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Prehns „Männerparadies“ II

Prehn dachte also, neun von Malerinnen ausgeführte Gemälde zu besitzen, was schon sehr dürftig war, und nun ist es auf einmal nur noch ein einziges…

Seien wir aber vorsichtig. Denn der tote Adonis ist das einzige Gemälde in der Sammlung Prehn, von dem man sicher sagen kann, dass es von einer Malerin stammt – das Gemälde ist nämlich signiert. Nun ist es Zeit für ein bisschen Statistik:

Nur ca. 40 Prozent der 874 Miniaturgemälde können tatsächlich der Hand eines identifizierten Künstlers oder einer Künstlerin zugeschrieben werden. Die 60 restlichen Prozent sind entweder nicht zugeschrieben oder nur einer „europäischen Kunstschule“ (Deutsch, Flämisch, Italienisch usw.) zugeordnet, wenn nicht sogar einfach als „unbekannt“ bezeichnet. Im besten Fall sind sie also einer Werkstatt, dem Umkreis, einem Nachfolger oder einer Nachfolgerin, einem Nachahmer oder einer Nachahmerin von Künstler*innen zugeschrieben.

Und vielleicht erinnern sich einige noch an die Ausstellung Meisterstücke. Vom Handwerk der Maler , die das HMF von September 2019 bis Januar 2020 zeigte. Dort wurde schon betont, dass Frauen wohl in der Werkstatt von Malermeistern tätig waren, in manchen Fällen auch ganze Gemälde ausführten, jedoch aufgrund von geschlechterungerechten Zunftregeln die Gemälde nicht signieren durften! Diese wurden sogar bisweilen vom führenden Werkstattmaler signiert und verkauft. Damit haben wir, neben vielen anderen strukturellen Hemmnissen, eine Erklärung, warum es heute so schwierig ist, die Werke von Malerinnen eindeutig zu identifizieren.

Dazu kommt, dass sich die Kunstgeschichte der letzten Jahrhunderte, ausgehend vom heute umstrittenen Begriff „Genie“, sich stets auf männliche Künstler konzentriert hat. Deswegen sind ihre Biografien und Werke besser bekannt, und deswegen wird ihnen oder ihrem Umfeld bzw. ihrer Werkstatt auf der Basis der aktuellen kunsthistorischen Forschung schneller ein Gemälde zugeschrieben.

Aber die Kunstgeschichte ist in Bewegung: Sie erforscht neue Felder und damit auch neue Künstler*innen und ermöglicht die Neubetrachtung und -bewertung der vergangenen Zuschreibungen (oder bisher fehlenden Zuschreibungen).

Ein schönes Beispiel dafür besitzen wir auch in der Sammlung Prehn. Zwei kleine Genrebilder, die lange als Werke des berühmten Adriaen Brouwer (Oudenaarde 1605/06–1638 Antwerpen) galten, konnten nun im Rahmen des Forschungsprojekts dem kaum bekannten Horatius Bollongier (Haarlem um 1604–vor 1682 ebenda) zugeschrieben werden, auch ein niederländischer Vertreter des Bauerngenres im 17. Jahrhundert, dessen Oeuvre erst seit den 2000er Jahren besser erforscht und bekannt ist.

Deshalb können wir nur dazu auffordern, auch mehr über Malerinnen zu forschen. So können wir vielleicht eines Tages Gemälde aus der Sammlung Prehn Malerinnen neu zuschreiben. Dafür stehen nun alle Gemälde auf der Online-Datenbank für die Forschung zur Verfügung.

Die Ergebnisse des Forschungsprojekts präsentieren wir außerdem bis zum 16. Januar 2022 in der Form einer kleinen Sonderausstellung im 13. Sammlerraum. Dort ist das Gemälde von Marianne Kürzinger zum ersten Mal zu sehen. Die Merian abgeschriebenen Insektenstudien und eines der Gemälde von Horatius Bollongier sind ebenfalls ausgestellt, denn auch dort geht es um Zuschreibungsdebatten. Und um vieles mehr.

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