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Von Sprengkörpern und Menschen

Was passierte mit der Bombe aus dem Westend nach ihrer Entschärfung?

Herbst 2017, der Himmel ist verhangen, Felder und Wälder fliegen an der Autoscheibe vorbei, ab und zu ein Schild mit dem Hinweis, dass hier militärisches Sperrgebiet ist. Ich bin auf dem Weg zur GEKA – Gesellschaft zur Entsorgung von chemischen Kampfstoffen und Rüstungsaltlasten mbH – in Munster. Hier ist die Luftmine, die am 3. September 2017 für die größte Evakuierung der Bundesrepublik seit dem 2. Weltkrieg gesorgt hat. Eine Evakuierung die auch in unsere Vorbereitung der Sonderausstellung zum Thema Vergessen eingriff: „Das Westend hat zweimal Glück gehabt – einmal als die Bombe blind ging und das zweite Mal als sie erfolgreich entschärft wurde.“ Glücklich in sein Wohnviertel zurückgekehrt, versprühte mein Kollege Kurt Wettengl den Funken, der die gemeinsame Idee zum zünden brachte. Ist diese Luftmine nicht ein wichtiges Objekt der Frankfurter Stadtgeschichte? Ja! Die HC 4000 gehört in die Sammlung des HMF! Aber wo ist sie jetzt? So begab ich mich auf die Spur der Luftmine, die mich heute zur GEKA führt.

Der Pförtner gibt mir eine Fluchthaube bevor ich auf das Gelände der GEKA fahre. Hier treffe ich Herrn Hoormann. Der Feuerwerker und sein Team haben die Luftmine delaboriert – also Sprengstoff und Übertragungsladung entfernt. Der Begriff Laborierung kommt aus der Militärtechnik. Er bezeichnet das Zusammenstellen eines funktionsfähigen Sprengkörpers. Noch in der Nacht nach der Entschärfung traf die Luftmine – unter polizeilicher Begleitung auf dem Gelände der GEKA ein – sie wurde in einen Bunker gebracht und stand erst mal unter Beobachtung. Die Luftmine besaß zwar keine Zünder mehr, aber in ihr lagerten noch 1,4 t TNT mit Aluminium. Herr Hoormann erklärt mir, dass sie Sprengkörper nach der Ankunft beobachten, denn der Zersetzungsprozess von Sprengstoff ist am „Schwitzen“ eines Sprengkörpers zu erkennen. Die Produkte des Zersetzungsprozesses heißen Prikate. Diese sind hochgradig stoß- und reibungsempfindlich. Entstehen Prikate, müssen Herr Hoormann und sein Team sofort handeln. Die HC 4000 aus dem Westend begann zu „schwitzen“ und musste also schnell delaboriert werden.

Als erstes führt mich Herr Hoormann zum Delaborierstand. Auf Bildschirmen verfolgen Herr Seelenbinder und Herr Klötzing, was an der Säge oder am Bunker passiert. Auch die Luftmine aus Frankfurt haben Herr Hoormann und sein Team auf der Säge, die auf dem Bildschirm in Aktion ist, zersägt. Nicht Werktags, sondern am Wochenende, da eine Luftmine solch eines Typs sogar die Evakuierung des GEKA-Geländes erfordert. Es ist also nicht verwunderlich, dass man der heiligen Barbara, sie ist die Schutzpatronin der Feuerwerker, hier häufiger begegnet. Vor dem Bunker mit der Säge hängt sie wieder – und auch ich berühre sie intuitiv kurz bevor ich in den Bunker gehe, in dem die Säge steht.

Nachdem Herr Hoorman und sein Team die Luftmine in mehrere Teile zersägt hatten, portionierten sie den Sprengstoff in Handarbeit in Ein-Kilogramm Säckchen. Diese Portionierung ist für den Verbrennungsofen erforderlich, da eine Überladung einerseits den Ofen beschädigen würde und andererseits die Abgasreinigung der Schadstoffe nicht sachgemäß erfolgen könnte. Der Ofen verbrennt nicht nur, sondern filtert auch die giftigen Substanzen, die bei der Verbrennung von Sprengstoff entstehen. Jetzt sind die 1,4 t Sprengstoff aus der Luftmine in 1400 Tütchen verpackt, die in fünf Palettenboxen darauf warten verbrannt zu werden.

Die Luftmine darf nur in die Sammlung des Historischen Museums aufgenommen werden, wenn sie absolut sprengstofffrei ist. Üblicherweise würden geringe Mengen durch Verbrennung entfernt. Um jedoch die Bombenteile so weit wie es geht für das HMF zu „schonen“, sie würden sich durch die Ofenhitze verziehen, entfernt das Team von der GEKA so viel, wie es die Abschätzung der Gefahr zulässt von Hand. Jeder Schlag, jede Reibung oder andere physikalische Einwirkung bergen die Gefahr der Explosion und eine Gefährdung der Mitarbeiter. Das verbleibende Metall würde normalerweise zerkleinert und an einen Schrotthändler weitergegeben. Nicht so die Luftmine aus dem Westend: sie kehrt zurück nach Frankfurt – erst mal in das Depot des HMF. In der Sonderausstellung zum Thema Vergessen ab März 2019 wird sie das erste Mal für die Öffentlichkeit zu sehen sein.

Nach zweieinhalb Stunden Theorie-Crash-Kurs in Sachen Sprengstoffentsorgung, verlasse ich das GEKA-Gelände. Je weiter ich mich von dort entferne, desto deutlicher erkenne ich den Wert dieser Arbeit, den diese Experten jeden Tag leisten. Die Bombenentschärfung vor Ort ist also nur der Anfang vom Ende der Beseitigung von Kampfmitteln.

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