Neudenken + Entwerfen

Was bedeutet mir die Demokratie?

Diese Frage, die das Deutsche Historische Museum für die Blogparade #DHMDemokratie
stellte, lässt eine unendlich lange Antwort zu, oder eine ganz kurze: alles.

Um die Frage also etwas handhabbarer zu machen, und von einer eher individuellen auf einer eher universale Fragestellung zu kommen, greife ich mal einen Teilaspekt dieses Jahrtausende umspannenden, leider auch oft hinterfragten und viel umkämpften Themas heraus und frage stattdessen: Was hat Demokratie mit mir zu tun? Und ich möchte alle Leser*innen dieses Artikels darum bitten, bei der Beantwortung der Frage eine etwas andere Rolle einzunehmen: die von Kindern.

Für Kinder und Jugendliche ist Demokratie nämlich erstmal ein ziemlich abstraktes Konzept. Natürlich fallen da die gängigen Keywords aus der politischen Bildung: Mitbestimmen, Wählen, die eigenen Rechte kennen, sie verteidigen können, offen seine Meinung sagen. Aber was bedeutet das denn konkret? Dazu arbeiten wir in diesem Jahr mit unserem Projekt „Junges Museum unterwegs“.

Ich habe das Projekt Junges Museum unterwegs in den vergangenen Jahren hier schon öfter mal vorgestellt. Dabei touren wir von Mai bis September durch die Frankfurter Stadtteile und arbeiten mit den Kindern vor Ort im öffentlichen Raum zu verschiedenen kulturhistorischen Themen. Dabei geht es sowohl darum, kulturelle Angebote im Stadtteil zu schaffen, als auch Hemmnisse gegenüber der Institution Museum abzubauen. Mit dem Programm erreichen wir nämlich ganz andere Zielgruppen als unsere üblichen Museumsbesucher*innen, und das ist das besonders Schöne an dieser Arbeit – nach draußen gehen, andere Menschen für Museen und unsere Themen begeistern, aber auch die eigenen Horizonte erweitern und Neues kennenlernen.

Plakat vom Jungen Museum unterwegs vor einer heckeDas soziokulturelle Projekt „Junges Museum unterwegs“ richten wir, wenn möglich, thematisch nach unseren aktuellen Ausstellungen aus. Daher touren wir dieses Jahr unter dem Motto „Dagegen! Dafür? Wofür stehst du?“. Im vergangenen Jahr hat das Junge Museum Frankfurt die große Sonderausstellung „Dagegen. Dafür? Revolution. Macht. Geschichte.“ eröffnet. Darin können Besucher*innen durch vier historische Revolutionen und Protestbewegungen reisen, die Motivation und Beweggründe für die Proteste kennenlernen, aber auch erfahren, wie Meinungsbildung überhaupt zustande kommt, und wie man für seine Grundrechte eintreten und sie verteidigen kann. Die Ausstellung führt zu den Straßenbarrikaden der Revolution von 1848/1849, in die Novemberrevolution 1918, ins Hüttendorf im Stadtwald zu den Startbahn-West-Protesten und ins Occupy-Camp vor der Europäischen Zentralbank.

Ziel unserer diesjährigen mobilen Tour durch die Frankfurter Stadtteile ist es, den Kindern und Jugendlichen Handlungsoptionen aufzuzeigen, Meinungsbildungsprozesse zu verdeutlichen und in Gang zu setzen und – das ist aus meiner Sicht das wichtigste! – ihre Stimmen zu hören. Und das bringt mich wieder zu meiner Eingangsfrage: Was hat Demokratie mit mir zu tun? Kinder und Jugendliche haben nämlich politisch betrachtet erst mal wenig zu sagen in unserer Gesellschaft. Sie haben unter 18 Jahren kein Wahlrecht auf Bundesebene und überhaupt relativ wenig Möglichkeit zur Mitsprache und Mitbestimmung. Sie organisieren und engagieren sich in Vereinen, Initiativen, Schüler*innenparlamenten und Parteien. Die Shell Jugendstudie 2015 hat herausgefunden, dass sich 41% der Jugendlichen als „politisch interessiert“ bezeichnen – im Herbst diesen Jahres erscheint eine neue Ausgabe der Studie und  es wird interessant sein, wie sich diese Zahl entwickelt hat. Aber seien wir ehrlich: Über dieses Engagement hinaus sieht es mit politischer Teilhabe und vor allem der parlamentarischen Repräsentanz ziemlich mau aus. Und gerade das sollten wir uns, wenn wir über Demokratie und Repräsentanz von allen Bevölkerungsschichten nachdenken, bewusst machen! In der demografischen Struktur der Bundesrepublik Deutschland stellen Kinder und junge Menschen unter 18 Jahren 16% der Bevölkerung, außerhalb der Landtagswahlen in Brandenburg, Bremen, Hamburg und Schleswig-Holstein (hier gilt das Wahlrecht ab 16 Jahren), haben sie aber de facto kaum politische Mitsprache.

 

Wer den gesellschaftlichen Diskurs um die Politisierung junger Menschen in den vergangenen Monaten verfolgt hat, konnte deutlich sehen, dass mit diesem Mangel an Mitsprache und Repräsentanz aber keineswegs eine Politikverdrossenheit einhergeht. Ganz im Gegenteil – junge Menschen (und damit meine ich wirklich Kinder und Jugendliche) sind so politisch wie schon lange nicht mehr! Das vielleicht prägnanteste Beispiel dafür ist Fridays for Future: Jeden Freitag treffen sich Tausende von Schüler*innen vormittags und demonstrieren öffentlich für eine klimafreundlichere Politik und Gesellschaft. Völlig unabhängig von jeglicher politischen Organisation haben sie sich organisiert und kämpfen in großer Zahl für die vielleicht wichtigste Sache, für die man sich im 21. Jahrhundert einsetzen kann und muss. Und sie nutzen dafür, was sie haben: ihre Stimme! Eben nicht die auf dem Wahlzettel, sondern die auf der Straße.

Diese politisierten jungen Menschen haben verstanden, dass in einer demokratischen Gesellschaft Politik nicht nur in Berlin, Paris oder Brüssel gemacht wird. Und dass sie nicht nur von Frauen und Männern in Parlamenten und Parteien gemacht wird, sondern von jeder*jedem von uns, auf der Straße, in der Schule (oder eben nicht in der Schule), auf Sportplätzen, in Jugendhäusern, in öffentlichen Einrichtungen, in Kulturinstitutionen, in Museen, in Sportvereinen. Diese Liste ließe sich unendlich weiterführen.

Gegen diese inspirierende große Bewegung komme ich mir mit unserem lokalen, soziokulturellen Projekt wirklich klein vor. Wir machen keine Demos mit Tausenden von Kindern, aber wir gehen in die Stadtteile und fragen: Wofür stehst du? Wo gibt es hier im Stadtteil Handlungsbedarf, ganz konkret? Und dann tauschen wir uns aus und überlegen, was man dagegen tun kann, ebenso konkret vor Ort, in diesem Moment. In der vergangenen Woche haben wir Station im Gallus gemacht. Das Gallus ist ein altes Arbeiterviertel, sehr groß, sehr unübersichtlich, und seit einigen Jahren stark von Gentrifizierungsprozessen betroffen. Ständig wird gebaut, renoviert, erschlossen; kurzum, es ist sehr, sehr laut im Stadtteil. Das stört die Kinder sehr, wir haben also Flugblätter gestaltet und Demoplakate gemalt und sind mit einem Demozug von lauten Kindern (laut, um die Bagger und Autos zu übertönen) durch den Stadtteil gezogen. Der Kinderbeauftragte des Gallus kam vorbei, hat sich die Sorgen der Kinder angehört, und trägt sie in den Ortsbeirat. Dass es in Frankfurt Stadtteil-Kinderbeauftragte gibt, die sich als Ehrenamtliche für die Belange der Kinder einsetzen, ist eine großartige Sache! Das Frankfurter Kinderbüro, das sich seit vielen Jahren für die Wahrnehmung und Einhaltung der Kinderrechte stark macht, ist sozusagen die institutionelle Heimat der Kinderbeauftragten in den Stadtteilen. Diese Institution ist aus der Frankfurter Stadtgesellschaft nicht mehr wegzudenken – und für uns ein wichtiger Partner, wenn wir auch nachhaltig an den Themen, die die Kinder beschäftigen und verärgern, weiterarbeiten wollen. Im Gallus, kurz vor unserer Demo, sprach mich ein 11-jähriger Junge an. „Weißt du, ich hab meiner Mutter erzählt, was wir hier machen. Und sie hat gesagt, ihr wollt uns Mut machen.“ Ja. Ganz genau. Das bedeutet für mich Demokratie.

1 Kommentar zu “Was bedeutet mir die Demokratie?

  1. Liebe Laura,

    vielen, vielen herzlichen Dank für Euren/Deinen Beitrag zur Blogparade #DHMDemokratie! Ich war schon immer Fan von Eurem Stadtlabor, finde das „Junge Museum unterwegs“ großartig. Die Beiträge zur Blogparade greifen mitunter Punkte von Euch auf, gerade die Diskussion rund um „#FridaysforFuture“, aber auch die Diskussion rund umm #Rezo, was sie in Familien auslöst, nämlich den Austausch über Demokratie wie Verena Carl das in Ihrem Beitrag beschreibt: http://verenacarl.de/gewaltig-ey-rezo-und-die-demokratie

    Lese ich dann Deinen Schlussabsatz über den 11-jährigen Jungen, dann denke ich mir, ja, genau richtig, diese Diskussion über #DHMDemokratie ausgelöst zu haben!

    Ich bedanke mich ganz herzlich dafür!

    Verregnete Grüße aus München
    Tanja von KULTUR – MUSEUM – TALK

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