Neudenken + Entwerfen

„Die Theorie braucht die Praxis, um eine Mauer zu durchbrechen.“

Ein Kongress über transdisziplinäre Zusammenarbeit

Wie kann man etwas zeigen ohne es auszustellen? Mit welchen Mitteln lässt sich die Wissensproduktion über Objekte und das Nichtvorhandene sichtbar machen? Was passiert, wenn Künstler*innen kritische und reflexive Fragen in stadthistorischen Museen stellen?

Der Workshop „Jenseits des Disziplinären Horizonts. Neue Formen der Recherche und Wissensproduktion“, der Museumsakademie Joanneum warf viele solcher Fragen auf. Fragen zur Identitätskonstruktion und Repräsentation, zur Aneignung anthropologischer Bilder mithilfe künstlerischer Methoden sowie zur Zusammenarbeit mit ExpertInnen außerhalb des wissenschaftlichen Kontextes. Das Münchner Stadtmuseum bot mit der Ausstellung „Asyl Stadtmuseum“ einen angemessenen Veranstaltungsort, um diese Fragen am praktischen Beispiel zu diskutieren.

Plakatmotiv der Ausstellung "Asyl Stadtmuseum" Entwurf: Matthias Weinzierl

Die Ausstellung zeigt zum ersten Mal afrikanische Theaterfiguren, die über den Kunsthandel nach Europa gekommen waren und sich bis dahin in der Sammlung des Museums befanden. Aufgrund des Mangels an Dokumentationen über die einzelnen Objekte, wählte das Stadtmuseum zur Kuration der Ausstellung Künstlerinnen als Kooperationspartnerinnen. Die Künstlerinnen Stefanie Oberhoff mit dem Schwerpunkt Figurentheater und Pélagie Gbaguidi, die sich in ihren Arbeiten mit postkolonialen Themen auseinandersetzt, rekonstruierten in einem Prozess der künstlerischen Erkenntnisforschung die politische, kulturelle und persönliche Brisanz der Objekte. Die beiden Expertinnen für Strategien des transdisziplinären Arbeitens und der postkolonialen Repräsentation entwickelten eine künstlerische Installation, die von der De- und Neukonstruktion anthropologischer Bilder durchdrungen ist.

Detail der künstlerischen Installation von Pélagie Gbaguidi und Stefanie Oberhoff im Münchner Stadtmuseum Foto: Münchner Stadtmuseum

Das Depot der Sammlung erklärten die Künstlerinnen zu einer Art provisorischem Asyl für die afrikanischen Puppenfiguren. Ein Ort des Stillstandes und der Reflexion, in dem koloniale sowie postkoloniale Geschichte aufeinander trifft.

Dieser Ansatz zeigt sich im gesamten Ausstellungskonzept: Auf reflexive und affirmative Weise integriert die künstlerische Installation Themen der rassistischen Repräsentation im europäischen Alltag, der Unabhängigkeitsbewegung in Dakar, der politische Repression des Kolonialismus sowie des Themas Asyl in Deutschland. Für die RezipientInnen erfahrbar wird auch die persönliche Betroffenheit der beiden Kuratorinnen über die rassistische Gewalt der kolonialen Geschichte. Indem sie das „kuratorisches Ich“ und ihre emotionale Involviertheit in die Ausstellung einbeziehen,  offenbaren sie den RezipientInnen vielschichtige Erfahrungsebenen und Zugänge zur den Objekten.

Die in der Installation deutlich ausgestellten „afrikanisch“ anmutenden Puppenspielfiguren stammen von europäischen Figurenbauern und geben einen Einblick in die vielfältigen Stereotype zu Repräsentationen aus rassistisch-kolonialer Blicktradition. Die original in Afrika erschaffenen Puppen bleiben hingegen hinter Kakteen, in ihren aufwändigen konservatorischen Verpackungen vor voyeuristischen Blicken geschützt. Dies wird den Betrachter*innen jedoch erst im zweiten Blick deutlich. Im Moment des Erkennens der Täuschung wird die eigene Reproduktion eurozentrischer Blicktradition entlarvt.

Detail der künstlerischen Installation von Pélagie Gbaguidi und Stefanie Oberhoff im Münchner Stadtmuseum Foto: Münchner Stadtmuseum

Elke Krasny, Kuratorin und Senior Lecturer an der Akademie der bildenden Künste Wien, beschrieb an diesem und anderen Ausstellungsbeispielen die Chancen der künstlerischen Praxis und der transdisziplinären kuratorischen Arbeit. Neben der rein wissenschaftlichen Forschung zu einem Objekt, öffnet die künstlerische Erkenntnisproduktion Ebenen, in denen vielschichtige Wissensfelder integriert werden können. Die Kunst bewegt sich seit jeher in einem Spannungsfeld zwischen Trans- und Interdisziplinarität, weist also eine inhaltliche und methodische Hybridität auf. Diese Hybridität bietet die Möglichkeit, mit der De- und Neukonstruktion von Objekten und anthropologischen Repräsentationen zu „spielen“. Beispielsweise können Gegenbilder oder Gegenobjekte zu „sensiblen“ Objekten künstlerisch erschaffen und miteinander in Beziehung gesetzt werden. Auf diese Weise wird die Reproduktion repressiver oder rassisierender Repräsentation sichtbar.

Die kuratorische Zusammenarbeit mit Expert*nnen jenseits eines „disziplinären Horizonts“, eröffnen daher nach Krasny Räume für neue, authentische Blickweisen und Fragestellungen zu sensiblen Sammlungen. In diesem Kontext wird sowohl dem Recht auf Einsicht als auch dem Recht auf Verweigerung von Repräsentation “No representation about us, without us.” Respekt verliehen.

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