Neudenken + Entwerfen

Lessons learned: Frankfurt-Modell 2015

Im Sommer waren wir 4 Monate lang mit einem Lastenfahrrad auf Stadtteil-Tour. Das Ziel war eine gemeinsame Erforschung Frankfurts, bei der alle 700.000 Einwohner/innen eingeladen wurden, sich zu beteiligen. Stereotypen wurden befragt, wichtige (Un-)Orte mit Klebepunkten markiert und viele Geschichten wurden erzählt. Das gesammelte Wissen soll dem Künstler Herman Helle als „Bauanleitung“ für ein lebendiges Frankfurt-Modell dienen, das ab 2017 in der Dauerausstellung Frankfurt Jetzt! zu sehen sein wird. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Was wir aus der ersten Sommertour gelernt haben, möchten wir schon unterwegs mit euch teilen und weil das Thema auch die #BesucherMacht betrifft, freuen wir uns damit on top zur aktuellen Blogparade von Marta Herford beizutragen.

Zahlen bitte!
Unterstützt durch das kinder museum unterwegs und eine Vielzahl an Keyworkern vor Ort, konnte die partizipative Stadterforschung erfolgreich umgesetzt werden: genau 1333 ausgefüllte Fragebögen aus 43 Stadtteilen, 140 Fotos von Frankfurter Lieblingsorten, 28 markierte Stadtteilkarten und 8 kreative Mental Maps wurden gesammelt. 35 Tour-Termine hat das Team absolviert und dabei sicher mehr als 500 km Fahrradstrecke hinter sich gebracht. Die Projekt-Website wurde seit Juni von 3555 Usern besucht. Unzählbar hingegen sind die Kontakte, die wir dabei zu den Frankfurter/innen geknüpft haben. Sie sind die Grundlage für einen lebendigen Citizen-Science-Austausch und eine kollektive Frankfurt Jetzt! Wissenssammlung.

Warum machen wir das?
Gemeinsam mit Stadtexpert/innen möchte das hmf die Gegenwart und Zukunft der Stadt untersuchen. Als Expert/innen gelten alle 700.000 Frankfurter/innen, die die Stadt durch ihre Wahrnehmung und Nutzung formen. Ihre Expertise tritt in den unterschiedlichsten Formen auf: als implizites Erfahrungswissen, in persönlichen Geschichten oder durch ortsspezifisches Insiderwissen. Und zeigt: Frankfurt ist viele Städte, die sich zudem stetig verändern. Citizen Science ist nicht unsere Erfindung, aber als Museum können wir uns der Erforschung, Sammlung und Vermittlung dieser prozessualen Vielstimmigkeit mit einer eigenen Dauerausstellung widmen. Damit gehen einige Fragen einher: Wie können möglichst viele Frankfurter/innen beteiligt und repräsentiert werden? Welche Formate eignen sich? Und wie können ihre Beiträge in eine ständig wachsende digitale Sammlung eingepflegt werden?

Wie machen wir das?
Bislang haben wir mit der partizipativen Ausstellungsreihe Stadtlabor unterwegs fünf Stadtteile gemeinsam mit vielen Hundert Ko-Kuratoren/innen thematisiert und diskutiert. Hier haben wir mittlerweile eine ausgefeilte Projektstruktur entwickelt. Mit dem Frankfurt-Modell nehmen wir nun die ganze Stadt auf einmal in den Blick und müssen dazu neue Formate und Methoden entwickeln. Partizipative Museumsarbeit ist weiterhin die Grundlage dafür, allerdings wollen wir beim Frankfurt-Modell eine Form der Zusammenarbeit anwenden, die Nina Simon in ihrem Buch über „The Participatory Museum“ als „Contribution“ bezeichnet. Konkret heißt das: wir geben ein Thema vor und sammeln multiperspektivische Beiträge dazu. Bei dieser Sommertour waren unsere Methoden denkbar simpel: ein Fragebogen auf Papier und im Internet, eine Stadtteilkarte mit grünen und roten Klebepunkten, ein Lastenfahrrad mit Sonnenschirm und ein großes Team an Mitarbeiterinnen, ehrenamtichen Helferinnen und Praktikanten/innen. Dazu vereinzelte Aktionen im Internet: ein Foto-Wettbewerb auf Facebook, Austausch mit Stadtteil-Facebook-Gruppen und die Verschlagwortung #FrankfurtModell auf allen Kanälen.

Was haben wir herausgefunden?
Auf diese Art und Weise haben wir vor allem Stimmen und Meinungen über die Stadtteile gesammelt. Wir können durch die zusammengetragene Multiperspektivität besser einschätzen, welche Landmarks für Stadtteile wichtig und welche Probleme virulent sind, wie die Infrastruktur im Alltag erlebt wird, welche Orte wie genutzt werden und wie es sich anfühlt, dort zu leben. So ergeben sich überraschende Nachbarschaften von Stadtteilen, die die gleichen Eigenschaften teilen. Und erstaunliche Erkenntnisse: wie die Dominanz der grünen Farbe in der Wahrnehmung der Stadt und das allgegenwärtige Gefühl: lasst doch das Dorf in der Stadt. Bei der Evaluierung ist deutlich geworden, dass eine Verschränkung von online- und offline-Aktivtäten wichtig ist, um verschiedene Gruppen zu beteiligen und nicht die künstliche Trennung der beiden Ebenen zu befördern. Social Media läuft nicht einfach, sondern braucht Betreuung und auch altmodische Methoden wie Newsletter haben für das Projekt eine große Reichweite erzielt.

Zum Weiterdenken…
Wir sind nicht das Stadtplanungsamt und auch kein Architekturbüro. Unser Anliegen ist die gegenwärtige Stadt gemeinsam mit anderen Wissensträgern zu untersuchen und dadurch relevante Stadtthemen im Dialog zu verhandeln. Frankfurt gilt als Stadt der Superdiversität, in der kein kulturelles Erbe, keine Religion, Sprache oder Herkunft als gegeben angenommen werden kann. Die Stadt ist der einzige gemeinsame Bezugspunkt und das Frankfurt-Modell ist der museale Spiegel dieser Annahme.

In der gegenwärtigen Diskussion um die Rolle der Museen in der Gesellschaft werden vielfältige Ansprüche gestellt: Identitätsstiftung und Sinngebung, sozialer Austausch und digitale Erweiterungen, Niedrigschwelligkeit, Barrierefreiheit und Multiperspektivität, Erlebniswelten und Reflektionsräume, Aura und Bildungsauftrag, Kennzahlen und Evaluierung, etc… . Der Umgang mit diesen Herausforderungen kann nur ein offener sein, der Neues wagt, mit Formaten und Medien experimentiert und dabei die Kernkomptenzen des Museums und seiner Mitarbeiter/innen fruchtbar und in Kooperation mit anderen kreativ einsetzt. Das Frankfurt-Modell ist ein Beispiel für ein solches Unterfangen und wir freuen uns, dass es im Sommer 2016 mit einer zweiten und trotzdem ganz neuen Tour weitergeht!

 

1 Kommentar zu “Lessons learned: Frankfurt-Modell 2015

  1. Liebe Franziska Mucha,

    vielen Dank für den Einblick in das spannende Projekt „Frankfurt Jetzt“.
    Dass es so eine rege Beteiligung der FrankfurterInnen bei dieser „partizipativen Stadterforschung“ gab, spricht schon für den Erfolg des Projektes: Hier besteht anscheinend eine große Motivation von der eigenen (Stadtteil)Kultur zu erzählen und diese in einer Dauerausstellung zu bewahren, erlebbar zu machen oder mit anderen zu vergleichen. Der Ansatz, dabei die Bürger als Experten ihrer eigenen Stadt zu betrachten, ist konsequent. Schön ist es auch zu sehen, wie ein wissenschaftlicher Ansatz von Nina Simon mit einfachsten Mitteln umgesetzt werden und einen großen Gewinn an neuen, vielfältigen Sichtweisen einbringen kann.

    Toll auch, dass die Mitarbeiter vom historischen Museum Frankfurt mit Herzblut dabei sind, auch dadaurch wird das Interesse an dem Projekt aufrecht erhalten. Wir sind gespannt, wie es nächsten Sommer weitergeht und natürlich vor allem auch auf das realisierte Modell ab 2017!

    Herzliche Grüße aus dem Marta Herford
    Tabea Mernberger

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