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Europas kulturelles Erbe

Mitte Oktober hatte ich die Gelegenheit, in Berlin an einer spannenden Tagung teilzunehmen. Für mich war dabei die Dichte und Vielfältigkeit an interessanten Rednern und Rednerinnen entscheidend, die nicht nur für Museen, Archiven und Bibliotheken sprachen. Auch Stiftungen, Universitäten, Forschungseinrichtungen, Juristen und Stimmen aus der Politik bereicherten die Runde. Meine Erwartungen an ein abwechslungsreiches Programm waren dementsprechend hoch.

In diesem Jahr legte die Tagung „Zugang gestalten!“ unter der Leitung von Dr. Paul Klimpel und der Schirmherrschaft der Deutschen UNESCO-Kommission ihr Hauptaugenmerk auf Europa sowie auf die Möglichkeiten Europas reiches kulturelles Erbe zugänglich zu machen. Die Tagung, die 2018 bereits in die 8. Runde ging, zeichnet sich für mich als Ort des Austauschs und der Diskussion aus. Viele Projekte die in Zusammenhang mit dem Europäischen Kulturerbejahr 2018 entstanden sind, fanden hier eine Plattform, um einmal Bilanz zu ziehen. Andere beteiligte Institutionen werden in ihren Digitalisierungsprojekten über einen langen Zeitraum begleitet, wodurch die nötigen Rahmenbedingungen definiert werden können die Zugang fördern oder auch hindern.
Frankfurt am Main wurde durch Ellen M. Harrington, der Direktorin des Deutsche Filminstituts und Filmmuseums, Dr. Mirjam Wenzel, der Direktorin des Jüdischen Museums sowie Dr. Elisabeth Niggemann, der Generaldirektorin der Deutschen Nationalbibliothek vertreten. Sie präsentierten spannende Beiträge und digitale Projekte.

Meiner Meinung nach besteht die Stärke und der Konsens dieser Veranstaltung in der Zusammenarbeit. Ideen werden geteilt, Erfahrungen (positive genauso wie negative) diskutiert und Hilfestellungen (besonders auch rechtlicher Art) geboten. Alle kulturellen Projekte stehen aber nicht nur vor der Herausforderung, Inhalte zu erarbeiten, zu vermitteln und nutzbar zu machen, sondern auch finanzielle und politische Unterstützung zu finden.

Durch die Tagung und der Annähung an das Thema „Kulturelles Erbe“ wurde mir deutlich vor Augen geführt, wie viel Potential darin steckt. Bei der Betrachtung der europäischen Kulturerbestätten fällt deren entscheidender Faktor in den Bereichen Tourismus aber auch Wirtschaft auf. Die UNECSO verzeichnet derzeit 1092 Welterbestätten, von denen sich wiederum 440, also knapp die Hälfte, in Europa befinden.
Eine Goldgrube oder ein finanzielles Fass ohne Boden? Vermutlich würde darauf jeder eine andere Antwort darauf geben. Aber ein paar Zahlen haben mir dabei neue Blickwinkel ermöglicht.

Die Kultur- und Kreativwirtschaft machen mehr als 500 Milliarden Euro in der Europäischen Ökonomie aus. Allein in Deutschland wurden im Jahr 2017 über 250 Milliarden Euro durch Bereiche wie Darstellende Künste, Buchmarkt, Kunstmarkt, Architekturmark, Designwirtschaft und weiter Bereiche erwirtschaftet. Dieser Sektor ist somit größer als die meisten Industriellen Sektoren. Stellt man sich zum Vergleich einem industriellen Riesen gegenüber, der Automobilindustrie, deren Zahlen in Deutschland vor allen anderen europäischen Ländern liegen und daher hier genutzt werden, erhält man einen deutschen Umsatz im Jahr 2017 von 426 Milliarden. – Beeindruckende Zahlen, die dem Kultursektor meiner Meinung nach einiges an Selbstbewusstsein geben sollten.

Kulturelles Erbe ist außerdem einer der wichtigsten Motoren für den Tourismus. 12 Millionen Menschen in Europa haben einen Arbeitsplatz in diesem Sektor, der besonders jungen Europäern als Arbeitgeber dient. Investitionen in diesem Bereich sind daher sehr sinnvoll, denn der Tourismus wird auch in Zukunft ein wichtiger Faktor sein. Harry Verwayen, der Direktor der Europeana Foundation, macht dabei deutlich, dass es sinnvoll ist die abgelegeneren oder kleineren Kulturerbestätten in den Fokus zu nehmen, diese gezielt zu fördern und damit die touristischen Ströme aufzuteilen um einer Überbelastung der Hauptanziehungspunkte vorzubeugen. Digitale Projekte stehen im Mittelpunkt dieser Überlegungen um kulturelles Erbe allen, Einheimischen, Forschenden aber auch Touristen aus dem In- und Ausland, leicht, unkompliziert und attraktiv zugänglich zu machen.

Obwohl es bereits an viel Museen, Archiven und kulturellen Institutionen Digitalisierungsprojekte gibt, sind nur knapp 10% des Kulturgutes digitalisiert, davon sind nur 36%, also kaum ein Drittel, online zugänglich. Die noch ausstehende Arbeit in diesem Bereich wird deutlich, auch benötigen solche Projekte neben finanzieller ebenso politische Unterstützung.
Mich verblüfften dabei Deutschlands Subventionen. Nur knapp 1% des Bruttoinlandprodukts fließen dabei in die Kultur- und Kreativwirtschaft. Ich fand es sogar noch irritierender als ich erfuhr, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft im Gegenzug durchschnittlichen mehr als 4,5% des BIP generiert. Ein Ungleichgewicht wird deutlich und ich hoffe, diese Zahlen ändern sich in Zukunft.

Die EU hat in dieser Hinsicht auch lange geschlafen, denn Kultur wurde kaum gefördert. Erst in diesem Jahr legte man mit der „New European Agenda for Culture“ die Weichen neu und stellt nun Gelder zur Verfügung, die die europäische Kultur fördern sollen. Wie gut die Verteilung der dringend benötigte Förderung funktioniert, werden die nächsten Jahre zeigen.

Natürlich lassen sich die wahren Werte unseres kulturellen Erbes nicht in Zahlen ausdrücken oder mit Geld beziffern, doch ein Grund für mehr Selbstvertrauen sind sie auf jeden Fall. Die Tagung sowie der Enthusiasmus der Vortragenden haben mir klar gemacht, dass es Zeit wird, das unglaublich Potential von Kultur zu erkennen, die kreativen Impulse und Stärken zusammen zu führen, Innovationen zu kombinieren und gemeinsam zukünftige Projekte anzugehen. Mir hat der Aufenthalt in Berlin neben vielen Informationen auch Motivation gegeben, eigene Projekte mit neuem Schwung voran zu bringen. Die Organisation war fantastisch und ich werde nächstes Jahr auf jeden Fall wieder dabei sein!

Fotos by Hansgeorg Schöner

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