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Prehns „Männerparadies“ – 874 Gemälde und nur eine Malerin?

Während allerorten monographische Ausstellungen zu Künstlerinnen veranstaltet werden, sieht es mit ihrer Anwesenheit in Dauerausstellungen von Gemäldesammlungen prozentual weiterhin dürftig aus. Und insbesondere, wenn es um alte Malerei (die sogenannten „alten Meister“!) geht. Man kann sich schon freuen, wenn mal in einem großen Museum ein Werk von Artemisia Gentileschi oder Elisabeth Vigée-Lebrun dauerhaft gezeigt wird.
Dauerausstellungen präsentieren meist das Erbe der seit Jahrhunderten zusammengetragenen Sammlungen. Was und wie zur Goethezeit in Frankfurt gesammelt wurde, das zeigt die kürzlich erforschte Gemäldesammlung des Frankfurter Konditors Johann Valentin Prehn (Frankfurt 1749–1821 ebenda).

Prehn sammelte von ca. 1780 bis zu seinem Tod neben allerart Gegenständen hauptsächlich Gemälde vom Mittelalter bis zur eigenen Zeit und aus allen europäischen „Kunstschulen“. Seine Miniaturgemäldesammlung organisierte er in der Form eines Kabinetts in 32 klappbaren Kästen. Seine Erben sorgten dafür, dass die besondere Sammlung zusammenblieb – weswegen das Städel Museum, das nur 12 dieser Gemälde interessant fand, die Übernahme 1837 ablehnte. So gelangte das Miniaturkabinett nach Verhandlungen 1839 in die städtischen Sammlungen und damit später in das Historische Museum. Und das ist heute unser großes Glück! Denn es hat sich dadurch in seiner ursprünglichen Zusammensetzung erhalten und gibt einen ungefilterten Eindruck davon, was Kunstliebhaber*innen damals in ihren Häusern zusammengetragen haben – anders also als viele Gemäldesammlungen, die in einem musealen Ausleseprozess auf die kunsthistorisch für bedeutend erachteten Werke reduziert bzw. angereichert wurden.

Deswegen machte es mich stutzig, als ich im neu geschaffenen Register der im Miniaturkabinett vertretenen Künstler*innen nach weiblichen Vornamen suchte und unter den 874 Gemälden nur eine Künstlerin mit einem einzigen Werk vorfand.

Gemälde von einem halbentkleideten Mann, der ermattet auf einem Sofa liegt
historisches museum frankfurt: Marianne Kürzinger, Der tote Adonis, um 1790 (?), Malerei auf Leinwand © HMF, Sammlung Johann Valentin Prehn, Kasten 10.

Marianne Kürzinger (München 1770–1809 ebenda) wurde u.a. im Atelier ihres Vaters ausgebildet und war im Bereich der Historien- und Genremalerei tätig. Auch wenn die Qualität ihrer Gemälde nicht mit der berühmten österreichischen Künstlerin zu vergleichen ist, wurde sie in ihrer Zeit als eine „bayerische Angelika Kauffmann“ gelobt. Allein schon ihr Gemälde in der Sammlung Prehn, eine Darstellung des für seine Schönheit bekannten Adonis, mit freiem Oberkörper und in einer sinnlichen Pose, ist ein besonderes Zeugnis. Denn sogar eine Angelika Kauffmann war zwanzig Jahre zuvor aus dem Gemälde von Johann Zoffany mit der Darstellung der Mitglieder der Royal Academy in London ausgeschlossen worden. Sie war nur in Form eines Porträts oben rechts an der Wand vertreten, da Frauen aus moralischen Gründen nicht in einen Aktsaal durften und ihnen das Aktzeichnen verboten war.

schwarzweiss Zeichnung mit vielen Menschen in einem Raum, rechts sitzt ein nackter Mann auf einem Stuhl
historisches museum frankfurt: Richard Earlom nach Johann Zoffany, Portrait der Akademie-Mitglieder im Aktsaal der Royal Academy of Arts in London, 1768, 1773, Schabkunstdruck auf Papier © Rijksmuseum Amsterdam, RP-P-OB-70.543

Aber die Kunstgeschichte ist in einer permanenten Bewegung begriffen, und Zuschreibungen ändern sich. Als Prehn sammelte, glaubte er zum Beispiel gleich sieben Gemälde von der Frankfurter Malerin Maria Sibylla Merian (Frankfurt 1647–1717 Amsterdam) zu besitzen. Und nicht ohne Grund: Die berühmte Insektenforscherin hatte schon 1679 ein Buch zum Thema der Raupenverwandlung veröffentlicht mit Illustrationen, die den kleinen Gemälden bei Prehn sehr ähneln (Abb. 3–4). Doch die kunstgeschichtliche Forschung und das wiederentdeckte Monogramm „GF“ auf den Gemälden zeigten in den 1950er Jahren, dass es sich eigentlich um Kompositionen von oder nach Georg Flegel (Olmütz 1566–Frankfurt 1638) handelt.

Ein weiteres Gemälde war in Prehns Zeit und bis vor kurzem noch „Maria Tintoretto“ zugeschrieben – also Marietta Robusti (Venedig um 1554/55–1590 ebenda), genannt La Tintoretta nach ihrem bekannten Vater. In dem Fall wäre es aber eine Beleidigung für die wohl sehr talentierte Malerin. Denn das Gemälde ist wenig qualitätvoll und die Malweise grob, so dass es ihr im Rahmen des Forschungsprojekts abgeschrieben wurde.

Prehn dachte also, neun von Malerinnen ausgeführte Gemälde zu besitzen, was schon sehr dürftig war, und nun ist es auf einmal nur noch ein einziges…

Fortsetzung hier!

Gemälde mit einem Mann mit Hut
historisches museum frankfurt: Italienisch (ehemals Marietta Robusti zugeschrieben), Brustbild eines Bauern mit löchrigem Hut, 17. oder 18. Jh., ölhaltige Malerei auf Leinwand © HMF, Sammlung Johann Valentin Prehn, Pr865, Kasten 15.

1 Kommentar zu “Prehns „Männerparadies“ – 874 Gemälde und nur eine Malerin?

  1. Ernst Neubronner

    Ich freue mich jetzt schon auf die Fortsetzung des interessanten Beitrags.

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