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Was eine Milchkanne mit Vergessen und Erinnern zu tun hat

Frankfurt Museum ist eine Bezeichnung, die das HMF zuweilen als „Untertitel“ seines offiziellen Namens Historisches Museum Frankfurt verwendet. Die Kurzform erlaubt es gewissermaßen, in den Sammlungen und Ausstellungen mehr als nur historische Aspekte zu berücksichtigen. Ein solcher universaler  Anspruch sprengt natürlich auch die lokalen Grenzen: Mit seiner großen Ausstellung über das Frauenwahlrecht hatte das HMF ein Thema aufgegriffen, in dem die Bezüge zu Frankfurt nur eine untergeordnete Rolle spielten. In der gegenwärtigen Ausstellung Vergessen gibt es neben dem Rückgriff auf die Geschichte sowie der Einbeziehung Frankfurter Exponate noch ein drittes Element, das den Reiz dieses Projekts ausmacht: Die Beiträge zeitgenössischer Kunst zur Visualisierung des Gedächtnisverlusts sowie seines komplementären Begriffs: des Erinnerns.

Kurt Wettengl, einer der beiden Kuratoren von Vergessen, unterstrich bei seiner Führung für die Freunde & Förderer des HMF, wie wichtig der Kontext von Dingen ist, die ein Museum sammelt. Mit dem massenhaften Austausch von Gegenständen, die unseren Alltag prägen, geht das kulturelle Wissen um diese Objekte verloren und ist für nachfolgende Generationen kaum noch verständlich. Zu den Exponaten gehört beispielsweise eine blecherne Milchkanne mit Henkel, die in der Arbeit mit Demenzkranken als  Anknüpfungspunkt eingesetzt wird, um lange verschüttete Erinnerungen hervorzurufen.

Dass die Ausstellung Exponate der Forschungen des Frankfurter Arztes Alois Alzheimer und seiner berühmten Patientin Auguste Deter zeigt, liegt angesichts des Ausstellungsthemas auf der Hand. Geradezu bewundernswert ist es aber, welche zum Teil unspektakulären und nicht per se museumsreifen Ausstellungsstücke die Kuratoren zusammengetragen haben, um die Themen Vergessen und Erinnern sichtbar zu machen. Dazu gehören die  auf einem Flohmarkt gefundenen Berliner Programmhefte von Konzerten und Theateraufführungen zwischen 1934 und 1942.  Die Künstlerin Tacita Dean fasste sie unter dem einer Opernaufführung entnommenen Titel „Die Regimentstochter“ zu einer Installation zusammen, die sonst in einem Gebäude des Deutschen Bundestags hängt. Das Bemerkenswerte an den Programmheften:  Auf deren Titelseite war sorgfältig das Hakenkreuz  herausgeschnitten worden, um die Erinnerung an die unselige Zeit auszulöschen, also das Vergessen zu fördern. Ebenso passend zur Visualisierung einer verbotenen Erinnerung an traumatische Erlebnisse ist die sehr berührende schriftliche Verarbeitung erlittener Vergewaltigungen einer 15jährigen jungen Frau durch sowjetische Soldaten. Als sie ihre Mutter nach Monaten der Suche auf der Flucht endlich erreicht hatte, verbat ihr diese, davon  zu erzählen – das Vergessen als Forderung.

Die historischen Bezüge der Ausstellung werden in jenem Kapitel angesprochen, in dem es um das Phänomen des herbeigeführten Vergessens ging, der kollektiven  Amnesie der nationalsozialistischen Verbrechen im Nachkriegsdeutschland.  Wie schon in der Vorjahresausstellung Legalisierter Raub werden in dem aktuellen Projekt Zeugnisse für die öffentliche,  für jeden sichtbare Enteignung jüdischer Mitbürgerinnen und -mitbürger gezeigt, an die sich nach 1945 vielfach niemand mehr zu erinnern vorgab. Eine geniale künstlerische Umsetzung des Nicht-Erinnern-Wollens gelang der Künstlerin Sigrid Sigurdsson – auf die auch das HMF-Projekt Bibliothek der Generationen zurückgeht – in ihrem Audio-Kunstwerk „Redepausen“ im Auschwitz-Prozess: Auf der Tonspur ist  – außer Nebengeräuschen – nur das Schweigen  der Täter aus Scham sowie der Opferzeugen aus Schmerz zu „hören“.

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