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„Raum einnehmen“

von Anna Ebel

Frauen hatten in den 1860er Jahren vermutlich kaum Probleme, den Corona- Mindestabstand 2020 von 1,50 m einzuhalten. Neben den Anstandsetiketten führte vor allem die Kleidung selbst zu einer beträchtlichen rümlichen Distanz, die näheren Kontakt automatisch verhinderte. In dieser Zeit konnte ein Kleid den Umfang bis zu 8m (!) erreichen, was verständlicherweise viel Raum und Platz einnahm. Kleidung war Teil der gesellschaftliche Repräsentation und bürgerlichen Distinktion: Mit dem Kleid der Ehefrau der Ehemann seinen Wohlstand sichtbar machen:  je größer der Umfang und stoffreicher das Kleid der Frau, umso vermögender war der Mann.

Bis in die 1970er galten Rock und Kleid als vorherrschende Kleidungstücke für Frauen und dies in nahezu allen Bereichen des Lebens. Für die moderne Frau in Hose und T-Shirt ist es kaum vorstellbar, welche Einschränkungen in Mobilität  die Frauen zur Zeit der Jahrhundertwende durch die Kleidung gehabt hatten. Nach den umfangreichen Kleidern mit Krinolinen, die der Frau wenigstens eine gewisse Beinfreiheit gaben, kamen in den 1870er Jahren engere Röcke in Mode, die nur noch kleinere Schritte erlaubten. Dazu kamen eng geschnürte Korsetts, Turnüren und leichte Mäntelchen, die kaum für den Aufenthalt im Freien geeignet waren.

Welche Ausmaße solche Kleider haben konnten, durfte ich in der aktuellen Sonderausstellung im Historischen Museum in Frankfurt „Kleidung in Bewegung. Weibliche Mode seit 1850“ selbst sehen und erleben. Als Praktikantin im Bereich „Textil und Mode“ darf ich mich in den nächsten Wochen intensiver mit der Mode von 1850- 1930 auseinandersetzen und sogar selbst erfahren. Sehr eindrücklich lässt mich die ‚Ankleide‘ der Frauenmode gleich zu Beginn der Ausstellung vor Augen führen, wie sich solch eine Bekleidung angefühlt haben muss. Dazu bietet das Historische Museum die Möglichkeit, eine nachgebildete Turnüre und Krinoline mit passendem Überrock anzuprobieren. Schon alleine das Anziehen der Turnüre mit Überrock gestaltet sich als Herausforderung.

Die Schwere des Stoffes ist nicht zu vergleichen mit den heutigen leichten Sommerröcken, wie wir es kennen.

Hier eine Krinoline, die nach unten hin den weitesten Umfang hat

Die Krinoline bietet zwar viel Beinfreiheit, lädt jedoch weniger zum Sitzen ein. Selbstverständliche Bewegungsabläufe, wie sich zum Beispiel  bücken oder springen, werden schwieriger. Ich merke aber auch, wie sich die Körperhaltung und der Gang  automatisch verändert durch das Tragen dieser Textilien: der Rücken ist gerade, der Schritt wird langsamer und das Kinn erhobener.

Ich habe eine bessere Vorstellung erhalten, wie Frauen des 19. und frühen 20. Jahrhunderts in ihren Kleidern gelaufen, geatmet und gelebt hatten. Zudem bietet eine Grundrisszeichnung am Boden informative Einblicke darüber, welche Stoffmenge eine wohlhabende Dame Mitte des 19. Jahrhunderts mit sich tragen musste. Die Besucher*innen stellen sich auf zwei vorgezeichnete Füße und können sich selbst in ein Verhältnis zu den Umfangslinien stellen.

Damit scheint die Dame, die das violette Frauenkleid um 1890 getragen hat, wohl weniger der Corona- Gefahr ausgesetzt gewesen zu sein.

Vor allem wird mir deutlich, wie sich mit der Emanzipation auch der Umfang von Kleidern veränderte und damit auch der Raum, in dem Bewegung stattfinden konnte. Mit diesen Eindrücken, die die Besucher*innen von einem bestimmten Modestil und von Mobilität erlangen, lässt sich die Ausstellung noch intensiver und realitätsnaher erleben. Wie und warum die Frau 20 Jahre später in knielangem Kleid Charleston tanzen oder Tennis spielen konnte, wird in der Sonderausstellung erklärt. Viel Spaß dabei!

 

 

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