Objekte und ihre Erzählungen: Multiperspektivität im Museum

Wir nutzen die von Axel Kopp angestossene Blogparade #KulturImWandel um über ein aktuelles Projekt zu berichten.

Sammlung divers. Neu-Sichtung historischer Objekte“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem historischen museum frankfurt, dem Verein academic experience Worldwide e.V. und der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ des Forschungszentrums historische Geisteswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt. Ermöglicht und gefördert wird dieses Projekt durch eXperimente – eine Kulturinitiative der Aventis Foundation.

Wie lassen sich im Museum vielfältige Perspektiven auf Sammlungsobjekte darstellen und in die museale Narrative integrieren?

Fragestellungen nach kultureller Diversität sind derzeit im deutschen Museumsdiskurs von zentraler Bedeutung. Immer mehr Ausstellungshäuser wollen sich öffnen und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Dabei wird auch die partizipative Auseinandersetzung mit den Sammlungsobjekten immer wichtiger.

Objekte sind allgegenwärtig und viele von ihnen sind alltägliche Gebrauchsgegenstände. Im musealen Kontext transportierten sie vor allem die Geschichte der technologischen Entwicklungen und der politischen Kohärenzen verschiedener Epochen. Museumsobjekte sind jedoch nicht nur gesellschaftliche Artefakte, sondern auch persönliche und kulturelle Zeugnisse. Neben Informationen zu ihre Herstellungsverfahren und diversen Verwendungsmöglichkeiten, gewähren sie auch Einblicke auf ihren ideellen oder kulturellen Wert für Einzelpersonen und Gemeinschaften. Aus einem Objekt können also je nach Perspektive des/der Betrachtenden verschiedenen Geschichten erzählt werden.

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historisches museum frankfurt: Der Schöner-Globus, Foto: P. Wenzel

Diesen multiperspektivischen Geschichten ist das Blockseminar „Sammlung divers. Neu-Sichtung historischer Objekte“ der historischen Geisteswissenschaften auf der Spur. Das Seminar ist auch ein Versuch, verschiedene Autor/innen zu Wort kommen zu lassen, um so dem kulturellen Wandel im Kontext eines Geschichtsmuseums Raum zu geben.

Untersuchungsgegenstand sind eine Reihe von Objekten aus der der aktuellen Dauerausstellung Sammler und Stifter sowie Objekte, die in der zukünftigen Dauerausstellung Frankfurt Einst?  zu sehen sein werden. Im Mittelpunkt der Neu-Sichtung stehen subjektive Perspektiven, die sich den einzelnen Projektteilnehmer/innen bei der Objektbefragung erschließen. Was erzählt beispielsweise eine Deutsch-Ostafrikanische Münze von 1916 einem äthiopischen Ökonomen, oder ein Belagerungsplan der Stadt Frankfurt von 1554 einer kolumbianischen Journalistin und Studierenden der Kunstgeschichte?

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historisches museum frankfurt: Münzen

Mit vielfältigen Fragenstellungen nähert sich die Seminargruppe den historischen Objekten, mit dem Ziel alternative Narrative zu den Objekten zu entwickeln. Diese werden dann ab 2017 im neuen Ausstellungshaus des hmf in Form eines Multimedia Guides für jede/n Besucher/in erfahrbar sein. In den kommenden Monaten soll im Projektseminar je nach Themenvorliebe und Objektwahl, in bilingualen Tandems zusammengearbeitet werden. Die Multiperspektivität der Neu-Sichtung ergibt sich dann aufgrund der Interdisziplinarität und Transkulturalität der Seminargruppe selbst und ist eine Stärke des Projekts. Hier treffen die verschiedensten beruflichen Professionen und kulturellen Hintergründen aufeinander. Die Seminargruppe besteht aus Studierenden des historischen Seminars sowie Akademiker/innen verschiedener Disziplinen mit einem Fluchthintergrund, die Teil des Netzwerks academic experience Wordlwide sind. Gemeinsam entwickeln sie neue Geschichten zu den Objekten und lassen hierbei ihre individuellen Expertisen und persönliche oder auch kollektive Erinnerungen einfließen.

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historisches museum frankfurt: Projekt-teilnehmer, Foto: P. Henning

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historisches museum frankfurt: Mindmap, Foto:  V. Hierholzer

Ein wichtiger Aspekt im Projekt ist die Zusammenarbeit auf Augenhöhe und die fachliche Wertschätzung aller Projektbeteiligten. Das gelingt insbesondere durch die starke Zusammenarbeit mit  academic experience Worldwide e.V. und der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ des Forschungszentrums historische Geisteswissenschaften. Von Museumsseite wird das Ergebnis des Projekts nicht nur ideell honoriert, indem die Geschichten der Projektgruppe als Teil des zukünftigen Multimedia Guides in die offizielle Museumsnarrative einfließen. Alle Teilnehmer/innen mit Fluchthintergrund erhalten dazu noch eine Aufwandentschädigung für ihre Mitarbeit.

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historisches museum frankfurt: Arbeitsgruppen, Foto: hmf, P. Henning

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historisches museum frankfurt: Präsentation der Mindmaps, Foto: P. Henning

Das hmf geht mit diesem Kooperationsprojekt einen Schritt weiter in die Richtung der eigenen kulturellen Öffnung, indem neben der kuratorischen auch diverse andere Narrative auf die Stadtgeschichte präsentiert und somit anerkannt werden. Des Weiteren nimmt das Museum auch die Verantwortung für die kolonialen Hintergründe einiger Objekte ernst und unterzieht diese Mithilfe  von Menschen, die das Erbe der Kolonialzeit aus dem eigenen kulturellen Kontext kennen, einer Revision. Statt kultureller Assimilation wird hier kulturelle Teilhabe verfolgt und Mut zur Selbstreflexion gezeigt.

 

 

Digitale Museumspraxis #2 – We Need To Talk!

Vor drei Wochen haben wir die digitale Museumspraxis verkündet und wie versprochen, kommt hier das erste Update aus dem Arbeitsalltag. Wie geht man vor, um die gesetzten Ziele zu erreichen? Was ist passiert seit der Pressekonferenz?

Am Anfang war das Wort, naja, zumindest habe ich damit angefangen. Zur Vernetzung und Bündelung habe ich begonnen mit allen Kollegen und Kolleginnen, die in digitalen Projekten stecken, zu reden. Meine Erkenntnis (so far) ist: Das Museum hat diverse digitale Baustellen, die regelmäßig mehr voneinander erfahren und miteinander abgestimmt werden sollten (Strategie, Strategie). Ich rufe hiermit zu einem „Jour Fixe Digital“ auf und ahne jetzt schon, dass mir die anderen alles mögliche an den Hals wünschen werden, wenn ich ihnen noch einen festen Termin in den Kalender presse, eineinhalb Jahre bevor das neue Museum eröffnet werden soll. Es gibt zwei Alternativen dazu: Das Digitale stärker in den schon existierende Runden abfragen und/oder die Infos einzeln in den Arbeitsgruppen einholen und in schönen Blogposts zusammenfassen (ganz nebenbei kann so auch festgestellt werden, wer aus dem Museum den Blog überhaupt liest, haha).

Hier also exklusiv „Interna“ aus den digitalen Arbeitsgruppen:

  • Juhu, die Sammlung Prehn ist online! Es handelt sich um einen Bestandskatalog, der für die Forschungscommunity online zu Verfügung steht und gemeinsam weiter bearbeitet werden kann. Dazu gibt es Kommentarfelder, die aber bislang noch ziemlich unberührt bleiben. Der Sammlungsleiter Herr Cilleßen sagt: „Wir wollen mehr über unsere Objekte erfahren!“ Wenn das keine Einladung zur Partizipation ist… Darauf müssen zuallererst wir selbst reagieren und die fehlenden Sammlungsbestände nachtragen, andererseits sollen alle Interessierten an der Erschließung der Universalsammlung teilhaben (Zaunpfahl an der Stelle: um breite Weiterleitung und Verlinkung an alle interessierten Spezialisten wird gebeten!).
  • Wir kämpfen weiterhin mit der alten Website, die wie ein lange gewachsener Stollen, immer wieder tief vergrabene Fundstücke ans Licht bringt (was, wir wollten 2015 das neue Museum eröffnen?). Aber wir sind dran! Gemeinsam mit den Medienplanern, der Öffentlichkeitsarbeit und Kolleg/innen aus den einzelnen Bereichen entwickeln wir eine neue Struktur und basteln am Content-Management-System (wir dürfen uns nach der cms-Schulung letzte Woche stolz  „Architekten“ nennen), um im Herbst dann mit einer neuen Website online zu gehen… dazu dürfte es in naher Zukunft noch weitere Updates aus der Test-User-Umgebung geben.
  • Um uns besser um unsere digitalen Freundeskreise zu kümmern, haben wir einen „Social Media Weekly“ eingerichtet. Die wichtigste Regel: wir setzen uns nicht hin! Alle Betreuerinnen von Facebook, Twitter, Instagram und dem Blog stehen dann um eine kleine Theke im Großraumbüro und tauschen sich max. 15 Minuten zu den anstehenden Themen, Verknüpfungen und Aktionen der Woche aus. Die ersten fruchtbaren Ergebnisse des Austauschs konnten bei der #Museumweek und der Aktion zur Pop-Up-Ausstellung realisiert werden.

Kleine Erkenntnis zum Abschluss: geregeltes Vokabular ist in interdisziplinären Projekten unabdinglich! In vielen Projekten, die hier noch gar keine Erwähnung fanden (z.B. die OnlineSammlung und der Multimediaguide) sind wir noch in der Konzeptphase bzw. der ersten Umsetzung und stellen mehr und mehr fest, bevor wir miteinander sprechen können, müssen wir uns verstehen!

Bildersammlung Prehn ist online_hmf_2016

historisches museum frankfurt: Die Bildersammlung Prehn ist online!

im cms sind alle glücklich_hmf_2016

historisches museum frankfurt: Wir bauen eine neue Website.

Auf allen Kanälen ballern_hmf_2016

historisches museum frankfurt: Social Media?

Sommertour 2016 – mein Frankfurt-Modell & Stadtlabor unterwegs

 

Sommertour oder Stadtlabor unterwegs oder mein Frankfurt-Modell ein zweites Mal on Tour? Warum nicht eine Kombination für den Sommer 2016 wagen!

Das historische museum frankfurt wird zum Stadtmuseum im 21. Jahrhundert. Ab 2017 zieht die Gegenwart im Museum ein: Die neue Dauerausstellung Frankfurt Jetzt! bringt aktuelle Perspektiven auf Frankfurt ins Museum und fragt nach dem Expertenwissen seiner 700.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Am besten können Frankfurts Geschichten, Nachbarschaften und Merkwürdigkeiten von ihren Bewohner/innen selbst erzählt werden. Dafür ist es wichtig aus dem Museum in den Stadtraum zu gehen, Expertenwissen vor Ort aufzuspüren und die digitale Frankfurt Jetzt! Sammlung anzustoßen.

Ergebnisse der Frankfurt-Modell Sommertour 2015 – eine Pop-Up-Ausstellung

Auf der Sommertour 2015 wurde Material und Wissen für den Modellbau gesammelt und alle 42 Stadtteile besucht. Die Ergebnisse sind vom 8.-10.April im Museum in einer kleinen Pop-Up-Ausstellung zu sehen. Ein Wochenende lang sind im Leopold-Sonnemann-Saal die Ergebnisse der partizipativen Stadtteilerforschung ausgestellt. 1.333 Fragebögen, 28 Stadtteilkarten mit 1.166 markierten Orten und 11 gebastelte Mental Maps haben wir im Sommer gesammelt. Die Pop-Up-Ausstellung fasst die vielfältigen Quellen zusammen und gibt einen Einblick in das gefühlte Frankfurt: Was sind die Lieblingsorte der Frankfurter/innen? Wie wurden die unterschiedlichen Stadtteile beschrieben? Und welche Themen sind für ganz Frankfurt relevant? Alle Besucher/innen haben in der Ausstellung auch die Möglichkeit ihren wichtigsten Frankfurter Ort mit einem mitgebrachten Objekt zu markieren. Wir sammeln bis Sonntag um 15 Uhr, dann wird das gemeinsam gebaute Frankfurt-Modell fotografiert und Sie können Ihr Objekt wieder mitnehmen oder dem Modellbauer überlassen. Den Abschluss des gesamten Projekts möchten wir am Sonntag, den 10. April ab 15 Uhr mit Kaffee und Kuchen feiern.

Wie geht das Projekt im Sommer 2016 weiter?

Mit Aktionen im Stadtraum, bei denen Beiträge für die interaktive Internetplattform gesammelt und stadtteilübergreifende Perspektiven und Fragen zu Frankfurt diskutiert werden. Sie bilden den Anfang einer ständig wachsenden Frankfurt Jetzt!-Sammlung. Dabei werden Beiträge für die digitale Plattform für mein Frankfurt-Modell gesammelt, genauso wie Methoden zur Stadterkundung, die weitere Zugänge zu Frankfurt ermöglichen, um das Wissen über die Stadt stetig zu erweitern. Das Ziel ist es, die Stadt aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erfahrbar zu machen und zu zeigen: Frankfurt ist viele Städte!

Der erste „Call for Participation“ ist vorbei. Hier fragten wir nach künstlerischen Forschungen, die sich mit der Stadt Frankfurt auseinandersetzten. 30 Bewerbungen sind eingegangen und wir freuen uns diese vielen spannenden Projekte zu sichten und einige auszuwählen, die im Sommer zu sehen sein werden. Neben den künstlerischen Forschungen zur Stadt wird es alternative Stadtspaziergänge, eine Lesung, zwei Workshops und eine Stadtlabor-Frage zum Thema Wohnen geben. Und dazu folgt auch gleich der nächste „Call“ zum mit machen. Am 12. Mai um 18.00 Uhr laden wir ins Museum ein und fragen: Wer wohnt wie in Frankfurt? Ob in Wohngemeinschaft, Loft, Seniorenheim, Altbau, Neubau, Hochhaus, Bauwagen, besetztem Haus, saniertem Haus, Eigenheim oder auch ohne Haus. Sie als Einwohner/innen sind die Experten für die Stadt! Wir laden Sie deshalb herzlich ein, Ihre Erfahrungen, gegenwärtigen Wohnsituationen und Geschichten mit uns zuteilen und einen Beitrag für unsere Sommertour 2016 zu gestalten.

 

 

So geht Ehrenamt – Das Dienstags-Team der Bibliothek der Alten

Jeden Dienstagnachmittag können Besucher/innen der Bibliothek der Alten zwischen 14 und 17 Uhr unter Aufsicht Einblick in die in den Regalen untergebrachten Kassetten nehmen. Während in manchen Museen das Aufsichtspersonal vorrangig darauf achtet, dass die Besucher nicht zu dicht an die Exponate treten und dadurch die Alarmanlage auslösen, ist das „Dienstags-Team“ durchaus in der Lage, umfassende Auskünfte über die Ausstellungsstücke zu geben: Es sind nämlich die Autorinnen und Autoren der Bibliothek, die für Fragen der Besucher zur Verfügung stehen. Dieses ehrenamtliche Engagement war zugleich der Anlass, dass an dem jüngsten Treffen des Dienstags-Teams Sofie Decker, Studentin der Kulturanthropologie an der Uni Basel, teilnahm. Sie hat sich das Thema „Partizipative Projekte am Historischen Museum Frankfurt“ für ihre Masterarbeit gewählt.

Der soziologische Begriff der Partizipation umfasst die Einbeziehung, die Beteiligung und die Mitsprache bei Entscheidungs- und Willensbildungsprozessen. Tatsächlich geht das Engagement des Dienstags-Teams über die Aufsicht an den Öffnungstagen des Museums hinaus. Die Ehrenamtlichen beteiligen sich auch an der Erschließung der Medien, sie unterstützen diejenigen Autorinnen und Autoren, die ihre Beiträge noch nicht abgegeben haben, sie wirken aktiv bei Veranstaltungen mit und sie helfen bei der Vorbereitung von Ausstellungen. Konsequenterweise fragt die Kuratorin Angela Jannelli bei den Zusammenkünften des Dienstags-Teams nach Erfahrungen während der Öffnungszeiten und bittet um Vorschläge, wie die Bibliothek noch attraktiver für das Publikum präsentiert werden kann. Insoweit gehört das hmf zu den Institutionen, für die sich das Engagement doppelt auszahlt: Für das Museum durch die geleistete Arbeit und für die Ehrenamtlichen durch die dadurch gewonnene Anerkennung.

 

Arbeitstreffen des Dienstagsteams, Foto: hmf, Melanie Hartlaub

„Ich bin ein Löwe“

oder: Wie sich Berufsschüler/innen selbst sehen und was sie sich vom Leben wünschen

Ein überzeugenderes Argument für die bevorstehende Umbenennung der Bibliothek der Alten in „Bibliothek der Generationen“ dürfte man nach der Präsentation von Frankfurter Berufsschüler/innen im Rahmen des Jugendprojekts „Frankfurt Live!“ kaum finden: 13 Jugendliche im Alter von 16 bis 20 Jahren der Beruflichen Schulen Berta Jourdan trugen in sehr anrührenden Vorträgen ihre Erwartungen an die Gegenwart und Zukunft vor. Ihre Beiträge, die sie in den Werkstätten des kinder museum typografisch selbst gestaltet hatten, sind jetzt neben Audio-Stücken Teil der Bibliothek der Alten, in der damit nicht nur die Erinnerungen der älteren Generation gespeichert werden.

Während man sonst bei öffentlichen Auftritten von Jugendlichen mit dem Besuch der Eltern und Verwandten rechnen kann, kam bei dieser Veranstaltung der Publikumsbeifall von ihren Lehrerinnen und Lehrern, von den Teilnehmern früherer Projekte und natürlich von ihren Mentorinnen, vor allem Marie-Luise Schultz vom kinder museum sowie der Schreibtrainerin Phyllis Kiehl. Die elterliche Abstinenz ist kein Zeichen von Desinteresse: Vanessa, Horatio, Abou, Rozina und Jafar sowie die anderen Mitschülerinnen und Mitschüler gelangten vor ein bis zwei Jahren in der Regel ohne ihre Eltern aus Afghanistan, Mali, Somalia, Eritrea oder Rumänien nach Deutschland.

„Ich heiße Abou, ich komme aus Mali“, begann der erste Vortrag, dem weitere Beiträge folgten, in denen die Jugendliche sehr offen und sehr persönlich ihre Erwartungen an die Zukunft äußerten. Ein gemeinsames Stilelement ihrer Äußerungen, die von der Schreibwerkstatt als Anknüpfungspunkt für die Schilderung ihrer eigenen Persönlichkeit vorgegeben wurde, war die Identifikation mit einem Tier: „Ich bin ein Leo“, „Ich bin ein Vogel“ waren die Worte, mit denen die Jugendlichen in der ihnen noch nicht ganz vertrauten Sprache sehr fantasievolle Assoziationen herstellten. Bemerkenswert und damit bewundernswert war die Art der Erwartungen der jungen Leute, die sie an ihre persönliche Zukunft äußerten: Es waren keine materiellen Wünsche, vielmehr die Hoffnung, Vertrauen unter Freunden zu finden, mit ihnen über alles sprechen und mit ihnen lachen zu können. Nach dem abschließenden Dank von Angela Jannelli, Kuratorin der Bibliothek der Alten, war ein herzlicher Beifall für alle Beteiligte der verdiente Lohn für ihr hohes Engagement.

Digitale Museumspraxis #1 – Kick-Off

Heute haben wir im Historischen Museum eine Pressekonferenz veranstaltet, um der ganzen Welt zu sagen, dass wir seit 1. März 2016 einen neuen Arbeitsbereich bespielen dürfen: Ladies and Gentlemen, please welcome die digitale Museumspraxis! Dazu gibt es, zack, auch eine neue Kuratorinnenstelle für die das Museum mich ausgewählt hat. Darüber freue ich mich sehr – endlich können wir die über alle Abteilungen verstreuten digitalen Projekte gebündelt betrachten und mit einer nachhaltigen Strategie versehen. Die Aventis Foundation schenkt uns drei Jahre für dieses Vorhaben – vielen Dank!

Und trotzdem: drei Jahre? Das ist ja nichts, um einen neuen Arbeitsbereich zu konzipieren und zu implementieren. Wir werden viel Vernetzungsarbeit leisten müssen, im Museum und außerhalb, denn es geht darum die digitale Kultur (free open culture, mobil und flexibel, Benutzerorientierung) mit der Museumspraxis zu verbinden. Damit das von Anfang an gelingt, spannen wir auch diesen hervorragenden Blog ein und werden in den nächsten drei Jahren regelmäßig von unseren Erfahrungen berichten, Fragen stellen und den Arbeitsstand dokumentieren.

Ohje, so schaufelt man sich also das eigene Workload-Grab… aber es hilft nichts, wir bauen im Historischen Museum auf die Grundprinzipien der partizipativen Museumsarbeit: Kommunikation auf Augenhöhe, Vernetzung mit Akteuren, kollaborative Produktivität, begleitende Moderation des Prozesses und Evaluierung. Und wir werden nicht davor zurückschrecken sie auch und gerade für die Entwicklung der digitalen Museumspraxis einzusetzen. Denn hier passen sie besonders gut: in meinen ersten Recherchen zum Thema bin ich häufig auf den Begriff „digital mindset“ gestoßen, der jeder digitalen Strategie oder etwa einer Social-Media-Kanal-Armada vorausgehen sollte. Die Quintessenz ist: wenn wir digital sagen, meinen wir nicht Kanäle oder Technologie, sondern die Grundwerte der Internet-Kultur: „[D]igital is shorthand for ‘we accept the internet values of usability, needs focus and agility’.“

Die längere Version mit ein paar mehr Denkschritten und vielen Links geht so:

Im Horizon Report werden diese und weitere Gedanken ausführlich dargestellt und mit dem Kontinuum der Partizipation zusammen gedacht. Das Museum braucht Austausch und Kommunikation miteinander, um sich als relevanter Ort in der Stadtgesellschaft zu behaupten: „The participatory museum is both a philosophy and strategy that, while not requiring technology to implement, leverages new modes of communication to make cultural institutions a more relevant, constructive piece of society.”. Für das Historische Museum führen diese Überlegungen direkt zurück zum eigenen Selbstbild (kommunikativ, offen, nahbar), das durch digitale Medien noch effektiver realisiert werden kann. Für mich bedeutet das: the best of both worlds – ich liebe Museen und ich liebe das Internet. Wie gut, dass wir in Zukunft beide Welten noch stärker verschränken können. Oh und zu der Frage, ob und wie digital gesondert, verschränkt oder überhaupt nicht mehr einzeln betont werden sollte, empfehle ich zum Abschluss diesen feinen Blogpost zum Thema Postdigitalität.

Digitale Museumspraxis im Historischen Museum Digitale Kuratorin das partizipative Museum

Nicht nur Flachware

– Die freunde & förderer in der Werkstatt der Papierrestauratorin

Beim jüngsten „Schulterblick“gab Heike Schuler-Kienle den Mitgliedern einen Einblick in ihre Arbeit als Papierrestauratorin. Andrea von Bethmann, die Vorsitzende des Fördervereins, hatte diesmal in die Solmsstraße gebeten, in der neben der Verwaltung und einem  Großteil der Bestände auch die Werkstätten während der Um- und Neubauphase des Museums  untergekommen sind. Papier ist dabei nur ein, wenn auch der wichtigste Werkstoff, mit dem eine Restauratorin der Graphischen Sammlung zu tun  hat: Neben Kenntnissen über Pergament, Leder und Metall ist auch ein breites Wissen über die  Herstellung von Papier sowie über den Ablauf der chemischen Prozesse notwendig.

Überraschenderweise war das erste Arbeitsgerät, das Heike Schuler-Kienle – umgeben von großen Pressen, Schneidegeräten und Gefäßen mit den unterschiedlichsten Klebstoffen – vorführte, ein Zahnarztbesteck. Es dient zum Handhaben der diffizilen Klebetechniken, mit denen abgerissene Ecken einer Papierzeichnung ergänzt oder Risse einer Landkarte unsichtbar gemacht werden. Ebenso erhellend für den Laien dürfte es sein, dass der am häufigsten gebrauchte Klebstoff  der gute alte Weizenstärkekleister ist und keineswegs ein Produkt der modernen Chemie. Fast immer beginnt die Restaurierung mit der Reinigung: Und hier erfuhren die Teilnehmer/innen des „Schulterblicks“, dass neben einem Abrieb mit einem trockenen Latexschwamm Papier zuweilen auch mit fließendem Wasser gereinigt wird. Die Reinigung  dürfte im Übrigen der einzige Arbeitsgang der Papierrestauratoren sein, bei denen ein wichtiger Grundsatz dieses Berufes nicht angewandt wird: Die Reversibilität, d.h. die Möglichkeit, alle reparierenden  Arbeiten auch wieder rückgängig machen zu können.

Die arbeitsintensive Tätigkeit zwingt notwendigerweise dazu, die personellen Ressourcen der insgesamt acht Restauratoren angesichts der großen Sammlungsbestände und der Neuzugänge gezielt einzusetzen. Hier gilt: Ausstellungsstücke gehen vor. Wenn also der Termin einer Eröffnung einzuhalten ist, muss die Restaurierung einer wertvollen Urkunde des 17. Jahrhunderts liegen bleiben, damit ein Plakat von 1947 ausstellungsreif gemacht werden kann. Die Mitwirkung bei Ausstellungen dürfte denn auch zu den „Sahnehäubchen“ der Arbeit einer Restauratorin sein. Heike Schuler-Kienle präsentierte in diesem Zusammenhang eine von ihr maßangefertigte Stütze aus Pappkarton, mit der ein historisches Poesiealbum – unter Museumskuratoren oft etwas abschätzig „Flachware“ genannt – zu einem dreidimensionalen Ausstellungstück aufgewertet wird.

historisches museum frankfurt: die freunde & förderer in der Papierrestaurierung

„Schneekugeln“ oder auch: acht Mal gebautes Frankfurt!

historisches museum frankfurt: Modell Schneekugel Bankfurt

Wie unterschiedlich Frankfurt sein kann, zeigten uns die Künstler/innen aus Deutschland, Niederlande, den USA und Frankreich in ihren fortgeschrittenen Modellen für die Installation der Frankfurter Schneekugeln. So zeigt sich zum Beispiel „Bankfurt“ als Turm von Babel, gestapelt aus der Skyline Frankfurts. Die Schneekugel um die „gebaute Stadt“ schmückt sich mit Baukränen und Abrissszenarien und Frankfurts kriminelle Seite präsentiert sich im vollen Klischee des Rotlichtmilieus.

Zum dritten und vorerst letzten Mal (hier zum ersten und zweiten Mal) versammelten sich Künstler/innen, Szenografen und Kurator/innen im historischen Museum für die Präsentation und Feedbackrunde zu den acht Stadtmodellen, die ab Sommer 2017 im neuen Haus zu sehen sein werden. Passend zu den Modellen präsentierte das Team von ShoSho erste Videoinstallationen, welche die Schneekugeln medial umgeben. Diese reichen von abstrakten Linien über Börsenkurse bis hin zu historischen Filmsequenzen.

Im Anschluss an den Workshop wurde beim siebten Schneekugelgespräch mit einer interessierten Öffentlichkeit darüber diskutiert, inwiefern „Frankfurt – eine kritische Stadt?“ ist. Dazu präsentierte Florian Göttke seinen Modellentwurf zur kritischen Stadt bei der unter anderem Szenen des Häuserkampfes der 1970er Jahre im Frankfurter Westend zu sehen sein werden. Wir sind gespannt darauf, wie sich die Modelle weiterentwickeln und freuen uns auf acht Mal Frankfurt aus unterschiedlichster Materie, Farbe und Kontext.

 

 

 

Das Berufsbild Registrar

historisches museum frankfurt: Was macht eine Registrarin am hmf?

In der Veranstaltungsserie „Einblick“ der freunde & förderer erläuterte Beate Dannhorn uns kürzlich ihr Arbeitsfeld.

Der englische Begriff „Registrar“ kommt aus den USA, wo dieser Beruf sehr viel häufiger vertreten ist als bei uns. An deutschen Museen gibt es nur wenige offizielle Registrar-Stellen, häufig werden die Aufgaben von Sammlungs-, Archiv- und/oder VerwaltungsmitarbeiterInnen wahrgenommen. In den Museen der Stadt Frankfurt sind derzeit lediglich drei Registrars angestellt.

Die Stelle des Registrars ist die Scharnierstelle hinter den Kulissen für das Entstehen einer Ausstellung. Das Aufgabenfeld ist darum ausgesprochen vielseitig. Der Registrar steht in Kontakt mit anderen Museen, Institutionen und privaten Leihgebern. Er macht die Leihverträge und beauftragt Speditionen und Kuriere, kümmert sich in Absprache mit den RestauratorInnen um die adäquate Verpackung von fragilen Exponaten. Es müssen Termine für die Transportwege, die Auf- und Abbauzeiten und natürlich die Dauer der Ausstellung koordiniert werden.

Wie behält man da den Überblick?, fragen wir Frau Dannhorn. Ihr wichtigstes Arbeitsinstrument ist die Museumsdatenbank MuseumPlus. Hier werden für jedes Exponat minutiös alle Prozesse dokumentiert und sind für alle Projektpartner einsehbar.

Die Ausstellung Arsen und Spitzenforschung über Paul Ehrlich ist ein gutes Beispiel die Vielseitigkeit ihrer Aufgaben anschaulich zu erläutern. Diesmal war die Auswahl der Exponate besonders heterogen. Das Porträt von Paul Ehrlich, der antike Stuhl, der normalerweise im Paul-Ehrlich-Institut in Langen täglich benutzt wird, die weißen Mäuse, die für diese Ausstellung eigens präpariert wurden oder die Holzbuntstifte, die tatsächlich noch original von Paul Ehrlichs Schreibtisch stammen und darum selbstverständlich geschützt werden müssen. Alle Exponate hat Frau Dannhorn für die Ausstellung in Zusammenarbeit mit der Kuratorin Kirsten Weining angefordert und musste dabei viele Details berücksichtigen.

Immer agiert der Registrar zwischen den Kuratoren bzw. Ausstellungsmachern, die dem Publikum gern besonders viele, seltene oder ausgefallene und wertvolle Objekte in ihrer Schau zeigen möchten und auf der anderen Seite den Konservatoren, die berechtigte Sorgen haben, dass die Stücke auf dem Transport und während der Präsentation leiden. Sie können leicht zu viel Licht, zu viel Hitze oder gar zu viel Staub abbekommen und irreparablen Schaden nehmen.

Da ist dann viel Diplomatie erforderlich, erklärt uns Frau Dannhorn, aber mit ihrem Beruf hat sie gelernt auch kompromissbereit zu sein und vor allem zielorientiert zu agieren. Jedes neue Ausstellungsprojekt hat seine eigene Dynamik und verlangt Flexibilität. Der hmf-Registrarin Beate Dannhorn macht ihr anspruchsvoller Job offensichtlich richtig Spaß!

 

Die Mäzenin und Stifterin Hannah-Louise von Rothschild (1850-1892)

historisches museum frankfurt: Porträtbüste der Hannah-Louise von Rothschild von Gustav Martin Herold (1839-1927)

Über die außergewöhnliche Mildtätigkeit dieser bescheidenen und großzügigen Frankfurterin erfuhr die Öffentlichkeit zu ihren Lebzeiten wenig. Hannah-Louise von Rothschild stand mit ihrem wohltätigen und mäzenatischen Wirken sowohl in der Tradition ihrer Familie, deren bürgerschaftlichen Gemeinsinn sie geprägt hatte. Befassen Sie sich mit der Biografie dieser „edlen Wohltäterin“! Ihre Biografie erweitert die zahlreichen anderen, die auf der Frauenzimmer-Seite vorgestellt werden und verweisen einmal mehr auf die starke Präsenz jüdischer Frankfurterinnen, die sich für ihre Stadt engagierten.