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Kunststück: Der Annenaltar und die Heilige Sippe

In der Adventszeit begegnet man allenthalben der Darstellung der Heiligen Familie, bestehend aus Maria und Josef und dem Jesuskind. In den mittelalterlichen Legenden wurde der Kern der Heiligen Familie durch zahlreiche weitere Mitglieder zur Heiligen Sippe erweitert. So zeigt der um 1504 entstandene Annenaltar des „Meisters aus Frankfurt„, eines der prominentesten Objekte des historischen museums frankfurt, neben der Heiligen Anna, der Mutter der Jungfrau Maria, auch die Halbgeschwister der Muttergottes, deren Ehemänner sowie die zahlreichen Cousins und Cousinen Jesu.

historisches museum frankfurt: Meister von Frankfurt, Annenrentabel, Mitteltafel mit Heiliger Sippe, um 1504

Der Kunsthistoriker Rainer Donandt stellte den dreiteiligen Altar und die Hintergründe seiner Entstehung im November den freunden & förderer des hmf vor. Der Vortrag markiert den Beginn der neuen Veranstaltungsreihe „Kunststück“, bei der die Mitglieder des Fördervereins künftig herausragende Objekte des Museums kennenlernen können.

Donandt erläuterte sehr anschaulich den in den Jahren um 1500 vorherrschenden Annen-Kult sowie die damit verbundene Vorstellung der Heiligen Sippe. Die nach den Schiften der Apokryphen dreimal verheiratete Großmutter Christi mit ihren Kindern aus drei Ehen wurde für die Gläubigen des Spätmittelalters zu einem neuen, populären Typus der Heiligen. In der Gedankenwelt der Volksfrömmigkeit bot eine Anrufung dieser Heiligen gleich die dreifache Chance, dass die Bitten auch erhört wurden: Dabei wurde unterstellt, dass auch der Enkel Jesus aus Gehorsam gegenüber Mutter und Großmutter keine ihm angetragene Bitte abschlagen würde.

Bis zur Säkularisierung Anfang des 19. Jahrhunderts stand der Annenaltar, dessen Klappflügel nur an Feiertagen geöffnet wurden, in der Frankfurter Dominikanerkirche. Die bürgerlichen Eliten der Handelsstadt Frankfurt, die vermutlich den Altar stifteten, sahen in der Heiligen Sippe eine bildliche Umsetzung ihrer eigenen Wertvorstellungen von der Bedeutung der Familie.

Rainer Donandt ging auch auf eine theologisch-historische Diskussion zwischen dem Dominikanerkloster und dem Karmeliterkloster ein, in der der Annenkult und damit auch das Gemälde eine Schlüsselrolle spielte. Dabei ging es um die sogenannte unbefleckte Empfängnis der Muttergottes, wobei in der Auseinandersetzung zwischen den beiden Klöstern auch die Umstände der Schwangerschaft Annas eine Rolle spielten. Die Aufstellung des Annenaltars im Dominikanerkloster kann man in diesem Zusammenhang durchaus als eine bewusste Demonstration der Dominikaner ansehen. Donandt wies jedoch darauf hin, dass der lesbare lateinische Text des von der Halbschwester Marias aufgeschlagenen Buches sehr versöhnlich für beide Seiten der Auslegung des Streitpunkts war. Vielleicht zeigte sich auch hier eine gewisse Frankfurter Fähigkeit zu diplomatischen und pragmatischen Lösungen.

historisches museum frankfurt: Kunsstück mit den freunden & foerderern (Foto: B. Eddigehausen)

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