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Nur eine Schachtel?

Wenn man sich als Praktikantin um die Recherche über Ausstellungsobjekte kümmern darf, versucht man natürlich, sich die besonderen Schmuckstücke der Sammlung herauszupicken. Manch einem unscheinbaren Objekt mag man zunächst gar nichts Interessantes abgewinnen, doch meistens verbergen sich gerade hinter diesem ganz besondere Geschichten und Biographien, die einen in ihren Bann ziehen können. So ist es auch mir ergangen. Mein Recherche-Objekt sollte eine Schachtel sein, die sich im Besitz von Max Horkheimer befunden hatte. Eine Schachtel? Ja, das klingt auf den ersten Blick wirklich nicht gerade spannend, aber vielleicht nur auf den ersten Blick…

Max Horkheimer, der vielen sicher ein Begriff als Begründer der Frankfurter Schule und der kritischen Theorie ist, wurde im Jahr 1895 als Kind einer jüdischen Fabrikantenfamilie in Stuttgart geboren. Nach seiner Schul- und Lehrzeit im Betrieb seines Vaters (dem Kunstwollfabrikanten Moses (Moritz) Horkheimer) entdeckte Horkheimer bald die Liebe zur Philosophie und studierte, zunächst gegen den Willen seiner Eltern, in München, Freiburg und Frankfurt am Main Psychologie und Philosophie. 1922 promovierte er unter Hans Cornelius, drei Jahre später habilitierte er und wurde 1930 zum Ordinarius für Sozialphilosophie an die Frankfurter Goethe Universität berufen. Schon ein Jahr später wurde er zusätzlich zum Leiter des bis heute bestehenden Instituts für Sozialforschung in Frankfurt am Main, kurz „IfS“, ernannt.

Horkheimers akademische Karriere verlief steil; er wurde zu einem besonders geachteten Mitglied der deutschen Sozialwissenschaftler. Sein wissenschaftlicher Erfolg in Deutschland allerdings sollte nur von kurzer Dauer sein. 1933 wurde das IfS von den Nationalsozialisten geschlossen und Horkheimer, der die warnenden Zeichen der Zeit erkannt hatte, wanderte zunächst in die Schweiz aus. Da sich die Lage der jüdischen Bevölkerung in Deutschland stetig verschlechterte und er keine Möglichkeit mehr sah, seine Forschungen dort wieder aufzunehmen, beschloss Max Horkheimer den Kontinent zu verlassen und in die Vereinigten Staaten zu emigrieren.

Von dort aus beobachtete er mit Schrecken die Szenen, die sich unter Hitler in seiner einstigen Heimat abspielten. Auch wenn er an der Columbia University in New York bereits 1934 ein neues Institut für Sozialforschung gegründet hatte und sich dort erneut seinen Forschungen widmen konnte, verlor er das Schicksal der deutschen Juden doch nie aus den Augen. 1943 wurde er zum Direktor des American Jewish Committee ernannt und gab eine Studie zu den verschiedenen Ausprägungen von Antisemitismus in Auftrag.

Noch im selben Jahr verfasste Horkheimer einen Wettbewerbs- Aufruf in der New Yorker Exil-Zeitung „Der Aufbau“, in dem er um Erfahrungen der Juden in Deutschland bat: Wie hatten sie die Unterdrückung und Verfolgung erlebt? Wie verhielt sich die deutsche Bevölkerung, gab es vielleicht auch aktive Hilfe aus ihren Kreisen? Horkheimer wollte subjektive Erlebnisse sammeln und auswerten, um das Verhalten der Deutschen unter der Nazi-Diktatur zu ergründen. Er wurde von Einsendungen nahezu überschwemmt und so bedankte er sich 1944 in derselben Zeitschrift bei den Einsendern mit den Worten: „Eine besondere Genugtuung ist es, dass viele Einsender unser Unternehmen begrüßen und es für wichtig halten, dass eine wissenschaftliche Anstalt möglichst umfangreiche und unparteiische Materialien sammelt und verarbeitet, die eine sachliche Beurteilung der Haltung der deutschen Bevölkerung zur Judenfrage und zum Nazi-Antisemitismus ermöglichen.“

All die Briefe und Einsendungen, die Max Horkheimer erhalten hatte, sammelte er in einer kleinen Pappschachtel. Diese kam vermutlich 1949 wieder mit ihm zurück nach Deutschland, wo er zwei Jahre später erneut das Institut für Sozialforschung eröffnen konnte. Seit dieser Zeit hat sich die kleine Schachtel in den Räumen des Instituts befunden, in ihr die gesammelten Erlebnisse und Erzählungen von jüdischen Schicksalen im Deutschland der Nationalsozialisten. Da für ein Archiv die sogenannten Archivalien zählen, in diesem Fall die Briefe, galten ihnen die Aufmerksamkeit. Die Schachtel überlebte eher zufällig.

Oft bedarf es einiger Zeit, bis man begreift welche Geschichte man mit so einem Objekt in den Händen hält. Und hat man sich erst einmal in die Recherche gestürzt und die Tiefe eines solchen Objektes ergründet, dann fällt es oft schwer sich von seiner Thematik wieder zu lösen, so beeindruckend ist seine Verbindung zu früheren Ereignissen. Eine einfache Schachtel kann eben doch eine unglaublich spannende Geschichte bergen…

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