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Nicht nur Sarajewo ist eine Reise wert!

Als mich neulich ein Kollege fragte, was mir 2019 am eindrücklichsten in Erinnerung geblieben ist, sagte ich spontan: die Museumsreise nach Sarajewo. Deswegen folgt hier nun ein kleiner Reisebericht und eine Reiseempfehlung nach Bosnien und Herzogewina.

Anlass der Reise war die Verleihung der Museums of the Year Awards – EMYA2019. Seit 1977 werden vom Europarat und vom Europäischen Parlament jedes Jahr Auszeichnungen an europäische Museen vergeben. Auch das Historische Museum war 2019 nominiert (und hat   leider keinen Preis erhalten); die Gewinner-Museen werden hier vorgestellt. Aber: dabei sein ist ja bekanntlich alles! Meine Kollegin Angela Jannelli und ich durften das HMF präsentieren. Da über 40 Museen nominiert waren und sich jedes nominierte Museum in einer knackigen Präsentation vorstellen musste, bekamen wir einen guten Überblick, welche innovativen Strategien derzeit in der europäischen Museumsszene eine Rolle spielen. Zudem gab es während der Pausen und Abendveranstaltungen Gelegenheit, die Museums-und Ausstellungszene der Stadt kennenzulernen und sich intensiv mit den Museumskolleg*innen über die jeweiligen Museumspraktiken auszutauschen.

Der Gastgeber der Preisverleihung 2019 war das War Childhood Museum.  Das Museum hatte 2018 den Preis des Europrates gewonnen und die Verleihung der Preise für 2019 bravourös mit seinem tollen jungen Team organisiert. So begann der Aufenthalt in Sarajewo natürlich mit einem Museumsbesuch.

Der Leiter des Museums Jasminko Halilovi begann 2010, Geschichten zu sammeln, wie Kinder und Jugendliche die Belagerung von Sarajevo zwischen 1992 und 1995 erlebten. 2013 erschien dazu das Buch War Childhood: Sarajevo 1992–1995. Aus diesem Projekt entwickelte sich dann mit Hilfe von vielen (Objekt-)Spenden das Museum, das 2017 eröffnete. Mittlerweile behandelt es nicht nur die Geschichten und v.a. Traumata von Kindern aus Sarajevo, sondern präsentiert auch Dinge und Geschichten aus weltweiten Kriegsregionen. Im kleinen Ausstellungsraum verbinden sich eindrücklich die Obejkte mit ihren Geschichten. Sehr schön inszeniert und sehr berührend!

Während der Verleihung hatten wir Gelegenheit, die Stadt und verschiedene Museen kennenzulernen: am ersten Abend fand ein Empfang im Botanischen Garten statt, der zwischen den beiden Gebäuden des Nationalmuseums liegt. Dieses verfügt über große naturwissenschaftliche, kunsthistorische, archäologische, ethnologische… Sammlungen, war aber während des Bosnienkriegs und auch danach zeitweilig geschlossen und kämpft bis heute darum, ausreichend von der öffentlichen Hand unterstützt zu werden.

Wie schwierig es sein kann, mit dem kulturellen Erbe umzugehen, das auf eine konfliktreiche Vergangenheit verweist, wird auch im Historischen Museum deutlich. Am Gebäude sind noch Kriegsschäden zu sehen, auch sind einige Bereiche wegen Baufälligkeit geschlossen. Heute betreibt das Museum ein Verein. Hier ließe sich an vielen Beispielen diskutieren, wie Geschichte im Museum dargestellt wird, wie Deutungshoheiten und Interpretationen visualisiert werden.

Die Präsentationen der musealen Projekte standen natürlich im Vordergrund. Hier kristalliserten sich für mich zwei Wunschziele heraus: gewissermaßen am Ende von Europa liegt das Exhibition Centre in Nahodka City in Russland. Die Präsentation der neuen Dauerausstellung machte sehr neugierig. Auch Jacqueline Strauss, die Direktorin des  Museum für Kommunikation Bern, Gewinner des Preises des Europäischen Paralaments, stellte das Museum so faszinierend da, dass Bern ganz oben auf der Reiseliste steht.

Und zwei Museumskolleginnen haben mich besonders beeindruckt: Es war eine große Freude, einmal Barbara Kirshenblatt-Gimblet persönlich zu begegnen, die ich schon so lange durch ihre Texte kenne. Neben ihrer langjährigen Uni-Karriere wirkte Kirshenblatt-Gimblet immer auch als Beraterin diverser Museen und verantwortete etwa auch die Dauerausstellung des Museums für die Geschichte der polnischen Jüd*innen in Warschau. Sie analysierte schlüssig, was für Museen heute besonders wichtig ist und stellte Zusammenhänge zwischen den einzelnen Museumspraktiken her.

Sharon Heal von der  Museums Association aus Großbritannien hielt einen spannenden Vortrag über „Museum activism in an age of intolerance“. Sie stellte viele engagierte partizipative Formate aus vielen Museen vor und motivierte uns alle mit dem Statement: „Museums can create better places in our world“.

Mit diesen Worten im Ohr wieder heimzufahren, war ein sehr gutes Gefühl…

1 Kommentar zu “Nicht nur Sarajewo ist eine Reise wert!

  1. Jochen Ickert

    Einen kleinen Einblick in die Situation in Slavonien und Bosnien erhielt ich Mitte Januar 2020, als ich für ein paar Tage in Osijek war und von dort einen Tagesausflug zuerst nach Slavonski Brod machte und dann auch über die Brücke nach Slavonski Brod ging. Beide – einstmals zusammenhängenden Städte – sind durch die Erinnerungen an den Bosnienkrieg geprägt, der hier in Deutschland damals nur wenig zur Kenntnis genommen wurde. 25 Jahre nach dem Krieg ist vor allem in Bosnien noch vieles zerstört. In einem Wohnhochhaus wohnen die Menschen auf der einen Seite direkt neben der im Krieg zerstörten stehengebliebenen anderen Hälfte.

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