Kultur-Tipp: Retrogames

Koproduktion mit CAROLINE JANSKY im Rahmen der Blogparade „Mein Kultur-Tipp für Euch”

Flipper (Foto: Retrogames e.V.)Racing (Foto: Retrogames e.V.)Arkaden-Automaten (Foto: Retrogames e.V.)

Spielhalle (Foto: Retrogames e.V.)

Outrunners (Foto: Retrogames e.V.)

 

 

 

 

 

 

Tok, tok, tok, unkontrolliert-zäh zuckelt der helle Strich vertikal durch die Nacht des schwarzen Bildschirms. Immer in Bewegung bleiben – tok, tok – mein Schläger pariert den fies über Ecke gespielten weißen Punkt. Um mich herum klingeln Synthesizer und elektronische Stimmen. Die Drehknöpfe haben viel Spiel, so viel, wie sich eben in den letzten 30 Jahren ansammeln konnte. Wer der puristischen Tischtennis-Abstraktion Pong” nichts abgewinnen kann, findet auch die anderen Allstars in greifbarer Nähe: Der nimmersatte Pac-Man wartet direkt neben der Tetris-Baustelle auf Bearbeitung. Weiter hinten präsentiert sich eine exquisite Auswahl an Flippern und Racing Games. Dazwischen alles, was in den Arcade-Spielhallen des späten 20. Jahrhunderts Rang und Namen hatte. Während das Ausmaß unserer Daddeleien damals jedoch stark von der elterlichen Taschengeldregelung kontrolliert wurde, gibt es heute kein Halten; das Saturday Night Fever hat uns erfasst und wir schwitzen um die Wette.

Was sich wie ein Kindheitstraum anhört, ist in Karlsruhe bei Retrogames e.V. möglich. 2002 gegründet, hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, die Kultur der elektronischen Videospiele zu sammeln und zu vermitteln. Über 70 Spielautomaten hat der Verein vor dem Vergessen gerettet und stellt diese in einer wirklich spielbaren Ausstellung, jeden Samstagabend der Öffentlichkeit (für nur drei Euro Eintritt) zur Verfügung. Im Gegensatz zu anderen Museen ist das Anfassen hier ausdrücklich erwünscht.

Die Retrogames-Ausstellung bietet ein museales Erlebnis der besonderen Art: Hier lässt sich beobachten, wie die Vermittlung eines leidenschaftlichen Interesses an der Geschichte einer kulturellen Praxis gelingt. Dass es hier nicht „nur“ ums Daddeln und Unterhalten-Werden geht, machen uns die jedem Automaten zugeordneten „Werkbeschreibungen“ deutlich – sie warten mit Details zu Technik, Datierung, Entwicklung und historischer Bedeutung der jeweiligen Hard- und Software auf. Die Ausstellungsmacher*innen haben in diesem Sinne die Regeln des Spiels „Ausstellen“ verstanden und befolgen sie: Sowohl auf der Produktions- als auch auf der Rezeptionsseite bedeutet es vor allem ein Nachdenken über die, ein Forschen an den Gegenständen.

„Freeplay“ lautet das Motto der samstäglichen Öffnung für Besucher*innen, und hier lohnt es sich, genauer hinzusehen. Die Befreiung der Automaten von ihrem Nutzwert, die Verschiebung der Perspektive, die so charakteristisch ist für die Musealisierung von Gegenständen, lässt sich hier anhand einer technischen Manipulation en Detail nachvollziehen: Statt Geld in den Einwurf der Münzautomaten zu stecken, muss nur ein Startknopf gedrückt werden, damit das Spiel beginnt – und den ökonomischen Zwängen der Kulturindustrie enthoben, können wir uns auf die wirklichen Werte der Werke entsinnen, ohne in die beleidigte Haltung des immer irgendwie betrogenen Konsumenten gedrängt zu werden: Auch wenn die Steuerung für uns Ungeübte nahezu unbeherrschbar scheint, die Schönheit des über den Bildschirm schießenden Kathodenstrahls im Atari-Spiel „Asteroids“ müssen wir anerkennen, und dass wir beim Spielen von Segas „Space Harrier“ die Bewegung der Spielfigur im hydraulischen Sitz miterleben können, ist eine kleine Sensation. Wir sehen den Einzug der 3D-Grafik mit Schaudern und freuen uns, die Lucas-Film-Welt zu durchflippern. Hier werden uns Freispiele und Bonuslevel geschenkt, statt dass wir sie uns mühsam erarbeiten müssen, und das befreit unseren Blick und lenkt ihn auf die Details und Besonderheiten, die Kuriositäten und historischen Zusammenhänge der Spielewelt.

Die Arcade-Automaten sind Tore zu anderen Welten. Sie eröffnen Einblicke in das Lebensgefühl der 1980er und 1990er Jahre, in bezaubernd minimalistische Designs und generationsprägende Soundeffekte, in eine neon-farbene Ästhetik, deren Technik noch widerspenstige Joysticks und ganze Schaltzentralen-Tableaus umfasste, und in die Ikonenwelt der damaligen Popkultur. Im Nebeneinander der Automaten kristallisieren sich unterschiedliche Zeitbilder, die keiner externen Erklärung mehr bedürfen… Ready? 1, 2, 3 – Go!

Eine Reise wert: das vorarlberg museum

Selten hat ein Museumsbesuch so Spaß gemacht wie der Besuch im vorarlberg museum in Bregenz: von außen, von der Seeseite, begrüßt einen schon der Pilz (hier gibt es leckere Milchmixgetränke und ich bin sicher, der Pilz gehört auch irgendeinmal komplett zum Museum), von der anderen Seite lädt das Café vor dem Museum auf einem schönen Platz dazu ein, sich auf den Besuch einzustimmen bzw. sich zwischendurch zu stärken – nachts gibt es Literatur für den Geist…

Es gibt viel zu sehen, zu hören und zu Staunen. Das Gebäude selbst ist ein hoher Genuß – es heisst einen als Besucherin wirklich willkommen und man hält sich gerne hier auf. Immer wieder gibt es schöne Blicke nach außen – auf die Stadt oder etwa auf den Bodensee. Wie gesagt: es gibt viel zu sehen: buchstäblich vorarlberg stellt die Sammlung und nebenbei Vorarlberg vor. Im Vorarlberg. ein making of erfährt man ganz Erstaunliches aus Vorarlberg bzw. manche Dinge wusste man schon, aber die Verbindung zu Vorarlberg fehlte. Schön fand ich auch die Ausstellung zum Hören – Sein & Mein – natürlich für die vielen Hörstationen zuwenig Zeit.

Die Ausstellung Römer oder so mutete mir irgendwie so bekannt an – das lag daran, dass wir auch mit den Gestaltern arge Gillmann Schnegg für Frankfurt Einst? zusammenarbeiten. Es gäbe noch viel mehr zu schreiben – die Bilder erzählen aber auch schon eine ganze Menge. Also:  das Museum ist rundum zu empfehlen!

Frankfurt und das Geld

“Geld regiert die Welt” – diesem Spruch zu Folge müsste unser beschauliches Frankfurt am Main der Nabel der Welt sein – schließlich ist das Geld sozusagen seit je her hier zu Hause. Mit genormten Münzen (siehe Bild), Messe- und Münzprägeprivilegien unter den Frankenkönigen fing es an. Bald folgte die Einführung von Wechselkursen für die vielen verschiedenen Währungsmittel zur Messezeit in Frankfurt – die Börse war geboren. Heute beherbergt Frankfurt neben der größten deutschen Börse bekanntlich eine Vielzahl an Banken- und Finanzunternehmen, nicht zuletzt haben auch die deutsche Bundesbank und die europäische Zentralbank ihren Sitz in der Mainmetropole.

Welchen Einfluss aber hat das auf die Stadt – einmal abgesehen von der Skyline, die maßgeblich durch Bankenbauten geprägt ist? Regiert hier wirklich das Geld? Nun, zumindest die Wohnungsmieten gehören zu den höchsten in der Republik. Nur, sind die hohen Lebenshaltungskosten wirklich auf die hier ansässigen Banken und ihre Mitarbeiter/innen zurückzuführen? Wie steht es um die Zukunft des Finanzplatzes Frankfurt? Wie verändert die Bankenbranche das Leben in der Stadt? Und überhaupt; was ist dran am Klischee von „Bankfurt“?

Über diese und viele weitere Fragen rund um das Image Frankfurts als Geldstadt diskutieren wir in unserem dritten Schneekugelgespräch heute Abend (8.10.14) um 18:30 Uhr im historischen museum mit Gästen vom Fach: Dr. Christine Bortenlänger (Geschäftsführender Vorstand Deutsches Aktieninstitut e.V.), Dr. Benedikt Fehr (langjähriger Finanzkorrespondent der FAZ und Leiter des Zentralbereichs „Ökonomische Bildung“ der Deutschen Bundesbank) und Rainer Voss (Ehemaliger Investmentbanker der Dresdner Bank, Darsteller des Dokumentarfilms „Master of the Universe“). Von unserer Seite moderiert Frank Berger die vielversprechende Runde, deren Erkenntnisse in die geplante Ausstellungseinheit Frankfurt – Stadt mit Eigenschaften einfließen soll.

historisches-museum-frankfurt: Denar von Karl den Großen, frühes 9. Jh, heute im Bodemuseum, Berlin

Was ist Ihre Meinung zur Frankfurter Eigenschaft der Geldstadt? Segen oder Fluch? Wie beeinflusst der Finanzplatz Ihr Leben in Frankfurt? Teilen Sie sich mit, diskutieren Sie mit beim heutigen „Schneekugelgespräch“!

„Gefangene Bilder“: Wenn (fast) alles getan ist

Die Ausstellung ist eröffnet, das Führungspersonal unterrichtet, der Katalog erschienen, die Journalisten informiert. Was macht der Kurator dann? Die Pflicht ist, die Rechnungen der Firmen, die die Ausstellung gebaut und aufgebaut haben, zu prüfen und anzuweisen. In den letzten Wochen sind viele Rechnungen eingegangen und die braven Architekten haben sie schon einmal vorgeprüft. Aber wenn man alles zusammenzählt – hat das Museum auch nicht mehr Geld ausgegeben als es zu Anfang eingeplant hat?

historisches museum frankfurt: Schreibtisch nach Eröffnung der "gefangenen Bilder"Bilder

Die Kür ist, dass ich heute mit zwei Kolleginnen, Yvette Mutumba vom Weltkulturen Museum und Alexandra Karentzos von der TU Darmstadt diskutiere, wie Museen mit ihren „sensiblen Sammlungen“ umgehen. Die Diskussion unter dem Titel Denkräume entkolonisieren. Koloniale Fotografien im Museum zeigen? gehört zum Rahmenprogramm der Ausstellung „Gefangene Bilder“, in deren Zentrum  ja 15 Porträts von französischen Kolonialsoldaten aus West- und Nordafrika stehen, die in einem Gefangenenlager des Ersten Weltkriegs aufgenommen wurden.

Soll man solche „Fotografien-wider-Willen“, von denen es in Museen ganz viele gibt, in Ausstellungen zeigen? Alle – oder nur ausgewählte? Was für Wissen repräsentieren sie? Welchen Interessen entspringen sie? Ich bin gespannt, wie wir morgen darüber sprechen werden: in „kalter Sachlichkeit“ oder „melodramatisch aufgeladen“? Das Begriffspaar entnehme ich dem Aufsatz Vor aller Augen von Cornelia Brink.

Die Diskussion beginnt um 19 Uhr. Bis 21 Uhr kann man sich heute auch noch die Ausstellung anschauen.

 

 

“Stark im Recht”

Das Jahr 1866 war ein sehr einschneidendes für Frankfurt und dessen Bevölkerung. Die Freie Stadt wurde von den Truppen Preußens besetzt und es begann eine Zeit der Unterdrückung und Entbehrungen. Eine Tasse von 1866, die in der engeren Auswahl für „100 x Frankfurt“ der neuen Dauerausstellung Frankfurt Einst? steht, erinnert an dieses Ereignis mit der Aufschrift „Zur Erinnerung an die freie Stadt Frankfurt 1866. – stark im Recht“. Um die Tasse in den historischen Kontext einzubetten, möchte ich herausfinden, was genau mit Frankfurt passiert ist.

X.1965.081a-b Innerhalb der Auseinandersetzung um die Vorherrschaft im Deutschen Bund (ein Staatenbund, in dem sich seit 1815 Preußen, Österreich, Dänemark und die Niederlande zusammengeschlossen haben) und in Deutschland, zwischen Preußen und Österreich und deren jeweiligen Verbündeten im Jahr 1866, entschied sich die freie Reichsstadt Frankfurt, die sich für einen Fortbestand des Deutschen Bundes aussprach, Partei für Österreich zu ergreifen. Die Stellung Österreichs war aufgrund einer Finanzkrise geschwächt, Frankreich entschied sich im Falle eines Krieges für Neutralität und Preußen hatte Italien als Bündnispartner gewonnen, womit die Erfolgsaussichten für Preußen sehr günstig standen. Aufgrund eines aus Preußens Sicht begangenen Bruchs mit der Gasteiner Konvention und eines Bruchs des Bundesgesetzes durch Österreich, begann Preußen mobil zu machen.

Obwohl Frankfurt nicht aktiv am Krieg, der im Juni 1866 begann, beteiligt war, marschierte die preußische Armee am 16. Juli unter dem General Vogel von Falckenstein in Frankfurt ein. Der Einmarsch und die darauffolgende Einquartierung der Soldaten in Privathäusern stellte eine große Belastung für die Frankfurter Bevölkerung da, die den Soldaten zusätzlich Verpflegung zur Verfügung stellen musste. Frankfurt musste anfänglich eine Kontributionszahlung von sechs Millionen Gulden an Preußen zahlen, die die Stadt auch rasch auszahlte. Am 20. Juli verlangte Preußen eine weitere Kontributionszahlung von 25 Millionen Gulden, was die Möglichkeiten der Stadt weit überstieg, und eine Proskriptionsliste der angesehenen Bürger. Daraufhin erhängte sich der Bürgermeister Karl Konstanz Viktor Fellner, um die Zahlung zu verhindern. Diese tragische Geste für das Wohl der Stadt, hatte tatsächlich zur Folge, dass die Zahlungen fallen gelassen worden sind. Die Belagerung und Besitznahme Frankfurts, die am 8. Oktober 1866 vorgenommen wurde, war ein schwerer Schlag für die Bevölkerung und die Stadt Frankfurt, die bis dahin immer eine freie Bürgerstadt gewesen war.

Die Devise „Stark im Recht“, die auf der Tasse zusammen mit dem Frankfurter Adler abgebildet ist, bringt das Selbstbestimmungsrecht der Bürger zum Ausdruck und unterstreicht den Willen nach Freiheit. Wichtige Quellen für die Belagerung und Besitznahme sind darüber hinaus zeitgenössische Zeitungsartikel und persönliche Berichte Frankfurter BürgerInnen wie z.B. die Briefe von Clotilde Koch-Gontard.

Digitale Medien im Museum: #AskACurator

Vor einer Woche war mal wieder #AskACurator-Day – einen Tag lang saßen Kuratoren und Kuratorinnen rund um den Globus am PC und plauderten 140-Zeichen-lang aus dem musealen Nähkästchen. Aulöser war eine Vielzahl von Fragen, die die twitter-community per Hashtag #askacurator direkt an Museen richtete (twitter bietet ja grundsätzlich immer die Möglichkeit des direkten Austauschs – an diesem Tag wurde aber besonders die Beziehung zwischen Museum und Besucher*innen in den Fokus gerückt). Das nahm auch die Kollegin @tinowa zum Anlass und fragte nach den digitalen Plänen für die Felder Lernen, Bildung und Wissen im Museum. Mit 140 Zeichen konnten wir da nicht nachkommen, drum gibts hier nachträglich ein paar Gedanken zu den spannenden Fragen:

Was sind aktuelle Projekte oder Pläne für den Bereich des Wissens (Sammlungen, Publikationen, Forschung etc.)?

stadtmodell-historypinAktuell arbeiten wir an verschiedenen Baustellen. Einerseits sollen die Kernaufgaben des Museums (Sammeln und Forschen) mit digitalen Mitteln für eine breitere Online-Öffentlichkeit zugänglich und nutzbar gemacht werden. Dazu wollen wir mit Teilen unserer Sammlung bis 2017 online gehen und in Form einer bildlich-intuitiven Datenbank allen Interessierten selbstständiges Forschen, Kommentieren und Browsen ermöglichen. In die gleiche Kerbe schlägt ein vorgelagertes Projekt: die Sammlung Prehn, die in der aktuellen Dauerausstellung Sammler und Stifter gezeigt wird, soll noch in diesem Winter als Mini-Online-Datenbank verfügbar gemacht werden. Auf der anderen Seite bieten die grundsätzlichen Funktionsweisen des Internets, die aktive Communities und kreative User-Praktiken befeuern, viele “Best-Practice-Beispiele” für Crowdsourcing von denen Museen lernen können. Vor allem in der Frage, wie das gegenwärtige Frankfurt ausgestellt werden kann, wollen wir die Online-Gemeinde involvieren. Dafür ist eine interaktive Frankfurt-Karte in Planung, die durch User-Generated-Content zu einer dynamisch-kollektiven Wissenssammlung wachsen soll. Als Testballon experimentieren wir dafür gerade mit historypin

Was sind aktuelle Projekte oder Pläne für den Bereich der Bildung (Medien in Ausstellungen o.ä., Multimediaprojekte, Vermittlung von Bildung etc.)?

App_Stadtlabor-unterwegs-in-den-Wallanlagen-400x712In der Dauerausstellung Sammlung und Stifter sind bereits eine Vielzahl von Medienstationen integriert, die erweiterte Möglichkeiten in der Interaktion mit den ausgestellten Objekten eröffnen. Zu dieser “Standard”-Ausrüstung kam in der letzten Stadtlabor unterwegs Ausstellung in den Wallanlagen die erste Erfahrung mit einer Smartphone-App hinzu. Für die bewegungsintensive Outdoor-Ausstellung drängte sich ein portables Vermittlungswerkzeug, das jede*r auf dem eigenen Gerät nutzen kann, geradezu auf. Während der Ausstellung konnte die App als Orientierungshilfe und Informationsträger heran gezogen werden. Außerdem konnten hier Geschichten zu den Wallanlagen in Form von Audiotracks abgespielt werden, die, unmittelbarer noch als Texte, die unterschiedlichen Stimmen der Stadtlaborant*innen vermittelten. Nachdem die Ausstellung momentan schon wieder abgebaut wird, erweist sich die App darüber hinaus als kompakte Wissenssammlung, die auch in Zukunft noch zur Tour durch die Wallanlagen einlädt. Download gibt’s hier!

Was sind aktuelle Projekte oder Pläne für den Bereich des Lernens (Medienpädagogik, Online-Kurse, MOOCs, Webinare, Schulkooperationen)?

Im Bereich des Lernens stehen wir im historischen museum noch am Anfang der Planungen. Natürlich wird beispielsweise die Einladung zur Partizipation am interaktiven Stadtmodell von Medien-Werkstätten und Kooperationen begleitet werden. Allerdings ist das noch Zukunftsmusik, die vermutlich erst mit dem neuen Internetportal zur Aufführung kommen wird. Was Medienpädagogik angeht ist das kinder museum frankfurt schon länger aktiv und bietet nicht nur Werkstätten an, sondern setzt auch in seinen Ausstellungen medienpädagogische Vermittlungsziele um.

 

Tomaten im Museum

Im Museum werden wir ja ständig vor der Frage gestellt: was bewahren wir auf, wie und wo lagern wir es? Neben inhaltlichen und konzeptionellen Aspekten gibt es noch etwas anderes zu berücksichtigen: der Stoff, aus dem die Dinge sind. Vor allem, wenn wir es mit organischen oder anderen nicht berechenbaren Materialien zu tun haben, stossen wir an unsere Grenzen.

So haben wir uns vor einiger Zeit einmal entschieden, die Kreisel aus Schokolade, die den Nachlass Binding begleiteten, nicht aufzubewahren. Aus einem anderen Frankfurter Nachlass haben wir Medikamente entfernt und nur die Verpackungen behalten,  da wir nicht wissen, wie und ob sich Tabletten irgendwann zersetzen oder mit anderen Stoffen in der Umgebung interagieren. Natürlich haben wir auch  sogenannte Care-Pakete in unserem Bestand – also die amerikanischen Dosen mit konservierten Lebensmitteln, über deren Inhalt wir über 70 Jahre später nur spekulieren können – Denn wir öffnen sie vorsichtshalber erst gar nicht.

Umso größer war die Freude, anlässlich einer Tagung im Badischen Landesmuseum in Karlsruhe in der  Sammlungsausstellung Baden und Europa ein ganz besonderes Stück bewundern zu können:

historisches museum frankfurt: Tomaten im Badischen Landesmuseum

 

In Salzwasser eingelegte Tomaten von 1928, die auch noch schön rot anzusehen und durchaus als Tomaten bzw. als Nahrungsmittel erkennbar waren. Das Einmachglas schaut auf eine lange Erfolgsgeschichte zurück; es wurde schon 1892 patentiert und ist bis heute im Einsatz – sogar mit einem Zuwachs in den letzten Jahren. So ist es also nicht erstaunlich, dass solch ein Glas, das typisch ist für Alltagspraktiken in deutschen Haushalten, auch seinen Platz in einem kulturhistorischem Museum findet. Auch mit Inhalt!

Was ich am Erstaunlichsten finde: warum wurde das Glas nie aufgemacht? Wurde es aufbewahrt, da vielleicht noch schlimmere Zeiten kommen könnten? Wenn man mal zurückschaut, was nach 1928 alles so passiert ist, dann verwundert das doch sehr: ob  Weltwirtschaftskrise oder Zweiter Weltkrieg – es gab doch viele Zeiten, in denen es um die Ernährung nicht so üppig bestellt war.  Am Tomatenglas gingen all diese Zeiten vorüber, und so sind sie gewissermaßen auch mit bei den Tomaten eingelagert.

#AskACurator

Happy Ask-a-Curator-Day! Heute ist es wieder soweit: aktuell warten über 649 Museen aus 41 Ländern auf Fragen!

Mit der Aufforderung: ask a curator oder auf deutsch: Frag den Kurator! oder die Kuratorin! sind alle Interessierten herzlich eingeladen, Fragen rund ums Museum loszuwerden. Alle Fragen werden auf Twitter gestellt und beantwortet, zu finden unter dem hashtag #askacurator

Um Fragen stellen zu können, muss man bei Twitter registriert sein; man kann sich aber auch einfach auf unserer Twitter-Seite die Fragen und natürlich die Antworten anschauen. Eine Frage an uns stellen geht so: Frage +  #askacurator + @histmus

Wir legen dieses Jahr den Fokus auf den wachsenden Neubau, der sich mittlerweile am Römerberg schon bis ins Dachgeschoss “beton-türmt”. Was wird darin zu sehen sein? Wann eröffnen wir den Neubau? Und was ist daran überhaupt neu? Natürlich werden aber auch andere Fragen beantwortet. Wenn man zum Beispiel wissen möchte, aus welchem Material Konditormeister Prehn seine Rahmen anfertigte oder welches die ältesten Stücke in der Ausstellung sind, dann einfach mal fragen. Wir freuen uns!

Auf der Seite Follow a museum kann man sich die Liste aller teilnehmenden deutschsprachigen Museen anschauen.

askacurator

 

Zurück in die Zukunft

“C… what it takes to change” war das Motto des diesjährigen Ars Electronica Festivals. Grund genug für ein Museum, das sich im Umbruch befindet einen Ausflug in die Zukunft zu wagen. Dafür bietet die Ars Electronica in Linz seit 35 Jahren immer wieder ein spartenübergreifendes Programm an Ausstellungen, Performances und Diskussionsforen, die den Einfluss von neuen Technologien auf Kunst und Gesellschaft befragen. Zwischen Science Fiction, Medienkunst und Trendforschung schafft das Festival so vor allem einen lebendigen Austausch von Ideen und Menschen. Kunstfans, Techniknerds und Spielkinder treffen aufeinander und suchen eine gemeinsame Sprache, das große Staunen oder schlichtweg interaktive Unterhaltung.

Ein grandioser Ort also, um die Digitalisierung der „city“, „crowd“ und äh „communication“ zu untersuchen und so begab ich mich in den Nachtzug, der mich von Frankfurt Jetzt! direkt in das Festival katapultierte. Mit im Gepäck eine Vielzahl von Fragen, die das historische museum umtreiben: Wie soll das neue Internetportal des Museums gestaltet werden? Mit welchen spielerischen/künstlerischen Formen kann Stadt erforscht werden? Was braucht es für eine belebte digitale Stadtkarte? Und wie können digitale Sammlungen am besten gepflegt und geteilt werden?

Nach vier Tagen Festivalmarathon und einer Woche Verarbeitung der Eindrücke, sind weniger Antworten als vielmehr Fragen aufgetaucht. Es gibt viel zu tun! So wurden bei der Archivia14 (gibt’s auch hier zum Nachhören) und im Austausch mit den Verantwortlichen des AEC-Archivs ganz grundsätzliche Fragen zum digitalen Sammeln gestellt:

  • Der Umgang mit nativ digitalen Objekten (z.B. Bild-, Video-, Audio- oder Textdateien) stellt museologische Grundsätze auf die Probe: Das Original kann mit copy+paste unendlich oft vervielfältigt werden, was die Frage aufwirft, welche Datei eigentlich als Original eingestuft werden kann und spielt das überhaupt noch eine Rolle?
  • Dazu kommt eine wachsende Menge an Digitalisaten (greifbare Objekte, die digitalisiert wurden), die zumeist im Internet öffentlich zugänglich gemacht werden (sollen).
  • Der Bildungs- und Vermittlungsauftrag der Kulturinstitutionen könnte somit ganz anders umgesetzt werden, wären da nicht rechtliche Unsicherheiten und Einschränkungen, die bislang in Europa am besten von der skandinavischen „erweiterten kollektiven Lizenz“ gehandhabt wird.

Einen bunten Strauß an Ideen, die vor allem Lust auf mehr machen, pflückte ich bei meiner Suche nach Stadtprojekten und digitalen Plattformen zusammen:

Beim Festival wurden besondere „Digital Communities“ mit einem Preis hervorgehoben. Im Mittelpunkt steht immer das Empowerment, sagt die Stellvertreterin der spanischen Plattform goteo.org: “As communication platform it’s all about engagement and to be common-based. it’s a tool, that wouldn’t be anything without the people. Our aim is to be a community of communities.“

Weitere spannende Projekte, die unterschiedliche Zielgruppen zum Mitmachen einladen:

  • Youth Ki Awaaz (Indiens größte unabhängige Blog-Platform für junge Menschen)
  • iFixit (do-it-yourself Community)
  • #techmums (Technik-Support für Mütter)

Und wer selbst aktiv werden will, dem kann ich nur wärmstens das Future Innovator Summit empfehlen. Bei der Ideenwerkstatt, wurden in Kleingruppen kreative Fragestellungen entwickelt und mit eigenen Projektvorschlägen gelöst: How can we inspire natural inborn curiosity? Mit einem Curiosity Trigger!

das vergerät. boris petrowsky looks like music. yuri suzuki 2014-09-06_11-43-50_995 Umbrella Radio urban armor. kathleen mcdermott urban games digitale arbeitshilfen Stadtwerkstatt Schranke play linz 2014-09-05_09-10-14_736 nintendo

Über jüdische Brautgürtel und ewige Verbundenheit

Wie eine christliche Hochzeit abläuft, weiß ich eigentlich ganz gut. Das liegt daran, dass ich in einer christlichen Kultur aufgewachsen bin und auch schon ein paar Mal auf einer Hochzeit war. Ich war auch schon einmal auf einer türkischen Hochzeit, bei der ich mit muslimischen Hochzeitstraditionen in Kontakt gekommen bin. Aber welche Traditionen gibt bzw. gab es eigentlich bei einer jüdischen Hochzeit? Mit dieser Frage habe ich mich auseinander gesetzt, als ich für einen jüdischen Brautgürtel aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts recherchierte. Er wurde von Peter de Mont hergestellt und soll in „100 x Frankfurt“ in der geplanten Dauerausstellung Frankfurt Einst? seinen Platz finden.

historisches museum frankfurt: der jüdische Braugürtel, Peter de Mont,  ca. 1660, X22783

In der Literatur bin ich auf einige sehr interessante Hinweise bezüglich jüdischer Hochzeitstraditionen, insbesondere des Gürtels, gestoßen: Nach jüdischer Tradition wurden vor einer Hochzeit Geschenke ausgetauscht. Der Bräutigam sendete der Braut am Vorabend der Hochzeit einen Gürtel, der von einem Rabbiner oder Vorsteher überbracht wurde. Dieser übergab den Gürtel mit den Worten: „Es sendet euch euer Bräutigam einen Gürtel, dass er nach geschehener Copulation euer sein solle.“ Daraufhin ließ die Braut dem Bräutigam durch die gleiche Person einen Gürtel übersenden, der meist von der Mutter der Braut hinzugefügt wurde. Der Brautgürtel war traditionsgemäß mit goldenen, der Bräutigamsgürtel mit silbernen Schnallen ausgestattet. Der Gürtel wurde außerdem manchmal von der Gemeinde bis zum Austausch der Gürtel aufbewahrt und nur an Jungfrauen übergeben. Er galt als soziales Ehrenzeichen, das durch seine Position auf den „Zustand des Unterleibes“ verwies. Am Tag der Hochzeit trug das Paar die sogenannten Siwlones-Gürtel bei der Trauung, die unter einem Traubaldachin (Chuppa) stattfand. Dabei wurde auch die Ketubba, ein Ehevertrag, der im Vorfeld geschlossen wurde, laut vorgelesen. Am Ende der Trauung wurden die Ösen der jeweiligen Gürtel zum Zeichen ihrer ewigen Verbundenheit ineinander verhakt. Im Ablauf und Inhalt der Traditionen gibt es aber auch regionale und zeitliche Unterschiede.
Die Gürtel hatten nicht nur eine symbolische sondern auch eine praktische Funktion. Beim Gehen und Tanzen sollte der Gürtel die Kleidung zusammenhalten, so dass das Unterkleid nicht auseinanderflatterte. Der Gürtel galt natürlich auch als ein Schmuckstück, der oft zusätzlich mit Diamanten besetzt war, der die Person hervorheben sollte. Häufig war es der Großvater, der in seinem Testament Geld für seine Enkelin hinterließ, damit sie sich einen Brautgürtel anschaffen konnte.
Ich finde es immer wieder interessant, kleine neue Dinge aus dem Alltag und der sozialen Umgebung von Menschen aus vergangenen Zeiten zu erfahren, über die ich vorher so gut wie nichts wusste. Am Schönsten finde ich das symbolische Verhaken der beiden Gürtel – sehr romantisch.