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Reversible Spuren der Zeit

Im 19. Jahrhundert veränderte die industrielle Revolution das moderne Stadtbild in einer nie zuvor gekannten Geschwindigkeit. Der Frankfurter Maler Carl Theodor Reiffenstein (1820–1893) beklagte das Verschwinden des alten Frankfurts und dokumentierte es deshalb Zeit seines Lebens in Bild und Wort. Das Historische Museum bewahrt Reiffensteins sogenannte „Sammlung Frankfurter Ansichten“ auf, ein Konvolut von 1.984 Aquarellen und Zeichnungen sowie ca. 3000 Manuskriptseiten in zwölf Bänden. Mit „Alles verschwindet! Carl Theodor Reiffenstein. Bildchronist des alten Frankfurt“ (12. November 2022 bis 12. März 2023) widmet das HMF dem Maler zum ersten Mal eine umfangreiche Ausstellung. Eine Auswahl an 236 Aquarellen und Zeichnungen aus dem Konvolut Reiffensteins wird mit anderen Objekten aus der Zeit in einen Dialog gebracht. Wie man vor einer Ausstellung Objekte vorbereitet, zeigt uns die Papierrestauratorin Verena Grande.

Die Papierrestauratorin sitzt an einem Tisch in ihrer Werkstatt. Sie untersucht und retuschiert eine Aquarelle mit einer speziellen Brille
historisches museum frankfurt: Die Papierrestauratorin Verena Grande retuschiert ein Aquarell von Carl Theodor Reiffenstein © M. Foresti

In der Papierrestaurierungswerkstatt der Graphischen Sammlung sitzt in diesen letzten Sommertagen die Papierrestauratorin Verena Grande konzentriert an ihrer Arbeit. Gebeugt über ein Aquarell oder eine Zeichnung sucht sie mit aufmerksamen Blick nach leichten Schäden: Risse, Flecken oder Stellen, die eine Retusche oder eine Reinigung vertragen könnten. Meistens sind die Restauratorinnen in der Werkstatt damit beschäftigt, die Papierarbeiten von alten säurehaltigen Kartons abzulösen, die mit selbstklebenden Montierungsstreifen darauf befestigt wurden – die beliebteste Methode zur Montierung in den 1980er-90er Jahren. Heute, erklärt Verena Grande, werden die Papierarbeiten bevorzugt lose in eigenen Mappen aufzubewahrt, um die Rückseite sichtbar zu lassen. Dort können Kunsthistoriker*innen aufschlussreiche Informationen zur Provenienz oder Autorenschaft eines Werkes finden. Für Ausstellungen werden die Objekte dann mit Japanpapier und Weizenstärkekleister reversibel auf alterungsbeständige Passepartout-Karton montiert.

 

Für die Ausstellung „Alles verschwindet!“ ist die Restaurierung von ca. 290 Papierobjekten (der insgesamt 312 Austellungsstücke) geplant. Eine sehr minutiöse Arbeit, denn die kleinformatigen Aquarelle sind sehr fragil. Eine Retusche läuft für gewöhnlich so ab: Bei einer Beleuchtung ähnlich der im Ausstellungsraum wird zunächst eine Sperrschicht aus Methylcellulose auf die zu retuschierende Stelle aufgetragen. Dadurch ist die Retusche jederzeit wieder abnehmbar. Währenddessen testet die Restaurator*in Aquarellfarben mit einem winzigen Pinsel. Ziel ist es, den gegenwärtigen Zustand der Farben auf der Papierarbeit wiederzugeben.

Die Papierrestauratorin hält einen Pinsel und einen kleinen Blatt mit Farbflecken vor der Oberfläche eines Aquarells.
historisches museum frankfurt: Die Papierrestauratorin Verena Grande testet die Farbe vor der Retusche einer Aquarell von Carl Theodor Reiffenstein © M. Foresti

Ob es sich um eine Retusche oder eine Rissschließung handelt, die Veränderung soll minimal sichtbar bleiben, um diese potenziell rückgängig zu machen. Die „Reversibilität“ des Eingriffes ist das Hauptaugenmerk der modernen Restaurierung, die im Gegensatz zur Restaurierungswissenschaft des 19. und 20. Jahrhunderts steht. Damals versuchte man, den originalen Zustand des Objekts wiederherzustellen, oftmals mit gravierenden Folgen. Heute spricht man deshalb nicht von Restaurierung, sondern von Konservierung, deren Anliegen es ist, die Alterung des Objekts zu beobachten, dabei jedoch nicht die Spuren der Zeit zu überdecken.

Danke an Aude-Line Schamschula, Co-Kuratorin der Ausstellung „Alles verschwindet!“ und Verena Grande, Papierrestauratorin am HMF, die an diesem Blogartikel mitgewirkt haben.

3 Kommentare zu “Reversible Spuren der Zeit

  1. Piera Russo

    Sehr interessant

  2. Dorin Dömland

    Höchst interessanter Vergleich der beiden Aquarelle! Vielen Dank für diese Einblicke in die Restauratorentätigkeit an Verena Grande.

  3. Beate Wildhirt

    Wie schön, dass die phantastische und unglaublich gewissenhafte Arbeit hinter den Kulissen hier wahrgenommen und in den Fokus gestellt wird. Danke!

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