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Der alte Jüngling

Mit dem Museums-Neubau werden 2017 viele derzeit eingelagerte Exponate ein neues Zuhause bekommen. Darunter auch die Jünglingsgestalt von Richard Scheibe, die zuletzt im Innenhof des Betonbaus stand. In Zukunft wird sie zumindest nicht einsam sein: sie wird in der geplanten Dauerausstellung Frankfurt Einst? in unmittelbarer Nähe zur Statue Karls des Großen aufgestellt, die im Betonbau der 1970er Jahre die Tür bewachte und die Besucher begrüßte.

Wenn der bronzene Jüngling auch noch nicht ganz so viel Erfahrung hat wie der steinerne Monarch, kann er doch auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Er wurde 1926 vom Bildhauer Richard Scheibe (1879-1964) gegossen. Die Stadt Frankfurt vergab den Auftrag, um den 1925 verstorbenen ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert zu ehren. Der nackte Jüngling hat jedoch keinerlei Ähnlichkeit mit dem schnauzbärtigen Staatsmann, vielmehr sollte er die Aufbruchstimmung der jungen Weimarer Republik zeigen. Er erhebt sich und fordert mit seinem gestreckten rechten Arm den Betrachter geradezu dazu auf, es ihm gleichzutun. Das Denkmal wurde 1926 auf einem Sockel an der Außenwand der Paulskirche enthüllt.

Trotz ihrer eher freundlichen Geste hatte die Skulptur viele Feinde. So wehrte sich der Kirchenvorstand heftig dagegen, damit quasi in ihren Mauern einen sozialdemokratischen Politiker zu ehren. Dabei zollte der Jüngling der Kirche durchaus Respekt; entgegen dem ursprünglichen Entwurf ist seine Blöße bedeckt.

1933 musste er schließlich den Platz räumen; die Nationalsozialisten lehnten jegliche Würdigung der Weimarer Republik ab und entfernten die Statue. In der Folgezeit sollte sie mehrmals eingeschmolzen werden, sogar der Künstler gab seine Einwilligung dazu. Das Kulturamt sprach sich jedoch dagegen aus; der Jüngling überstand den Krieg unversehrt im Magazin.

1945 plante die Stadt, das Denkmal wieder aufzustellen. Der Bildhauer bat jedoch, einen neuen Jüngling fertigen zu dürfen. Der alte sei unter solch einem Zeitdruck entstanden, dass der Künstler mit seiner Arbeit nie recht zufrieden gewesen wäre. Seiner Bitte wurde entsprochen, 1950 wurde an der Paulskirchenwand ein zweiter Jüngling enthüllt, der dort bis heute zu sehen ist. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger ist er gänzlich nackt und steht aufrecht, sein erhobener Arm erinnert eher an einen Gruß als an die auffordernde Geste.

Der alte Jüngling wurde in Rente geschickt, jedoch nicht eingeschmolzen. Nach einigen Jahren im Magazin des Städels wurde er dem historischen Museum übergeben, wo er unter der Bezeichnung „stehender männlicher Akt“ im Innenhof des Betonbaus Platz fand. Wenn er auch momentan wieder im Magazin verweilt, wird seine Zukunft an der Seite Karls des Großen sicherlich aufregender. Ob der republikanische Jüngling sich jedoch mit dem monarchistischen Karolinger verstehen wird, bleibt abzuwarten.

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