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Spritzentausch, Druckraum und Frankfurter Weg – eine ungewöhnliche Recherche

Im Rahmen meiner Recherche zu „100 x Frankfurt“ für die geplante Dauerausstellung Frankfurt Einst?, führte mich mein Weg in das Bahnhofsviertel, genauer in die Niddastraße 49. Dort befindet sich ein Konsumraum der Integrativen Drogenhilfe (IDH). Auf den ersten Blick scheint gerade dieser Ort eher nichts mit Museumsarbeit zu tun zu haben. Betrachtet man jedoch die Ergebnisse meiner Objektrecherche, so ergibt sich eine völlig neue Perspektive.

Der mobile Spritzentauschwagen der IDH gehört zu den hundert emblematischen Objekten, die für die Galerie „100 x Frankfurt“ ausgewählt wurden. Die Objekte sollen zusammen mit den dazugehörenden Geschichten emblematisch für die Frankfurter Stadtgeschichte, für Ereignisse oder Personen stehen.

Im Zuge meiner Recherche ergab sich der Kontakt zu dem Leiter der Hilfeeinrichtung in der Niddastraße und zu einem Mitarbeiter des Sozialverbandes VdK, welcher den Spritzentauschwagen als Student mit entwickelte. Mit den beiden führte ich ein sehr interessantes Interview, zudem erhielt ich zahlreiche Fotos und Hintergrundinformationen. Hierfür möchte ich mich an dieser Stelle herzlich bedanken und betonen, welch eine wichtige und einzigartige Arbeit die Vereine leisten.

Die Geschichte des Wagens beginnt im Jahr 1986 mit der Vereinsgründung der IDH. Aufgabe des Vereins war es zunächst, eine Studie zum selbstorganisierten Ausstieg aus der Drogenabhängigkeit zu erstellen. Zu der Zeit hatten europäische Städte, darunter auch Frankfurt, massiv mit Drogenabhängigen Menschen zu tun, die ihre Sucht im öffentlichen Raum auslebten. In Frankfurt waren vor allem das Bahnhofsviertel und die Wallanlagen betroffen.

Vier Jahre später trafen sich VertreterInnen aus Amsterdam, Zürich, Hamburg und Frankfurt um die aktuelle Drogenpolitik und-hilfe zu besprechen. Das Resultat war eindeutig: Die vorherrschende Drogenpolitik, eine Bekämpfung der Sucht durch Strafen und Zwang zur Abstinenz, war gescheitert. Der Versuch, das Drogenangebot und den Konsum zu eliminieren, war fehlgeschlagen! Es entstand die sogenannte Frankfurter Resolution: eine neue Strategie der Drogenpolitik sollte von nun an, neben der strafrechtlichen Verfolgung, auch gesundheitliche und soziale Hilfe für Süchtige bieten und zugleich Prävention und Erziehungsarbeit leisten.

Bis heute wurde die Frankfurter Resolution von mehr als 20 Städten unterzeichnet.

Im selben Jahr, 1990,  begannen Studierende der Fachhochschule Frankfurt das erste praktische, von der Stadt genehmigte Projekt der IDH. Am 13. Juli 1991 fuhren sie mit einem alten Ford Transit in die Taunusanlage um die offene Drogenszene mit sterilen Spritzen zu versorgen. Der Austausch von gebrauchten Spitzen zwischen den Drogenabhängigen war gang und gäbe, das Risiko sich, mit HIV oder Hepatitis zu infizieren war somit sehr hoch. Täglich tauschten die Studenten zwischen 2500 und 4000 Spritzen, verteilten Wasser, leisteten Erste-Hilfe und informierten die Abhängigen über Hilfemaßnahmen und Einrichtungen.

Bereits ein Jahr später wurde die Abgabe von sterilen und die Entgegennahme von gebrauchten Spritzen durch eine Gesetzesänderung im Betäubungsmittelgesetz legalisiert.

Kurze Zeit später stand die Auflösung der offenen Szene in der Taunusanlage an. Nun ergab sich ein neues Problem für die IDH: sie bekamen von der Stadt keine Standgenehmigung für ihr Fahrzeug und die Abhängigen verteilten sich über das ganze Bahnhofsviertel.

Die Lösung bot ein mobiles Gefährt – so entstand der Spritzentauschwagen. Für die Umsetzung brauchte es nicht viel, eine Sackkarre, einen geschlossenen Eimer für die gebrauchten Spritzen und einen Behälter für die sterilen Spritzen. Im November 1992 begannen die Studierenden ihre Tour durch das gesamte Bahnhofsviertel, vom Hafentunnel, über die Mainzer Landstraße, die Wasserstraßen, bis zur Kaiser- und Münchnerstraße. In einen Eimer passten ca. 1000 Spritzen. Pro Tag wurden pro Tour drei bis vier Eimer benötigt. Für die sachgerechte Entsorgung waren lange Zeit die Studierenden selbst verantwortlich. Nach den Touren führte sie ihr Weg also häufig direkt zur Müllverbrennungsanlage.

Die IDH ist damit ein Vorreiter im Bereich der niedrigschwelligen Drogenhilfe, mit der Entwicklung des mobilen Spritzentauschs, der Konsumräume und alternativen Konzepten und Ansätzen in der Drogentherapie.

Der mobile Spritzentauschwagen steht symbolisch für eine großartige Arbeit in der Frankfurter Drogenhilfe, für den einzigartigen Frankfurter Weg und eine gute Zusammenarbeit zwischen den Institutionen und der Stadt Frankfurt. Dieses Objekt, so finde ich,  hat somit auf jeden Fall einen Platz in der Ausstellung zur Geschichte der Stadt verdient.

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