Sammeln + Pflegen

Tagespostkärtchen in Zeiten von Corona

Leonore Poth ist Künstlerin, Illustratorin und Animationsfilmerin aus Frankfurt. Wer schon einmal bei uns im Museumsshop war, hat auch einige von Leonore Poth illustrierte Bücher gesehen, z.B. den Reiseführer für Kinder „Mein Frankfurt am Main“. das Kinder-Geschichtsbuch „Rund um den Römberberg“ oder die lustigen Daumenkinos „Frankfurter Küche in 3 Sekunden“. Wir haben uns sehr gefreut, dass sie sich mit ihren „Tagespostkärtchen“ am Stadtlabor Digital beteiligt und so mitwirkt, die Corona-Zeit zu dokumentieren. Mit diesem Interview möchten wir ihren Beitrag für das Stadtlabor Digital vorstellen. Und hier ist der direkte Link zu den Kärtchen!

Angela Jannelli (AJ): Liebe Frau Poth, was können wir uns unter „Tagespostkärtchen“ vorstellen? Zeichnen Sie die schon lange oder erst seit „Corona“?

Leonore Poth (LP): Tagebuchkärtchen sind tägliche Zeichnungen auf dem Format DIN A6,
also Postkartenformat. Auf Ihnen halte ich eine besondere Begebenheit des Tages fest,
finde ich keine besondere, dann eben eine ganz gewöhnliche. Ich begann damit 1996, nachdem mein Sohn geboren wurde. Ich habe das aber leider keineswegs bis jetzt durchgehalten, da gibt es große Lücken. Aber als diese Corona-Zeit begann, dachte ich, das ist es wert, Tag für Tag aufgezeichnet zu werden.

AJ: Worin liegt für Sie die Besonderheit dieser Zeit?

LP: Das Besondere ist, dass ganz viele Selbstverständlichkeiten wegfallen: sich mit Freunden in einem Lokal treffen, Ausstellungen besuchen, ins Kino gehen, zu einem Konzert oder ins Theater. Der Nasenschutz, die Abstandsregel, das Schlangestehen, ganz viele Routinen werden gestört oder unterbrochen. Und das erzeugt andere Überlegungen, ergibt andere Begebenheiten auf der Straße, die Bedürfnisse müssen den Beschränkungen angepasst werden. Diese Ausnahmesituation verändert vieles, vielleicht bleibt es so, dann ist es der Umbruch, der festgehalten wird.

AJ: Was haben Sie auf den Kärtchen festgehalten? Können Sie uns ein paar Beispiele beschreiben? Wie entscheiden Sie, welches Ereignis oder welche Begebenheit auf ein Kärtchen kommt?

LP: Der letzte Tag als das Rudern im Ruderverein noch möglich war, oder wie ich trübsinnig beim Frühstück sitze und mir die Nachrichten anhöre oder wie eine Frau im Drogeriemarkt ausflippt, weil sie keinen Einkaufswagen benutzen will. Etwas was ich charakteristisch für diesen Tag halte, oder was mich berührt hat, kommt dann aufs Kärtchen.

AJ: Im Vorspann zu Ihrem Beitrag schreiben Sie, dass das Zeichnen der Tagebuchkärtchen Ihnen Halt gibt. Wir leben nun schon in Woche elf nach dem Lockdown. Hat sich die Bedeutung des Kärtchen-Zeichnens in der Zwischenzeit für Sie verändert?

LP: Es ist ein fester Faktor im Wochenablauf geworden und die Tatsache, dass ich Anfang der Woche wieder was abliefern möchte, diszipliniert natürlich. Und ich lass langweilige Tage nicht einfach aus, sondern versuche, auch dafür eine Form zu finden.

AJ: Wie haben Sie vom Stadtlabor Digital erfahren?

LP: Das Stadtlabor kannte ich von Museumsbesuchen und weil ich Leute kenne, die dort mitgemacht haben. Aber von dieser digitalen Coronaseite habe ich erfahren, als ich mit einer sehr guten Freundin, die in Bensheim wohnt, telefonierte und wir uns zu Beginn der Corona-Zeit berichteten, womit wir unsere Zeit verbringen unter diesen besonderen Umständen. Ich erzählte ihr, dass ich das Tagespostkärtchen-Zeichnen wieder aufgenommen hätte und sie wies mich dann auf das Stadtlabor Digital hin. Ich glaube, sie hatte das in der Zeitung gelesen.

AJ: Wie ist es für Sie, Ihre Tagespostkärtchen nun mit einem Ihnen unbekannten Publikum zu teilen? Hatte das auch Auswirkungen auf Ihre Themen- und Motivwahl?

LP: Dadurch, dass ich weiß, die werden veröffentlicht, gebe ich mir etwas mehr Mühe, Alltagsbegebenheiten zu finden, die auch andere lustig finden könnten, und lesbarer zu schreiben…. Zu viel darf ich über das Publikum aber nicht nachdenken, das würde mich blockieren.

AJ: Vielen Dank für das Interview. Wir freuen uns auf viele neue Tagespostkärtchen!

Wer mehr von Leonore Poth sehen möchte: Bis zum 11. Juni 2020 zeigt sie in der Ausstellung „Landmarken“ Zeichnungen, die Frankfurt aus neuen Perspektiven zeigen, in der Galerie des Deutschen Werkbunds Hessen e.V., gleich um die Ecke des HMF!

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