Neudenken + Entwerfen

ocuppy museum?

Wie müssten Museen sein, um von der Bevölkerung als relevant wahrgenommen zu werden? Wie müssen sich auch intern museale Strukturen ändern, um als Institution zu bestehen?

Das scheinen mir die Grundfragen, die das Tagungsziel von „Occupy revisited“ (2.-3. Juni 2014 in Wolfenbüttel) darstellten. Nachdem im vergangenen Jahr zwar mit dem provokativen Schlagwort experimentiert wurde, der Anspruch aber wohl nicht wirklich eingelöst wurde hat der BfK die Struktur der Tagung verändert und eingeladen zu Occupy revisited: Kleiner, knackige Fragen, Workshopcharakter und in Form eines Netzwerks soll auch weiterhin darüber nachgedacht werden, wie „Occupy Museum“ aussieht und was es bedeutet.

Zurück auf Los: Zu Beginn stand der Input von Prof. Michael Fehr (UdK Berlin). Er diagnostizierte „dem Museum“ eine unheilbare Krankheit: Das demente Museum ist eine provokative Zeitdiagnose über Museen. Es steckt in der Krise, es verliert seine Identität: seine Orientierungsfähigkeit und seine Urteilskraft. Museen treten Fehr zufolge heute wie demente Individuen auf, indem sie nicht in der Lage sind zu entscheiden, was wirklich relevant ist und vielmehr hyperaktiv agieren und elitär kuratieren. Soweit so schlecht – was daraus für ihn folgt ist schnell um die Ecke gedacht und radikal: Museen müssen sich genau aus diesem Grund erneuern, neu orientieren. Alle Objekte müssen offengelegt werden, jeder muss die Möglichkeit haben, Interpretation und Bedeutung beizutragen. Ganz einfach: Museen müssen Orte sein, in denen keine Interpretationen vorgegeben sind, sondern in denen Raum für verschiedene Sichtweisen bestehen.

Aus diesem radikalen Ansatz ging es in Arbeitsgruppen weiter und dort entwickelten sich in kurzer Zeit und intensiven Gesprächen einige Ansätze. Leider waren die jedoch recht klassisch gedacht, aber das ist ja auch eine Aussage. Hier meine (zugegeben sehr kurze) Zusammenfassung: Museen müssen verstärkt mit Partizipation arbeiten (Gruppe 1); Museen könnten mit Outreach-Pogrammen viel erreichen, während sie gleichzeitig ihren klassischen Museumsbetrieb aufrechterhalten.(Gruppe 2). Museen können viel, sind aber kein Allheilmittel für gesellschaftliche Missstände und auch nur begrenzt belast- und dehnbar (Gruppe 3) und Museen müssen Ideen und Inhalte stärken, die in den Mühlen des Alltagsbetriebs untergehen und brauchen dafür starke Moderatoren (Gruppe 4). Gruppe 5, die ungeplante OccupyOccupy-Gruppe hat aktionistische Interventionsideen entwickelt, wie Einlasspolitik im Museum, singende Alarmanlagen oder mein präferiertes Museum auf dem Fahrrad.

Was sagen uns solche Ergebnisse? Der Begriff „occupy museum“ suggeriert Verschiedenens, das kaum eingelöst werden kann. Occupy ist eine Strategie, eine interessante aber auch hilflose Form, in einem Akt der Empörung Raum und Deutungshoheit zurückzuerobern. Es ist eine politische Handlungsform, die zunächst mit Verweigerung arbeitet – aber sie arbeitet. Occupy lässt sich kaum definieren, weil es sich nicht einordnen lassen will (Kluge Analysen hier, z.B. von Judith Butler). Jeder kann mitmachen, aber keiner kann sagen: das ist nicht Occupy. Begrifflich ist das spannend, ob es für eine Neuorientierung von Museen in ihrer Suche nach der vermeintlich verlorenen Relevanz tauglich ist, da bin ich noch skeptisch, freue mich jedoch auf die weitere Zusammenarbeit, in der Ausstellungen oder Institutionen neu gedacht werden könnten. Was uns eine solche Tagung sagt: Es muss dringend weitergehen im Nachdenken darüber, wie Museen im 21. Jahrhundert bestehen wollen, wie sie sich in unserer Gesellschaft positionieren und was sie dazu beitragen können, dass unsere Gesellschaft verstanden und reflektiert wird.

Kurz zur Erinnerung, weil es leider verkürzt wiedergegeben wurde auf der Tagung: Vergangenes Jahr hat das HMF eine partizipative Sammlungsaktion von Objekten aus dem ehemaligen Protestcamp am Willy Brandt Platz mit einer Frankfurter Occupy-Gruppe realisiert. Wer wissen möchte, worum es uns dabei ging und wie wir vorgegangen sind, kann das hier nachlesen. Über Diskussionen und Ergänzungen zu der Tagung, z.B. hier online freue ich mich! Weitere Blogbeiträge verlinke ich gerne!

1 Kommentar zu “ocuppy museum?

  1. Ein sehr inspirierender Beitrag – es gibt noch Hoffnung für Museen!
    Beste Grüße aus Köln

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