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Gerollt im Depot, gerahmt im Städel! Die Odyssee des Probestücks von Johann Melchior Roos

von Aude-Line Schamschula

Vom Römer ins Depot

Wer die gerade abgebaute Sonderausstellung „Meisterstücke – Vom Handwerk der Maler“ gesehen hat, weiß es vielleicht noch: 1667 hatte der Heidelberger Hofmaler Johann Heinrich Roos (1631–1685), als „Fremder“ (das hieß damals: „nicht Frankfurter“) versucht, sich in Frankfurt niederzulassen. So beklagen sich die Frankfurter Maler, dass er zu ihrem „nicht geringen Nachtheil undt Schaden seine Kunst alhier zutreiben gedencke“. Im Zuge seines Antrages auf das Bürgerrecht wurde 1668 „sein im Römer gelieffertes Stück vom Inquisition Ampt in Zahlung angenommen“. Als Probestück also, oder besser gesagt: als Duldungsstück, lieferte der Porträt-, Tier- und Landschaftsmaler seine „Verkündigung an die Hirten“ im Römer ab. Dort wurden nämlich seit 1631 die Meisterstücke der Frankfurter Maler aufbewahrt. Dennoch wurde ihm das Bürgerrecht verweigert und er erlangte stattdessen nur den „Beisassenschutz“  – ein begrenztes Bürgerrecht, das ihm immerhin erlaubte, für eine begrenzte Zeit in Frankfurt zu wohnen und zu arbeiten.

Und sein weniger bekannter Sohn erlebte eigentlich dieselbe Geschichte. Johann Melchior Roos (1663–1731) setzte die Tradition seines Vaters fort und betätigte sich vor allem als Maler von Hirtenidyllen und Tierstücken. Er ließ sich nach seinen Wanderjahren in den Niederlanden und in Italien 1693 in Frankfurt nieder, bemühte sich um das Bürgerrecht und erhielt 1695 wie sein Vater 27 Jahre zuvor nur den Status als Beisasse. Da der Senat empfahl, man solle ihn „zur Geduldt verweißen“, versuchte Johann Melchior, wie schon sein Vater, seiner Einbürgerung mit einem Probestück nachzuhelfen: Dabei handelt es sich um das großformatige, 1687 in Tivoli (Italien) entstandene „Hirtenstück in italienischer Landschaft“. Das Gemälde hing seit spätestens 1700 im sogenannten „Rundel“ im Römer . Mit der Gründung des Historischen Museum 1878 gelangte es in dessen Sammlung.

Das bisher von der kunsthistorischen Forschung in die Vergessenheit geratene Gemälde befand sich seit den 1970er Jahren im Depot des Museums. Da es so riesig ist, lag es dort aufgerollt in einer Kiste und war lediglich durch ein schwarz-weiß-Foto bekannt. Daher war die Ausstellung „Meisterstücke“ die perfekte Gelegenheit, das Gemälde aus dem Depot zu holen und es neben dem bekannten Probestück seines Vaters zu zeigen.

 

Ein wiedergewonnenes Probestück: Die Restaurierung des Gemäldes

Nachdem die Gemälderestauratorin festgestellt hatte, dass die Malschicht stabil genug war, konnten wir das Gemälde abrollen, um seinen Zustand zu prüfen und zu klären, ob es präsentationsfähig gemacht werden könnte. Es stellte sich heraus, dass es starke Verschmutzungen und zahlreiche ältere Retuschen und Übermalungen in der Himmelspartie und im Bereich der Berge aufwies. Mit Mitteln der Rudolf-August-Oetker Stiftung im Rahmen des Programms „Kunst auf Lager“ konnten wir das Gemälde restaurieren lassen. Die verbräunte Firnis wurde entfernt, die darauf liegenden Übermalungen wurden abgenommen und die zahlreichen Fehlstellen retuschiert. Die Malschicht, die durch das Rollen hochgebogen und gestaucht war, wurde niedergelegt und gefestigt und Risse in der doublierten Leinwand wurden geschlossen. Die Freunde & Förderer des HMF und der SaalhofClub, stifteten großzügig den Rahmen von 2,40 x 2,80 Metern.

 

Bye Bye Roos! Nächste Station: Städel

Das Gemälde kann über Jahhrunderte auf eine bewegte Objektbiografie verweisen: Von seiner Entstehung in Tivoli (1687) zur Präsentation als Probestück im Frankfurter Römer (spätestens 1700), vom Sammlungsstück des  Historischen Museums (1878) zum gerollten Objekt im Depot (spätestens 1973), vom Ausrollen in den Restaurierungswerkstätten in die  Ausstellung „Meisterstücke. Vom Handwerk der Maler“ (2019) und von dort aus ins Städel Museum! Nach Ende der Sonderausstellung findet nun das großformatige „wiedergewonnene Probestück“ einen Ehrenplatz als Leihgabe in der Dauerausstellung des Städel Museums. Das ist die kleine Odyssee eines Riesengemäldes.

Blick in die Bildergalerie im Städel

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