Neudenken + Entwerfen

Rule No.7: Cheating will be punished…

… by you not having fun all weekend.

Mein faszinierendes Sommer-Kulturerlebnis, das ich im Rahmen der Blogparade von Tanja Praske noch mal durchleben darf, beginnt mit einem strikten Regelwerk. Nein, ich werde nicht betrügen, kein Fahrrad und schon gar keine Rollerblades benutzen. In vierhundertstimmigem Murmeln geloben wir die Einhaltung der Regeln, pathetisch, ängstlich, aufgeregt. Denn wir gehen auf eine Reise, die Journey to the End of the Night – Vienna 2013, und wir werden nicht alleine sein: als Runner mit einem blauen Bändchen gekennzeichnet, fliehen wir vor Chasern, die uns in den nächtlichen Straßen auflauern, um uns auf die dunkle Seite der Macht zu ziehen. Allein ausgestattet mit einem schwarz-weiß kopierten Stadtplan gilt es fünf Checkpoints zu erreichen, Signaturen zu sammeln und Chaser-unberührt am Ziel anzukommen.

Glücklicherweise ist die Hitzewelle in Wien bereits überstanden, es ist ein nahezu lauer Abend an dem eine (noch) anonyme Masse von MitspielerInnen an der Ecke Wurmsergasse zusammenströmt. Viele in kleineren Gruppen, viele Turnschuhe und Wasserflaschen – geht es also wortwörtlich ums Rennen? Eine Frage des individuellen Ehrgeizes. Journey to the End of the Night ist zumindest weit davon entfernt ein werbewirksamer Stadtmarathon zu sein. Vielmehr handelt es sich um ein Spiel, das eine Vielzahl von Fremden mit unterschiedlichsten Interessen und Beziehungen zur Stadt für eine Nacht zusammenführt. Routinierte Wege (aka der Alltagstrott) werden irrelevant und durch taktisch kluge Schleichwege oder möglichst effiziente Routenplanung ersetzt. Nachdem der Startschuss fällt, kann man die unterschiedlichsten Merkwürdigkeiten beobachten: großgruppige Herden-Sprints immer die Hauptstraße entlang, schleichende Einzelgänger, die sich durch die Seitengassen bewegen und Angsthasen, die sich in die nächste Safe-Zone stellen und keinen Schritt weitergehen. Während ich also hier so auf der sicheren, weil real-gefährlichen, Verkehrsinsel stehe (zu meiner Entschuldigung bleibt allein zu sagen, dass ich auf meine Mitstreiterin warten musste), fallen mir verschiedene Dinge auf:

  • erstens – ich habe meinen schlimmsten Zombie-Albtraum wahrgemacht
  • zweitens – um zu „überleben“ bin ich gezwungen die Infrastruktur der Stadt zu reflektieren und bestmöglichst zu nutzen. Die öffentlichen Verkehrsmittel bieten Schutz, sie gelten auch als Safe-Zone, allerdings nur bis zum Ende des Bahnsteigs/der Rolltreppe/der Unterführung. Jede Brücke wird zum Engpass, jeder Aufzug zur Falle. Durch das Mitspielen verwandelt sich Wien plötzlich in ein abstraktes Spielfeld, das mir seine strukturellen Gegebenheiten um einiges deutlicher macht, als im routinierten Alltag.

„For one night, drop your relations, your work and leisure activities, and all your usual motives for movement and action, and let yourself be drawn by the attractions of the chase and the encounters you find there.”

Diese Aufforderung steht und fällt mit der ludischen Ernsthaftigkeit, letztendlich ist jede/r MitspielerIn freiwillig und gratis dabei, die einzige Verpflichtung ist die vor der eigenen Entdeckungs- und Spielfreude – und natürlich möchte man nicht ein Wochenende lang nicht-Spaß haben. Leider ist das aber auch der Punkt, an dem das Spiel den eigenen Ansprüchen nicht gerecht werden kann – rästelhafte Hinweise und versteckte Kontaktpersonen verlieren ihre geheimnisvolle Aura sobald sie von einer Masse von SpielerInnen verfolgt werden. Das Storytelling kann so nicht mit der ersten Flucht-Euphorie mithalten… allerdings liegen Fliehen und Jagen nur eine Bändchen-Farbe voneinander entfernt und so kann sich auch ganz schnell die Perspektive umkehren (was zum Ende der Journey statistisch fast unausweichlich wird). Umso mehr, als das Spielziel der Anderen lautet: „you are now a chaser – catch all the runners you can!“ Und so wird auch für mich aus der Flucht die Jagd… alleine pirsche ich durch den dunklen Prater, das blutrote Chaser-Bändchen ins Haar geknüpft, lauere ich – und finde doch nur andere Chaser, die sich schemenhaft durchs Unterholz schlagen.

Am Ende gibt es eine sympathisch informelle Preisverleihung, bei der der schnellste Runner und der erfolgreichste Chaser symbolisch geehrt werden, außerdem schmerzende Füße, erhellende Hintergrundgeschichten zu den einzelnen Stationen (die übrigens geschichtlich motvierte Assoziationen zur Stadt Wien zum Inhalt hatten) und die Frage: Journey to the End of the Night – Frankfurt 2014? Gerade im Kontext der geplanten Dauerausstellung Frankfurt Jetzt! und der Erforschung Frankfurts struktureller und interpretativer Besonderheiten, ist die Journey ein inspirierendes Format. Die Spielperspektive ermöglicht die Erkundung der Stadt unter bestimmten Parametern und zielt darüber hinaus auch auf die Vermittlung von stadtspezifischen Inhalten ab, die als Rätsel gelöst werden müssen. Das aktive Mitspielen führt dann nicht nur zur praktischen Manifestation des fiktiven Spielrahmens, die sich zumindest für die Dauer des Spiels als neue Bedeutungsebene über den gelebten Alltag legt, sondern führt auch zur kollaborativen Umdeutung des Stadtraums. Spielerische Partizipation? Zumindest die Spielorganisation im Vorfeld ermöglicht allen Interessierten die Umsetzung einer Stationsidee und somit die Chance für einen Abend ihre Stadt zu bespielen.

6 Kommentare zu “Rule No.7: Cheating will be punished…

  1. Liebe Franziska Mucha,

    wunderbar, herrlich und grandios, wenn Ihr den „Journey to the End of the Night – Frankfurt 2014“ realisieren könntet – eine kollaborative Umdeutung des Stadtraums mit spielerischen Elementen. Ich drücke ganz fest die Daumen, dass Euch das gelingt, denn es liest sich absolut spannend.
    Ich muss gestehen, mir blieb fast die Luft weg, versetzte mich der Post in den Runner und Chaser zugleich. Den Zombi-Albtraum konnte ich zwar nicht nachvollziehen, aber der Duktus des Artikels ist mitreißend – toll und danke!

    Herzlich
    Tanja Praske

    • Franziska Mucha

      Mercimerci, auch und überhaupt für den Schreibanlass.
      Ich gebe zu, der Zombie-Albtraum bedarf gewisser medialer Sensibilisierung im Vorfeld, bin gespannt was deine Assoziationen wären – falls wir eine Frankfurt-Journey 2014 umsetzen können, bist du schon mal herzlich eingeladen das Spiel mit eigenen Füßen/Augen/Ohren zu erleben.

      Bestes,
      Franzi

  2. Pingback: Blogparade-Aufruf zu "Mein faszinierendes Kulturerlebnis"

  3. Anja Fröhlich

    Also ich wäre bei einer Frankfurt-Journey 2014 auf jeden Fall dabei! Das klingt super spannend und nach sehr viel Spaß!

    Gruß,
    Anja

  4. Franziska Mucha

    Wunderbar – dann bist du auf der imaginären Orga-Team-Liste schonmal vorgemerkt, Chaser oder Station? Oder willst du am Ende einfach nur deinen Spaß haben und Frankfurt als Runner entdecken?

  5. Pingback: #KulturEr - ein vorzeitiges Weihnachtsgeschenk #Blogparade (3)

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