben sich Schellackplatten mit ihren Stücken erhalten. Liesel Simon war somit ein Teil des lebendigen Frankfurter Kulturlebens in den Zwischenkriegsjahren.

Mit der Machtübernahme 1933 und den Nürnberger Gesetzen 1935 erhielten Menschen jüdischer Herkunft Berufsverbot. Als Reaktion auf die Ausgrenzung entsteht mit Genehmigung der Nationalsozialisten Jüdische Kulturbünde, so dass im geringen Maße und ausschließlich vor jüdischem Publikum künstlerische Darbietungen Vorführungen möglich sind. 1937 trat Liesel Simon in Berlin beim Berliner Kulturbund auf – davon zeugt eine Serie von Fotografien von Herbert Sonnenfeld (1906-1972), die sich heute im Bestand des Jüd. Museums Berlin befindet.

In den 1930er Jahren verliert sich die Spur der Familie etwas.  Die Familie weiß, dass der Sohn Hans 1938 über Frankreich, Palastina und Spanien nach Ecuador emigieren konnte. Hier konnte er als Juan ein neues Leben anfangen. Liesel konnte ihm 1941 folgen, während Vater Paul Simon 1942 von Paris aus nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Fritz blieb in Frankreich und tauchte dort während der deutschen Besatzungszeit unter und kam 1948 mit seiner Familie nach Ecuador.

Liesel Simon starb in Ecuador 1958 und gab die Handpuppen an die Enkelinnen-Generation weiter. Die Enkelin Jacqueline Simon erinnert sich, dass es eine große Ehre war, mit den Puppen der Großmutter spielen zu dürfen. Dankenswerterweise hat sie uns noch zwei Fotos aus Ecuador geschickt, die ich hier gerne ergänze.

Und nun fand im Museum die Übergabe statt. Eine weitere Enkelin, Marcia Simon Alvarez, konnte die Puppen anlässlich einer privaten Reise zurück nach Deutschland  bringen. Auf diese Weise erhielten wir einen intensiven Einblick in ein vielleicht beispielhaftes deutsch-jüdisches Familienschicksal aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust und darüber hinaus einen Eindruck davon, wie eine – nun auf mehreren Erdteilen verwurzelte Familie – mit diesem Erbe und dieser Geschichte umgeht. Durch die persönliche Begegnung mit Marcia war dieser Teil der deutschen Geschichte plötzlich ganz nah.

Marcia kann sich nicht erinnern, jemals mit ihnen gespielt zu haben. Vielleicht, weil sie der Großmutter zu kostbar waren. Bei der Übergabe bewegte uns sodann auch die Frage, wie wertvoll die Puppen für Liesel Simon gewesen sein mussten, dass sie diese wie ein Schatz ins Exil mitnahm.

Das historische museum widmet sich schon seit langen weiblichen Biografien, die mit Frankfurt verknüpft sind. Nun planen wir, auch im neuen Ausstellungshaus im Rahmen der geplanten stadtgeschichtlichen Ausstellung Frankfurt Einst? bald der ehemaligen Frankfurter Bürgerin und Handpuppenspielerin Liesel Simon ein Kabinett  widmen zu können.

historisches museum frankfurt: die Handpuppen von Liesel Simon sind zurück!

Auch die Presse war bei der Übergabe dabei und hat hier, hier, hier und hier darüber berichtet.

3 Kommentare zu “Die Handpuppen von Liesel Simon sind zurück in Frankfurt!

  1. Great story, congratulations. We are watching or reading History in the making !

  2. ¡Que preciosos muñecos!, que historia más bonita, ¿es posible verlos con mas claridad en la página del museo?

    • Nina Gorgus

      Thank you! We will open a small exhibition about Liesel Simon and her puppets in September 2018. Further information and more pictures are soon available on our website.

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