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Herzlichen Glückwunsch, Demokratie?!

Die Paulskirche wird 175 Jahre alt![1] Im kommenden Jahr, 2023, wird sie als Wahrzeichen und Wiege der deutschen Demokratie gefeiert. Die Feierlichkeiten sollen die Demokratie stärken und die Grundwerte von Gleichheit, Freiheit und Rechtsstaatlichkeit in Erinnerung rufen. Gleichheit der Menschen wird als ein Kernpunkt von Demokratie bezeichnet. „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich,“ so heißt es im Artikel 3 des Grundgesetzes von 1949, das auf der Paulskirchenverfassung beruht. Doch wie steht es um das Versprechen der Gleichheit?

Vor orangenem Hintergrund ist rechts eine Collage mit dem Bauwerk Paulskirche, dem Grundgesetz und demonstrierenden Menschen. Links steht "Vom Versprechen der Gleichheit". Oben "Stadtlabor".
Ausstellungsplakat

Die Bürgermeisterin Nargess Eskandari-Grünberg weist in ihrem Artikel in der FAZ am 3. März 2022 darauf hin, dass ca. 150.000 Menschen aus Frankfurt nicht wählen dürfen. Das sind knapp 25 Prozent der Erwachsenen, die bei demokratischen Entscheidungen auf staatlicher Ebene nicht mitwirken können. Grund dafür ist die fehlende deutsche oder EU-Staatsbürgerschaft.

Aber die Teilhabe an Demokratie geht über das Wählen hinaus.[2] So schreibt John Dewey 1916: „Die Demokratie ist mehr als eine Regierungsform; sie ist in erster Linie eine Form des Zusammenlebens, der gemeinsamen und miteinander geteilten Erfahrung.“[3] Als Lebensform[4] betrifft sie die Art und Weise, wie Menschen zusammenleben: Beteiligung ist möglich und kann gelebt werden, Entscheidungen werden gemeinsam getroffen, Menschen können für ihre Bedürfnisse eintreten.

Doch wie sieht das im Alltag verschiedener Menschen in Frankfurt aus? Die gesellschaftliche Positionierung und Identität der Menschen beeinflusst schließlich stark, wie Menschen am politischen Leben teilnehmen können. Ob sie mitsprechen, sich organisieren, gehört werden können und wie sie im Parlament vertreten werden.

Aufruf zur Teilhabe am Demokratie-Labor

Diesem Spannungsfeld widmet sich das Historische Museum Frankfurt ab Juni 2022 in einem Stadtlabor. Das „Demokratie-Labor – Vom Versprechen der Gleichheit“ blickt in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Wie könnte politische Teilhabe für alle gelingen? Wie wollen wir in Zukunft in Frankfurt zusammenleben? Gemeinsam mit Frankfurter*innen soll eine Ausstellung mit vielfältigen Blicken auf Demokratie entstehen. Demokratie ist also einerseits Thema und andererseits Arbeitsmethode. Die Stadtlabor-Ausstellung entsteht in Beteiligung.

Ein Mädchen schreibt auf ein Plakat "Alle sind wie wir! So sollen sie auch behandelt werden! Ihr gehört zu uns!"
„Kinder haben Rechte!“ Ausstellung im Jungen Museum Frankfurt 2017. © Stefanie Kösling, HMF

Und dazu laden wir insbesondere jene Menschen ein, die Diskriminierung und Ausschluss erfahren. Wir möchten Frankfurter*innen ansprechen, deren Stimmen in demokratischen Prozessen oft nicht gehört werden: Menschen ohne Obdach, Geflüchtete, Kinder, Jugendliche, Senior*innen, Menschen mit Einschränkungen, BIPoC und viele mehr. Durch das Stadtlabor soll ein Raum geschaffen werden, in dem gegenwärtige Auswirkungen von ungleichen Machtverhältnissen auf demokratische Aushandlungen sichtbar werden können.

Das Stadtlabor – ein demokratisches Ausstellungsformat

In den letzten 10 Jahren hat sich eine Arbeitsmethode im Stadtlabor etabliert, die wir Ko-Kuratieren nennen. Die Teilnehmenden bringen ihre Standpunkte ein und erarbeiten die Beiträge. Das Museums-Team unterstützt dabei, wie die Inhalte gestaltet werden können, also in der Ausstellung für die Besucher*innen funktionieren. Wir organisieren den Prozess. Zwei Gestalterinnen planen die Gestaltung von Ausstellungsraum und Grafik. Das Stadtlabor funktioniert partizipativ, also in Teilhabe. Der Prozess steht im Vordergrund. In Workshops werden die genauen Themen gemeinsam festgelegt und die wichtigen Entscheidungen zur Ausstellung zusammengetroffen.

An einer grünen Wand hängen bunte Arbeitshandschuhe.
Wer ist an einer Ausstellung alles beteiligt? Im Stadtlabor „Gärtnern Jetzt!“ hängten die Beteiligten symbolisch ihre Gartenhandschuhe an die Wand. © HMF, Horst Ziegenfusz

Für das Demokratie-Labor ist unser Ziel, geschützte Räume zu schaffen, in denen ein offener und anerkennender Austausch möglich ist. Wir wollen uns über die Spielregeln der Zusammenarbeit im Stadtlabor austauschen und Bedürfnisse besprechen. Wie wollen wir sprechen und zuhören? Das Stadtlabor ist ein demokratisches Ausstellungsprinzip, das von der Mitarbeit Vieler lebt. Wenn wir uns darin mit Demokratie befassen, möchten wir auch die Rahmenbedingungen der Beteiligung besprechen: Welche Möglichkeiten und Grenzen hat diese Form des Ausstellungen-Machens?

Wir freuen uns auf die Teilnahme vieler Frankfurter*innen, einzelner Personen, Gruppen, Schulklassen oder Initiativen. Wir wollen gemeinsam zum „Versprechen der Gleichheit“ forschen, vielfältige Perspektiven aufzeigen, uns vernetzen und austauschen.

Herzliche Einladung zum Kick-off-Workshop

am Mittwoch, 22. Juni 2022 von 18 bis 20.30 Uhr im Historischen Museum Frankfurt

Anmeldung und Rückfragen

stadtlabor.historisches-museum(at)stadt-frankfurt.de, Betreff „Demokratie“

Einladung zum Herunterladen und Weiterleiten

Plakat in A3 (Download PDF), Postkarte in A5 (Download PDF)

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[1] Zumindest feiern wir nächstes Jahr das 175-jährige Jubiläum der ersten Nationalversammlung in der Frankfurter Paulskirche. Am 18. Mai 1848 kamen die gewählten Vertreter im ersten gesamtdeutschen Parlament zusammen. Für ein Jahr debattierten sie in der Frankfurter Paulskirche über die freiheitliche Verfassung und die Bildung eines deutschen Nationalstaats. Schon ein Jahr später, im Juni des darauffolgenden Jahres scheiterte die Paulskirchen-Versammlung. Sie wurde gewaltsam aufgelöst und die erarbeitete „Verfassung des Deutschen Reiches“ vom März 1849 trat nie in Kraft.

[2] https://www.mehralswaehlen.de/.

[3] Dewey, John: Demokratie und Erziehung. Eine Einleitung in die philosophische Pädagogik. Weinheim/Basel 20115 [1916], S. 121.

[4] Mehr zur Dreiteilung des Demokratieansatzes in Herrschafts-, Gesellschafts- und Lebensform ist in Gerhard Himmelmanns Aufsatz „Demokratie-Lernen: Was? Warum? Wozu?“ von 2004 zu finden.

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