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Eine Bibliothek nicht nur zum Lesen

Mit dem Bezug des Neubaus des Museums wird auch die Bibliothek der Alten ein neues – und wie die zuständige Kuratorin Angela Jannelli gegenwärtig noch anhand von Plänen betont – attraktives Domizil erhalten. Gleichzeitig wird die künftig Bibliothek der Generationen genannte Abteilung technisch aufgerüstet:  An zwei Recherchestationen kann dann der Inhalt der Bibliothek, die auch als Mediathek bezeichnet werden kann, von den Museumsbesucherinnen und -besuchern erschlossen werden. Tatsächlich umfasst der Bestand der Bibliothek der Alten keineswegs nur Bücher – wie die Bezeichnung vermuten lässt – sondern Fotos, Zeichnungen, auch kleinere Gegenstände sowie Audio- und Videoaufnahmen, um deren Erschließung es in diesem Beitrag geht.

Bis zur Eröffnung des Museums muss die Datenbank der digitalisierten Medien gegenwärtig noch um kurze, aber aussagefähige Inhaltsangaben der von den Autorinnen und Autoren eingereichten Hör- oder Videodateien ergänzt werden. Im Falle der überwiegend professionell entstandenen Aufnahmen lässt sich bereits am vorangestellten Titel ein notwendiger Bestandteil für die Inhaltsangabe entnehmen: die Namen der auftretenden Personen. Dagegen musste ich manchmal, beispielsweise bei einer Amateuraufnahme aus dem Frankfurter Römer, genau hinsehen und durch eine Recherche verifizieren, um in der Inhaltsangabe hinzufügen zu können, welcher Frankfurter Oberbürgermeister die Ehrenplakette der Stadt an Trude Simonsohn aushändigte.

Die Arbeit ist zeitraubend, zumal manche Beiträge eine Länge bis zu einer Stunde haben. Die Beschäftigung mit diesen Medien vermittelt aber einen unmittelbaren Eindruck von der Vielfalt der Autorinnen und Autoren und ihren individuellen Erinnerungen, die durch die Lektüre von Texten allein nicht erreicht werden kann. Ich war schon immer an Geschichte interessiert und kenne auch die Debatten über die zögerliche Aufarbeitung der NS-Diktatur in der Nachkriegszeit, wie sie kürzlich auch in den Filmen über den hessischen Generalstaatsanwalt Fritz Bauer dokumentiert wurde. Aber dass die – mir bisher unbekannten – früheren Untersuchungsrichter Heinz Düx und Helmut Kramer zu den Autoren der BdA gehören, deren lebendige und manchmal atemberaubende Aussagen man jetzt immer wieder am Bildschirm abrufen kann, betrachte ich als einen ausgesprochenen Glücksfall.

Natürlich ist die Fähigkeit der Personen, ihre Erinnerungen zu formulieren – denn um diese geht es in den Beiträgen der BdA – durchaus unterschiedlich. Dies ist keineswegs ein Werturteil: Vielmehr macht gerade die Mischung aus Personen, die aufgrund ihres Berufes oder ihrer Persönlichkeit druckreif formulieren können sowie derjenigen Zeitzeugen, die erst durch gezielte Fragen ihre persönlichen und oftmals berührenden Erlebnisse schildern, die Besonderheit dieser kollektiven Gedächtnisbibliothek aus. So musste ich schon manchmal lächeln, wenn in einem Beitrag eine alte Dame im breiten Frankfurterisch von den Nachkriegs-Hamsterfahrten ihrer Eltern in den Vogelsberg erzählt, an die ich mich selbst auch gut erinnere. Andererseits bleibt die Erschütterung nicht aus, wenn Bewohner und Bewohnerinnen des Henry und Emma Budge-Altenheims in Frankfurt mit stockender Stimme von der Deportation ihrer jüdischen Angehörigen in die Vernichtungslager der Nazis berichten.

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