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Ein Apfelweinglas und viele neue alte Objekte

Zur Vorbereitung einer neuen Ausstellung gehört immer auch, sich mit den zukünftigen Ausstellungsstücken so genau wie möglich vertraut zu machen. Bei Recherchen zu einzelnen Exponaten werden dabei alle zur Verfügung stehenden Informationen über das Objekt zusammenzutragen. So auch bei der Vorbereitung für Frankfurt Einst?, der künftigen Dauerausstellung zur Stadtgeschichte.

historisches museum frankfurt: Das Apfelweinglas in Silbermontierung

Darin soll unter anderem ein Apfelweinglas präsentiert werden. Aber natürlich nicht irgendein Apfelweinglas… die Gravur auf seinem Fuß aus Silber verrät, dass es sich um ein ganz spezielles Apfelglas handelt: „Beim Empfange durch die Bürger Sachsenhausens am 19. Oct. 1877 trank Kaiser Wilhelm aus diesem Glase, der Sachsenhäuser altes Nationalgetränk: Apfelwein“. Das Glas ist also sowohl ein schönes Beispiel für die Frankfurter Ebbelwoikultur, als auch ein Zeugnis dafür, dass die Frankfurter Bürger im Jahre 1877 dem Besuch durch den Kaiser wohl eine sehr hohe Bedeutung beimaßen. Ein Blick in die elektronische Datenbank des Museums ergab, dass das Apfelweinglas dem Museum im Jahre 1913 geschenkt wurde. Im Zugangsbuch von 1913 fanden sich allerdings auch noch zwei weitere Gegenstände des gleichen Schenkers, die in der Datenbank noch nicht verzeichnet waren – die Fotografie eines Gemäldes und eine bestickte Serviette.

 

historisches museum frankfurt: Eintrag des Apfelweinglases im Zugangsbuch von 1913, gemeinsam mit zwei weiteren Objekten

Eine längere Suche in weiteren Inventarbüchern und im Textildepot förderte tatsächlich die genannte Serviette zu Tage – vor Jahrzehnten war sie wegen ihrer für eine Serviette ungewöhnlichen Größe (82,5 x76 cm) fälschlicherweise als Tischdecke deklariert worden und daher nicht mehr über eine Suche nach dem Kaiserbesuch von 1877 zu finden. Auf der Serviette sind eine Krone und die Inschrift „Den 19ten October 1877. Kaiser Wilhelm bei Empfang in Sachsenhausen“ aufgestickt.

Die Suche nach dem dritten im Zugangsbuch genannten Gegenstand lieferte sogar gleich mehrere interessante Ergebnisse. Der Eintrag bezieht sich auf eine Fotografie eines Gemäldes des Frankfurter Künstlers Johann Wilhelm Rümpler (1804-1903). Dieses Bild trug den Titel „Sachsenhausens Waidmänner begrüßen S.M. Kaiser Wilhelm I.“ und befand sich ebenfalls im Besitz des Museums, wurde aber während des Zweiten Weltkriegs zerstört. Erhalten war bisher nur die Karteikarte, auf der das Motiv detailliert beschrieben wird – und auch das Apfelweinglas wird erwähnt.

Die fotografische Reproduktion dieses Gemäldes fand sich nun in der graphischen Sammlung des Museum. Auf dem Foto sind sowohl das Apfelweinglas, als auch die Serviette zu erkennen. Die Situation, durch die das Ausstellungsstück zu seiner Bedeutung kam, kann nun also rekonstruiert und den Besucherinnen und Besuchern der zukünftigen Dauerausstellung veranschaulicht werden.

An gleicher Stelle fanden sich weitere Fotos und Druckerzeugnissen, die mit dem Besuch Willhelms I. in Verbindung stehen. Sie sind nun auch in der elektronischen Datenbank erfasst und mit dem Apfelweinglas verknüpft und können bei künftigen Recherchen nun leichter gefunden werden.

historisches museum frankfurt: Einblatt, auf dem die Ereignisse des Kaiserbesuchs von 1877 zusammenfassend abgebildet sind

6 Kommentare zu “Ein Apfelweinglas und viele neue alte Objekte

  1. Karl-Heinz Steiner

    Ist es ein „Apfelweinglas“ oder ein „Glas aus dem Kaiser Wilhelm Apfelwein trank“?.

    Leider ist auf der Abbildung nicht zu erkennen,ob die Oberfläche de Glases „gerippt“ ist.

    Da ergibt sich natürlich die Frage ab wann die typische Form des, heute noch verbreiteten, „Gerippten“ Glases (ohne Fuß, ein schlichter zylindrischer Glaskörper) seinen Einzug in die Gastronomie nahm.

  2. Nina Gorgus

    Es ist das Glas, aus dem Kaiser Wilhelm den Apfelwein getrunken haben soll. Es ist nicht gerippt, was zu der Zeit auch durchaus üblich war. Es lässt sich nicht so genau sagen, wann sich das Gerippte in der Gastronomie durchgesetzt hat; auf alle Fälle steht das auch in Verbindung mit der Herstellung von günstigem Pressglas im 19. Jahrhundert.

  3. Die Gerippten Apfelweingläser mit 20tel Eichmaß dürften zwischen 1866 und 1900 produziert worden sein. Zuvor war der Liter nicht die in Frankfurt verwendete Maßeinheit und in den 1890er Jahren führte das Kaiserreich die Dezimalmaße ein. Da ein Großteil der Bilder, die vor 1914 Apfelweinwirtschaften als Motiv haben, Gläser ohne Rauten zeigen, liegt die Vermutung nahe, dass das Gerippte sich nicht vor 1910 flächendeckend in den Apfelweinwirtschaften durchgesetzt hat.

    • Nina Gorgus

      Lieber Herr Stier,
      vielen herzlichen Dank für die Ergänzung! viele Grüße, Nina Gorgus

    • Michael Stöhr

      Laut „Gesetz, betreffend die Bezeichnung des Raumgehaltes der Schankgefäße“ vom 20. Juli 1881 wurde dort der Inhalt „vom Liter abwärts durch Stufen von Zehntheilen des Liters“ angegeben.
      Die Zwanzigstel „vom halben Liter abwärts“ folgten erst im „Gesetz wegen Änderung des Schankgefäßgesetzes“ vom 24. Juli, in Kraft getreten am 1. August 1909.
      Und die galten bis 18. Mai 1936, als wieder „vom Liter abwärts um je 1/10 liter kleinere“ zugelassen waren.
      Frühe „Gerippte“, leicht konisch finden sich als „Apfelweinbecher“ im Katalog der Firma Fenne von 1906. Oder bei der „Radeberger Glashütte AG“ schon 1890. (Quelle: Glasmuster-buch.de)

  4. Hallo Frau Gorgus,
    sehr gerne – mir liegt doch diese eigentümliche, weltweit einzigartige Trinkzeremonie besonders am Herzen. Daher stehe ich gerne für weitere Fragen Bembel bei Fuß. Oder Sie lesen in der kleinen Hessen-Apfel-Wein-Fibel mit dem Titel „Bembel, Deckel und Gerippte! nach. Oder Sie besuchen kommenden Mittwoch in unserem Main Genuss Laden in Hanau meinen Vortrag zu diesem Themenkreis.
    Auf alle Fälle bleiben wir den Geheimnissen rund um das magische Dreieck des Apfelweins weiter auf der Spur!
    Viele Grüße
    Jörg Stier

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