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Über die Zeil bummeln im Jahr 1924

von Anna Ebel

Die Zeil: an dieser langen und doch immer vollen Straße Frankfurts führt kein Weg vorbei und stellt mitunter den Mittelpunkt der Stadt dar: Geschäfte über Geschäfte, Cafés, Märkte, Sitzmöglichkeiten und ein Gewusel an Menschenmassen zeichnen diese tausend Meter aus. Die Zeil hat viele Gesichter und schafft es, den Bogen zwischen Hektik und Entspannung, sowie Enge und Freiheit zu spannen. Da fällt es nicht schwer, sich vorzustellen, wie schon vor mehr als 120 Jahren diese Straße ein Ort der Begegnung und Selbstverwirklichung war. Schon damals bestimmten Kauf- und Warenhäuser das Straßenbild und den Charakter der Zeil. Doch auch so schnell wie die Hektik in der Straße, veränderte sich das Gesicht der Zeil über die Jahrzehnte und Weltkriege hinweg: Herrschaftliche Paläste und schicke Hotels wichen Neubauten, wie sie heute zu sehen sind – doch der Charakter blieb.

Versetzen wir uns in das Jahr 1924 in die Lage einer jungen Frau, die eines Mittags über die Zeil lief, an prachtvollen Bauten und Modehäusern vorbei auf der Suche nach einem schicken Kleid für einen Tanzabend. Vor einem besonders herrschaftlichen Modehaus im neobarocken Stil an der Zeil Nr. 127 blieb sie stehen, vielleicht weil ihr das Gebäude gefiel, oder weil sie von Reklamemarken genau wusste, dass hier ein vielfältiges Angebot auf sie wartete. Über Schaufenstern stand in großer Schrift:“ Gebr. Robinsohn.“

Ein Blick in das Innere zeigte: hier kann üppig eingekauft werden. Möglicherweise verbrachte die junge Frau viel Zeit in diesem Prachtbau- nicht, weil sie kein Kleid fand, sondern weil es üblich war, sich die Zeit zu nehmen und zu flanieren. Vielleicht tauschte sie sich auch mit anderen Frauen über einzelne Kleidungsstücke aus und ließ sich beraten. Schließlich fand sie ein Kleid, dass perfekt zu ihrem Anlass passte: ein Strasskleid aus Seidengeorgette mit einer sehr auffälligen Farbgebung: Von den Schultern ausgehend war der Stoff mit fließenden Übergängen von Gelb zu Grün, Türkis, Blau bis hin zu dem schwarzen Saum auf Kniehöhe gefärbt. Hinzu kamen Glasperlen, Perlenimitationen und Strasssteine sowie mit florale Stickereien und organischen Muster. Perfekt geeignet für die modernen Tänze wie Charleston oder Shimmy….

Zurück in der Gegenwart dürfen wir als Besucher*innen dieses wundervolle Kleid in der Sonderausstellung „Kleider in Bewegung“ betrachten und versuchen, uns in die ehemalige Besitzerin zu versetzen. Wie würden wir uns in diesem Kleid fühlen, bewegen und tanzen? Wären wir der Star auf der Tanzfläche, selbstbewusst und stilvoll?

Meine Aufmerksamkeit richtet sich auch auf das Modehaus der Gebrüder Robinsohn- wer waren sie, dass sie dieser jungen Frau einen wundervollen Tanzabend in einem traumhaften Kleid ermöglichten? Die Firma wurde 1886 von Robert und Jakob Robinsohn gegründet -(sie gehörten wohl zur Hamburger Kaufmannsfamilie Robinsohn)  und konnte 1905 in den Neubau auf der Zeil 67 und 69, später 127, ziehen. Das Modehaus zeichnete sich durch seine Spezialisierung auf Damenmode aus und ermöglichte damit den Frauen, die aktuellste Pariser Mode zu tragen. Wie lange das Modehaus bestand, ist unklar. Das beliebte Hamburger Kaufhaus wurde in der Zeit des Nationalsozialismus zwangsweise enteignet; die Besitzer mussten 1939 alles weit unter Wert verkaufen.

Doch zurück in die Gegenwart. Vielleicht ergeht es Ihnen wie mir, dass Sie der Gang über die Zeil mit anderen Augen sehen. Ich stelle mir vor, wie die Bewohner*innen Frankfurts vor 120 Jahren an den großen Modehäusern entlangliefen, sich von der Mode in den Schaufenstern inspirieren ließen und voller Erwartung mit den neuen Errungenschaften nach Hause gingen. Auch wenn sich das äußere Erscheinungsbild geändert hat, drückt die Zeil noch immer diese Erwartung aus.

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