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Ludwig Börne und der bildgewordene Freiheitskampf

Zeugnisse eines künstlerischen Austauschs zwischen Deutschland und Frankreich aus den 1830er Jahren sind ziemlich selten. Überspannte deutsche Nationalromantiker hatten Frankreich nach den Befreiungskriegen zum „Erbfeind“ erklärt und damit den intellektuellen Dialog zwischen den beiden Nationen nachhaltig erschwert. Dass hinter einem der eindrucksvollsten und sprechendsten Börne-Porträts in der Sammlung des hmf der große französische Bildhauer David d’Angers steht, ist daher zunächst überraschend. Wie kam es zur Entstehung dieses bronzenen Medaillons aus dem Jahr 1836?

historisches museum frankfurt: Ludwig-Börne-Plakette von 1836

Frankreich hatte im Leben Ludwig Börnes früh eine wichtige Rolle gespielt, denn Napoleon und seine Truppen hatten dem 25-jährigen Frankfurter Juden im Jahr 1811 nicht nur die lang ersehnten Bürgerrechte gebracht, sondern ihm auch eine Verwaltungskarriere als Polizeiaktuar in seiner Heimatstadt eröffnet. Ludwig Börne hieß damals noch Löw Baruch und hatte gerade sein Studium der Kameralwissenschaften hinter sich gebracht. Kaum drei Jahre später, 1814 also, waren seine Bürgerrechte und seine Karriere aber schon wieder dahin, denn mit dem Ende der französischen Besatzung war auch das Ende des liberalen Klimas in der Freien Stadt Frankfurt gekommen.

Für den jungen „Louis“ Baruch war diese Erniedrigung ein Erweckungserlebnis und der Ausgangspunkt seines journalistischen Kampfes für Freiheit und Bürgerrechte in Deutschland. Er legte Namen und Konfession ab und geißelte fortan als Ludwig Börne in politischen Glossen und provokanten Theaterkritiken die politisch-kulturelle Trägheit in den Staaten des Deutschen Bundes. Die reaktionären Regierungen, die die Bildung einer unabhängigen öffentlichen Meinung um jeden Preis verhindern wollten, sahen das mit Entsetzen und trieben Börne durch Schikane und Repression bald nach Paris. Hier, im „Mekka der gläubigen Liberalen“ (Heinrich Laube) lebte Börne seit den 1820er Jahren zunächst meist in den Sommermonaten. Erschöpft von den ewigen Auseinandersetzungen mit den Hochverrat-schnüffelnden Polizisten und Zensoren nahm er nach dem Ausbruch der Julirevolution 1830 endgültig seinen Wohnsitz in einer kleinen Wohnung unweit des Boulevard des Italiens.

In Paris bewegte Börne sich viel in den Kreisen der emigrierten polnischen Freiheitskämpfer und in den politischen Salons der Linken. Hier kam es wahrscheinlich zu der ersten Begegnung mit David d’Angers, der in den Zirkeln der revolutionären High Society stets nach neuen Modellen für seine „Galerie des contemporains“ suchte. Sein Projekt einer enzyklopädischen Porträt-Sammlung hatte der französische Bildhauer im Jahr 1827 begonnen und als ein Pantheon der Heroen des Fortschritts und der Freiheit angelegt. Bis zum Jahr 1854 verfertigte er über 500 Bildnis-Medaillons von Schriftstellerinnen, Künstlern, Historikern und Naturwissenschaftlern, insbesondere aber von politischen Autoren und Oppositionellen aus ganz Europa. Der durch die „Briefe aus Paris“ (1832) berühmt gewordene deutsche Schriftsteller und Dissident passte perfekt in das Portfolio progressiver Zeitgenossen.

Doch Börne war für David d’Angers nicht nur eine weitere Trophäe in seiner Sammlung. Die beiden verband eine gemeinsame liberale und republikanische Überzeugung. Der Franzose hatte sich während der Revolutionstage im Juli 1830 aktiv am Barrikadenkampf beteiligt und war während seiner Studienzeit ein Mitglied der Carbonari gewesen, des bedeutendsten Geheimbundes in den italienischen Staaten mit ihrem Ziel der nationalen Einheit und Unabhängigkeit Italiens. Börne und David d’Angers verfolgten mit unterschiedlichen Mitteln ganz ähnliche, kosmopolitische Ziele und traten im Sinne ihrer freiheitlichen Ideen für einen Austausch zwischen den Nationen Europas ein. Während der Frankfurter Autor diesen Austausch über die journalistische Etablierung einer deutsch-französischen Öffentlichkeit vorantrieb, verfolgte David d’Angers mit seiner „Galerie des contemporains“ auf der künstlerischen Ebene das Ziel einer Vernetzung der großen Geister Europas über alle Nationalgrenzen hinweg.

Sein idealisiertes Porträt von Ludwig Börne ist daher nicht nur ein ungewöhnliches und seltenes Zeugnis eines deutsch-französischen Kulturaustauschs, es ist zugleich als bildgewordenes Manifest des europäischen Freiheitskampfes in den Jahrzehnten vor der Märzrevolution zu verstehen.

Wer mehr über das David d’Angers Börne-Medaillon erfahren möchte, muss sich noch ein wenig gedulden: Im September 2017 wird es als Bestandteil der Galerie „100 x Frankfurt“ in der neuen Dauerausstellung Frankfurt Einst? zu sehen sein.

1 Kommentar zu “Ludwig Börne und der bildgewordene Freiheitskampf

  1. Wobei es nicht geschadet hätte, zu erwähnen, dass das „Ende des liberalen Klimas“, das Börne die Anstellung kostete, das erneute Verbot von Juden im öffentlichen Dienst war, dass sich die Frankfurter erlaubten, kaum waren sie Napoleon wieder los geworden.

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