Ausstellen Sammeln + Pflegen

Mit der Künstlerin Irene Peschick im Gespräch

Sammeln und Forschen sind Akte bedingter Liebe zwischen Museumskurator:innen und Objekten. ‚Bedingt‘, weil es davon abhängt, wie viel und was diese Objekte über sich und ihre Zeit preisgeben. Hinter jedem Objekt stecken natürlich Menschen, und daher könnte man sagen, dass das Wissen von Museen einem Netz menschlicher Beziehungen entstammt. Manchmal beginnt dann die Recherche nicht (nur) in Büchern und Archivschubladen, sondern direkt bei den Künstler:innen, womöglich sogar bei ihnen zu Hause. Das war der Plan, an einem Mittwoch im November, an dem wir – Dr. Dorothee Linnemann, Kuratorin der Sammlung Grafik und Fotografie und ich, wissenschaftliche Volontärin – die Künstlerin Irene Peschick zum ersten Mal besuchten.

Von ihr hat das Museum 2020 mehrere Werkserien in die Sammlung übernehmen können. Und damit hängt auch unsere Recherche für die in Planung befindliche Sonderausstellung zu den „Frankfurter Fotografinnen“ zusammen, welche 2024 im Historischen Museum zu sehen sein wird und in der ein Jahrhundert Frankfurt aus der Perspektive von Fotografinnen bzw. Fotokünstlerinnen (insgesamt rund fünfzig Biografien und über hundert Werke) gezeigt wird.

Die Fotografie stellt die Fassade der Schirn Kunstalle 1991 versehen mit eine fotografische Installation von der Künstlerin Irene Peschick. Dabei handelt es sich um große Fahnen mit Streifen, die an den Fenster von der Innenseite der Gebäude aufgehängt sind.
historisches museum frankfurt: Abb. 1 Irene Peschick, Fotoinstallation „Der quergestellte Augenblick im Lauf der Zeit“ an der Schirn Kunsthalle, Frankfurt am Main 1991 Fotografie © Irene Peschick. Abbildung aus dem Ausst. Kat. Modena per la Fotografia, hrsg. W. Guadagnini et al., Mazzotta, 1995.

„Ich bin keine Fotografin, sondern eine Künstlerin, die mit Fotografie arbeitet“[1], sagte uns Frau Peschick. Sie studierte an der Hochschule für Bildende Künste Kassel bei Arnold Bode, dem berühmten Gründer der documenta, der alle fünf Jahre stattfindende Ausstellung zeitgenössischer Kunst. Peschicks Wohnung ist wie eine konzentrierte Galerie, ihre Wände sind versehen mit Zeichnungen und Fotografien. Frankfurt ist die Stadt, die ihr Schaffen zwischen den 1970er und 1990er Jahren bestimmte. Hier sind ihre abstrakten, postmodernen fotografischen Arbeiten entstanden, welche ihr die berühmte Auszeichnung des Sibylla-Merian-Preis 1994 einbrachten. Ihr Werk erschien in verschiedenen Frankfurter Museen: in der Schirn Kunsthalle stellte sie unter anderem ihre Fotoinstallation „Der quergestellte Augenblick im Lauf der Zeit“ (1991; Abb. 1) aus; im Museum für Kommunikation die Ausstellung „Time Chips“ (1999); im Portikus 1989 die Lichtinstallation „Raum Partitur“ (in Zusammenarbeit mit H. Kretzschmar, D. Wiesner, und C. Milliken aus dem Ensemble Modern); letzlich zahlreiche weitere Ausstellungen im Frankfurter Kunstverein. Frankfurt ist auch die Stadt, der Peschick ihre langjährige Zusammenarbeit mit der Galerie L.A. Lothar Albrecht zu verdanken hat, wo sie ab den 1990ern regelmäßig ausstellte.

Großformatig setzte Irene Peschick ihre fotografischen Arbeiten – wie in der Ausstellungsdokumentation von 1991 vor der Schirn zu sehen (Abb. 1) – in Szene: Ein weiter Papierbogen hängt in ihrer Wohnung vom obersten Teil der Wand nach unten herab. Er zeigt eine Reihe aufeinanderliegender Röhrenfernseher mit gestörtem Bild, die vom stockdunklen Hintergrund ummantelt sind – aufgenommen als ein Negativstreifen und so auch entwickelt. Dieses Werk gehört zu einer Serie von Arbeiten, die mit defekten Fernsehern realisiert wurden. Jeder dieser Fernseher verweigert uns, was wir von ihm erwarten. Die Bildschirme bleiben schwarz, denn das Bild wurde ihnen entnommen oder ist nie da gewesen, ersetzt durch weiße, leuchtende Streifen oder durch die unterbrochenen schwarz-weißen Zeichen einer leeren Kassette. Was normalerweise als Fehler wahrgenommen wird, wandelt Peschick in ihr Subjekt um. Durch eine symmetrische Anordnung wird das abweichende Detail zur Normalität. Ähnliches geschieht auch in die Arbeiten aus der Serie „Die Abweichung des Blicks“ (1994; Abb. 2-4), welche 1994 in einer gleichnamigen Ausstellung in der L.A. Galerie gezeigt wurden. Die aus sechs Streifen bestehenden Kompositionen sind vom chinesischen Orakel-Buch „I Ging“ (3. Jhd v. Chr.) inspiriert worden, wobei unterschiedliche sogenannte ‚Hexagramme“ symbolisch für Begriffe wie ‚das Schöpferische‘, ‚das Empfangende‘, stehen.

Die Gemeinsamkeit von Peschicks fotografischen Arbeiten besteht in der Umkehr von Gezeigtem und Verborgenem, schwarz und weiß, positiv und negativ. „Schwarz ist hell“, sagt uns Peschick – so wie in ihren Sequenzen von Kontaktaufnahmen Frankfurter Hochhäuser aus der Serie „Soundwave. Partituren“ (1988; Abb. 5). Eine Narration ohne Wörter wird in dem flüchtigen Augenblick erzählt, bevor das Bild entwickelt ist, das Wort ausgesprochen. Es ist ein Werk, das aus Pausen besteht, wodurch die Pause zum ‚echten‘ Moment wird, in dem man etwas erfahren kann – oder sind es, wie sie schreibt: „Die Ränder des Augenblicks?“[3]

Schwarzes Bild mit der Fassade vom Portikus und Lichtsstreifen im Himmel
historisches museum frankfurt: Abb. 5 Detail der Einladungskarte zur Klang- und Lichtinstallation „RaumPartitur“, Portikus 1989 © Irene Peschick.

In Betrachtung dieser Bilder macht man sich automatisch auf die Suche nach dem Schlüssel zu ihrer Deutung – doch die Künstlerin verrät uns, es sei ihr kein Anliegen, den Bildern genaue Bedeutung zuzuschreiben. Dies weckt Erinnerungen an Susan Sontags Worte in „Against Interpretation“ (1966): die Auslegung eines Kunstwerkes setzt die Diskrepanz zwischen einer vermeintlichen ‚reinen‘ Bedeutung und den Forderungen der Leser voraus. Durch die Auslegung vermag der Betrachter oder die Betrachterin diese Diskrepanz zu lösen[2]. „Against Interpretation“ war Sontags Aufruf für eine andere Art Kunst- und Literaturkritik, die sich von der Idee der ‚mimesis‘, d.h. der Nachahmung der Realität – welche die Griechische Philosophie der Kunst zuschreibt – befreien sollte, um über das Werk zu sagen ‚that it is what it is‘, statt ‚what it means‘. Man könnte behaupten, dass die Fotografie als vermeintlich direktes Abbild der Realität uns die Arbeit leichter mache, indem sie genau das ist, was sie ist. Dennoch erfordern auch Fotografien unser Entschlüsseln, ganz gleich, ob es sich um Amateuraufnahmen, dokumentarische oder künstlerische Bilder handelt. Denn fotografieren heißt selektieren, also alles zu verbergen, was außerhalb des Bildfeldes liegt. Die Künstlerin Peschick ist der Fotografie in diesem Sinne Komplize – zu sehen etwa in ihren Porträts, wie jenem des japanischen Künstlers Mutsuo Hirano (Abb. 6), das Teil der Installation „Der Bogen in den Schultern trägt den Horizont“ (1981) im Frankfurter Kunstverein war. Der Porträtierte scheint in der Textur des Papiers zu versinken, als habe er einen flüssigen Zustand angenommen. Die Unschärfe führt die Fotografie zur malerischen Abstraktion und zur Poesie, welche sich auch in den letzten Zeilen einer E-Mail von Frau Peschick ausdrückt:

Zustand JETZT :
Die Weite ist in den kleinsten Teilen der Dinge
Molekulare Kommunikation
The words are the echo of an aeroplane
The cellophane of our speech
Schwarz ist hell.

Eine etwa unscharfe Fotografie zeigt einen schreienden Mann, der ein Rad in die Hand hält. Es handelt sich um den japanischen Tänzer Mutsuo Hirano.
historisches museum frankfurt: Abb. 6 Irene Peschick, Ohne Titel, 1981, s/w Fotografie, 47 x 60 cm, Inv.-Nr. Ph38550,3 © Foto: HMF / Irene Peschick.

 

Endnoten

[1] Interview mit Irene Peschick, 24. November 2021.
[2] Susan Sontag, Against Interpretation and Other Essays, 1966,  S. 3.
[3] E-Mail Korrespondenz mit Margeritha Foresti, 25. November 2021.

 

Literatur

Guadagnini, Walter und Maggia, Filippo (hrsg.): Modena per la Fotografia. Mailand: Mazzotta, 1995.

Mössinger, Ingrid: Kunst aus Frankfurt. Frankfurt am Main, Degussa AG, 1989.

Peschick, Irene: Soundwave. Partituren 1988. Frankfurt am Main, Edition Robert Wilk und Irene Peschick, 1 Jan. 1988.

Peschick, Irene und Ingrid Jenderko-Sichelschmidt: Irene Peschick, Zeit-Präsenz: Fotografien, Zeichnungen, Texte 1986-1996, (Ausstellungskatalog Stiftsmuseum der Stadt Aschaffenburg, 27. Oktober 1996 bis 31. März 1997. Aschaffenburg, Museen der Stadt Aschaffenburg, 1997.

Sontag, Susan: Against Interpretation and Other Essays (1966). Picador Edition, 2001.

2 Kommentare zu “Mit der Künstlerin Irene Peschick im Gespräch

  1. Peer Grippner

    Hinweis an die redaktion: „…. welche ihr die berühmte Auszeichnung des Sibylla-Merian-Preis 1994 einbrachten. “ Renommierte, angesehene, geschätzte …. alles besser als „berürühmte“. Lasst doch mal Leute mit vernünftigen Deutsch-Kenntnissen über die Texte schauen, bevor sie inline gehen

    • Nina Gorgus

      Lieber Herr Grippner,
      danke für den Hinweis.

      Mit freundlichen Grüßen,
      Nina Gorgus

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