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Über jüdische Brautgürtel und ewige Verbundenheit

Wie eine christliche Hochzeit abläuft, weiß ich eigentlich ganz gut. Das liegt daran, dass ich in einer christlichen Kultur aufgewachsen bin und auch schon ein paar Mal auf einer Hochzeit war. Ich war auch schon einmal auf einer türkischen Hochzeit, bei der ich mit muslimischen Hochzeitstraditionen in Kontakt gekommen bin. Aber welche Traditionen gibt bzw. gab es eigentlich bei einer jüdischen Hochzeit? Mit dieser Frage habe ich mich auseinander gesetzt, als ich für einen jüdischen Brautgürtel aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts recherchierte. Er wurde von Peter de Mont hergestellt und soll in „100 x Frankfurt“ in der geplanten Dauerausstellung Frankfurt Einst? seinen Platz finden.

historisches museum frankfurt: der jüdische Braugürtel, Peter de Mont, ca. 1660

In der Literatur bin ich auf einige sehr interessante Hinweise bezüglich jüdischer Hochzeitstraditionen, insbesondere des Gürtels, gestoßen: Nach jüdischer Tradition wurden vor einer Hochzeit Geschenke ausgetauscht. Der Bräutigam sendete der Braut am Vorabend der Hochzeit einen Gürtel, der von einem Rabbiner oder Vorsteher überbracht wurde. Dieser übergab den Gürtel mit den Worten: „Es sendet euch euer Bräutigam einen Gürtel, dass er nach geschehener Copulation euer sein solle.“ Daraufhin ließ die Braut dem Bräutigam durch die gleiche Person einen Gürtel übersenden, der meist von der Mutter der Braut hinzugefügt wurde. Der Brautgürtel war traditionsgemäß mit goldenen, der Bräutigamsgürtel mit silbernen Schnallen ausgestattet. Der Gürtel wurde außerdem manchmal von der Gemeinde bis zum Austausch der Gürtel aufbewahrt und nur an Jungfrauen übergeben. Er galt als soziales Ehrenzeichen, das durch seine Position auf den „Zustand des Unterleibes“ verwies. Am Tag der Hochzeit trug das Paar die sogenannten Siwlones-Gürtel bei der Trauung, die unter einem Traubaldachin (Chuppa) stattfand. Dabei wurde auch die Ketubba, ein Ehevertrag, der im Vorfeld geschlossen wurde, laut vorgelesen. Am Ende der Trauung wurden die Ösen der jeweiligen Gürtel zum Zeichen ihrer ewigen Verbundenheit ineinander verhakt. Im Ablauf und Inhalt der Traditionen gibt es aber auch regionale und zeitliche Unterschiede.
Die Gürtel hatten nicht nur eine symbolische sondern auch eine praktische Funktion. Beim Gehen und Tanzen sollte der Gürtel die Kleidung zusammenhalten, so dass das Unterkleid nicht auseinanderflatterte. Der Gürtel galt natürlich auch als ein Schmuckstück, der oft zusätzlich mit Diamanten besetzt war, der die Person hervorheben sollte. Häufig war es der Großvater, der in seinem Testament Geld für seine Enkelin hinterließ, damit sie sich einen Brautgürtel anschaffen konnte.
Ich finde es immer wieder interessant, kleine neue Dinge aus dem Alltag und der sozialen Umgebung von Menschen aus vergangenen Zeiten zu erfahren, über die ich vorher so gut wie nichts wusste. Am Schönsten finde ich das symbolische Verhaken der beiden Gürtel – sehr romantisch.

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