Die Goethe-Uni hat ein neues digitales Schaufenster

Die Sammlung des historischen museums frankfurt umfasst derzeit weit über 630.000 Objekte aus mehr als zwölf Jahrhunderten Frankfurter Stadtgeschichte. In den Ausstellungsräumen, die 2017 eröffnet werden, kann nur ein Bruchteil dieser Objekte gezeigt werden. Das ist mit ein Grund, weshalb immer mehr Einrichtungen ihre Sammlungsbestände online stellen und auf diese Weise einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen.

Bei uns im hmf kümmern sich ebenfalls schon mehrere Arbeitsgruppen um die Realisierung des künftigen Webauftritts des Museums und der geplanten Online-Sammlung. Dazu werfen wir auch immer wieder einen Blick auf die Online-Datenbanken anderer Museen und Institution. Vor kurzem hat nun die Goethe-Universität Frankfurt eine digitale Plattform zu ihren Sammlungen präsentiert.

Die Frankfurter Goethe-Universität feiert dieses Jahr ihren 100. Geburtstag. Dazu gratulieren wir gerne und beglückwünschen die Universität zu dem Geschenk, das sie sich nun selbst und ihren Nutzern mit der neuen Online-Plattform gemacht hat.

Unter http://sammlungen.uni-frankfurt.de/ werden erstmals Gegenstände aus rund 40 Sammlungen der Universität in ihrer Vielfältigkeit gemeinsam präsentiert. Neben den obligatorischen Informationen zur Herkunft und den äußeren Merkmalen der einzelnen Objekte (Material, Maße, Gewicht etc.) bilden die sogenannten „Objekterzählungen“ ein besonderes Merkmal dieser Sammlungspräsentation. Diese kleinen Essays bieten einen Einblick in die individuelle Nutzungs- oder Rezeptionsgeschichte der Objekte, geben Auskunft über ihre Bedeutung in Forschung und Lehre oder beschreiben den Weg des jeweiligen Gegenstandes in die Sammlung. Diese anregende Anreicherung der objektbezogenen Informationen macht die Online-Plattform der Goethe Universität zu einem Informationsportal, das zudem zum Verweilen und Schmökern einlädt (ein nettes Gimmick dabei; eigene Lieblingsstücke lassen sich mit einem ♥ markieren). Grundlage der Objekterzählungen ist die dreijährige Arbeit der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ am Forschungszentrum für historische Geisteswissenschaften, die Judith Blume, Vera Hierholzer und Lisa Regazzoni initiert haben. Gemeinsam mit den Studierenden und Sammlungskurator/innen wurden so einzelne Stücke der vielfältigen Uni-Sammlungen mit interessanten, zum Teil interdisziplinären Perspektiven ausgestattet und miteinander verknüpft.

Für unsere Arbeitsgruppen in Sachen Museum-Portal und Online-Sammlung ist mit der neuen Plattform der Universität jedenfalls ein originelles Anschauungsmaterial entstanden.

historisches museum frankfurt: die Online-Plattform der Goethe-Universität Frankfurt

 

 

Baustellenbegehung

Nach einer unserer Baubesprechungen am Mo, 7. Juli haben wir mit den Architekten, Hochbauamt und Kulturamt eine Begehung der Baustelle durchgeführt, um uns von den Baufortschritten ein Bild zu machen.

Über den späteren Museumsplatz gingen wir zuerst in das Eingangsgebäude, die Treppe herunter, an dem späteren Standtort der Schneekugel für die “Stadt mit Eigenschaften” vorbei (noch steht der Kran dort) in das Ausstellungshaus. Dort konnten wir aus den großen Fenstern auf die Stadt blicken. Am schönsten war der Blick – verschleiert durch Baunetze – auf den Römer. Schon jetzt kann man sich darauf freuen und sich vorstellen, wie es sein wird, unser Rathaus mit dem Platz davor über den Fensterblick in die Ausstellung zu integrieren. Danach ging es Treppe hoch  ins 1. Obergeschoss: Seit meinem letzten Rundgang  ist das Gebäude wieder deutlich spürbar gewachsen. Im 1. OG fehlt zwar noch die Decke , dafür sind noch schöne Blicke auf die umgebende Bebauung möglich.

Allerorten wurde gesägt, gehämmert, gearbeitet: So wurde in einem Treppenhaus die Verschalung montiert, damit der nächste Abschnitt gegossen werden kann. Ein Stück der Bohrpfahlwand, das nicht mehr benötigt wird, wird derzeit Stückchenweise durch eine Art Mini-Bagger abgebrochen und überall werden Schläuche für die Bauteilaktivierung verlegt, Armierungen gebogen und Verschalungen errichtet. Die Fotos geben einen Eindruck des Rundgangs wieder.

 

Die Erkundung der Wallanlagen mit den Freunden

Park in progress ist bereits die dritte Ausstellung des Stadtlabor unterwegs, die die junge Kuratorin Sonja Thiel auf die Beine gestellt hat. Die freunde & förderer stehen vor dem großen Euro-Zeichen am Willy-Brandt-Platz und hören ihr gespannt zu.

Angeregt durch zwei Frankfurter Bürgerinnen, die sich vehement für den Erhalt einer Baumgruppe in der Bockenheimer Anlage einsetzten, thematisiert die Reihe „Stadtlabor unterwegs“ im Sommer 2014 die Wallanlagen. Nur wenige Frankfurter wissen, dass die Wallanlagen sich in einem 5 km langen Grüngürtel um die Innenstadt ziehen und dabei sieben verschiedene Namen tragen.

Sonja Thiel hat mit fast einem Jahr Vorlauf verschiedene Bürger/innen, Gruppierungen, Vereine und Schulklassen zusammengebracht und angeleitet, ihre Anliegen zu visualisieren und dann schließlich in dieser Park-Ausstellung des Museums zu präsentieren. Es ist nicht die große Stadtgeschichte, die hier gezeigt werden soll. Vielmehr erzählt das Stadtlabor kleine Geschichten und das, was die Bürgerinnen und Bürger heute bewegt.

Wir sind hoch motiviert, uns diesen schlängelnden Park zu erwandern, schließlich gibt es zwischen den alten Bäumen, historischen Skulpturen und Denkmälern aus verschiedenen Epochen 60 Stadtlabor-Beiträge zu sehen. Frau Thiel weiß so viel zu erzählen, dass wir gerade nur bis zur Alten Oper kommen. Alle freunde & förderer wollen noch mehr hören und sehen. Es soll eine Fortsetzungsführung geben. Dann werden wir am anderen Ende, in der Obermainanlage hinter dem Literaturhaus beginnen.

Geburtstag mit Ehrengast

Am 13. Juni 2014 feierte das historische museum Geburtstag. Unter den vielen Gratulanten waren diesmal neben interessierten Bürgerinnen und Bürgern auch in Frankfurt ansässige Schweizer und selbstverständlich viele freunde & förderer.

Das Kuratorium des Museums richtete nun schon zum sechsten Mal die Feier aus. Nach den Museumsleitern aus Mailand, Lyon, Krakau, Liverpool und Amsterdam begrüßte die Vorsitzende Andrea von Bethmann diesmal Marie-Paul Jungblut, Direktorin des Historischen Museums Basel. Die Geburtstagsfeier stand also ganz im Zeichen der Eidgenossenschaft. Der stv. Generalkonsul Thomas Casura gratulierte zum 136. Wiegenfest und verwies darauf, dass Basel ähnlich wie Frankfurt am Main eine Museumsstadt ist. Direktor Jan Gerchow fand noch mehr Gemeinsamkeiten der beiden Verlags- und Bücherstädte, bevor er die Referentin Marie-Paule Jungblut dem Publikum vorstellte. Dann gab die Direktorin in einem reich bebilderten Vortrag Einblicke in ihre Vermittlungsarbeit am Basler Stadtmuseum.

Vor zwei Jahren hat sie das große Haus mit knapp 100 Mitarbeiter/innen übernommen und bringt seitdem frischen Wind in die vier Abteilungen, die jetzt griffige Namen tragen „Museum für Geschichte“, Museum für Wohnkultur und Museum für Musik. Das ehemaligen Kutschenmuseum heißt jetzt Museum für Pferdestärken.

„Exist to serve the Public“ ist das neue Mission Statement. Damit erläuterte Marie-Paul Jungblut, wie sie die neue Rolle des Museums in der Stadtgesellschaft sieht:
Die Museen im „old Style“ zeigen edle Präsentationen und veranlassen das Publikum zum Bewundern und Staunen. Das Museum des 21. Jahrhunderts hingegen sieht die Besucher/innen mehr als Nutzer/innen;  das Museum dient dann als ein Instrument, das mit zeitgemäßen Kommunikationsformen zu Debatten über die Gegenwart anregt.

Ausgangspunkt für alle Aktivitäten ist immer die Sammlung des Historischen Museums Basel. Mit szenischen Führungen werden die historischen Inhalte greifbar popularisiert, ohne sie zu verflachen. Mit dem „Koffer der Erinnerungen“ geht das Museum sogar in Alten- und Pflegeheime.

Für Frau Jungblut ist auch „eCulture“ eine wichtige moderne museale Ausrichtung – die Hinwendung zu social media.  Es finden regelmäßig „Tweevenings“ statt, (also Tweetups, wie sie im hmf auch schon stattfanden);  es werden bei Wikimedia und Pinterest Inhalte eingestellt und auf Youtube gibt es eine Menge Videos vom Museum zu sehen.

„Das Museum soll das Leben der Menschen bereichern!“ schloss Marie-Paule Jungblut ihren sehr lebendigen und humorvollen Bericht, der bei allen gut ankam. Die freunde & förderer sind neugierig geworden und möchten das Museum und seine Leiterin im nächsten Jahr vor Ort besuchen und basteln schon an neuen Reiseplänen!
historisches museum frankfurt: Museumsgeburtstag mit Ehrengast

Kunst entsteht im am Kopf

Die Blogparade des Städel -  Wenn Kleidung Kunst macht – lieferte den Anlass, sich einmal bei uns im Depot umzuschauen. Und wir haben ein ganz besonderes Stück gefunden!

historisches museum frankfurt: hut mit Vogel, Depotbild von T.2009 2281-

Auf den ersten Blick wird vielleicht gar nicht so sichtbar, dass es sich hierbei um einen Hut handelt.

Das historische museum frankfurt kann in seiner großen Mode- und Textilsammlung einen Eindruck davon vermitteln, was zumeist Frauen über die Jahrhunderte so alles am Kopf platziert haben. Ein besonderes Kuriosum ist die sogenannte Toque (flache Kopfbedeckung ohne Krempe) mit einem echten (!) liegenden Vogel, die um 1910 entstanden ist.

Nach einer besonders exaltierten Hutmode zur Zeit des Rokoko, die sich zu Kreationen verstieg wie einen bekrönenden Dreimaster unter vollen Segeln, war die Mode ab dem letzten Drittel des 19. Jahrhundert wieder reif für ein kunsthandwerkliches Statement am Kopf. Von üppigen Federkreationen ausgehend, war es dann nur ein kleiner Schritt hin zu ausgestopften Vögeln. Was auf dem Kopf Platz hatte, wurde verwendet – Möwen, Auerhähne, sogar Pfauen. Die Mode erfreute sich so großer Beliebtheit, dass einige Vogelarten mit besonders schönem Federschmuck vom Aussterben bedroht waren. Das führte schließlich zu öffentlichen Protesten und so entstand eine Gegenbewegung, die in den 1880er Jahren Vereinigungen zum Schutz von Vögeln hervorbrachte.

Ohne speziellen Event – vorzugsweise eine Hochzeit oder das Pferderennen in Ascot  – wird heute das Tragen eines Hutes zu einem Statement. Im „normalen“ Alltag fällt man/frau auf.

In Zeiten des ‚selfies‘ muss ja schon mal die Frage gestellt werden, warum die großen Modeketten diese Form des Präsentierens nicht entdeckt haben, um mit diesem Accessoire Geld zu machen. Nicht nur der allgemeine Selbstdarstellungswahn scheint es vorzugeben, sondern auch die seit langen vorherrschende Haarmode, die durch Aufsteckfrisuren eine notwendige Grundlage schafft, auch größere Gebilde sicher und dauerhaft einzustecken.

Von seltenen Fällen abgesehen, spielen ausgestopfte Vögel in der Mode heute keine Rolle mehr – eine rundum gute Entwicklung – aber warum tragen wir eigentlich so selten Hüte?

Frankfurt Main/Crime

Gretchen und Nitribitt

Hauptstadt des Verbrechens

wie kriminell ist frankfurt

 

 

 

 

 

 

Zwischen stolzer Stereotypisierung und sachlichem Abwiegeln verhandelt Frankfurt jedes Jahr aufs Neue seinen ambivalenten Ruf als Hauptstadt des Verbrechens. Aber wie kriminell ist Frankfurt wirklich und woher kommt das Klischee?

In den letzten Vorbereitungen für die Diskussionsveranstaltung “Hauptstadt des Verbrechens – ist Frankfurt eine kriminelle Stadt?!” (9.7. um 18.30) stehen wir vor einem Berg von recherchiertem Material und fühlen uns selbst ein bisschen wie Ermittlerinnen: auf der Suche nach dem verlorenen Image – schaut man nämlich genauer hin, löst sich das Bild schnell in unzählige Details auf. Zwischen historischen Straftaten, mysteriösen Mordfällen, erhellenden Statistiken und expliziten Rap-Texten wird klar, dass Kriminalität ein relatives Konzept ist, eine multifaktorielle Gemengelage.

Trotzdem kristallisieren sich einige Spuren heraus, die es lohnt weiter zu verfolgen. Kriminalfälle regen damals wie heute zu fiktionaler und medialer Weiterverarbeitung an: Goethe entwickelte die Faust-Figur “Gretchen” auf Grundlage der Prozessakten zum Fall Susanna Margaretha Brandt, die als Kindsmörderin 1772 in Frankfurt  hingerichtet wurde und der unaufgeklärte Mord an der “Edelprostituierten” Rosemarie Nitribitt wurde in Verfilmung und medialer Berichterstattung prominentes Beispiel für die bürgerliche Doppelmoral der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland. Diese spektakulären Fälle dienten als Projektionsfläche für gesellschaftliche Tendenzen und deren Kritik. Gleichzeitig zeigt sich in Frankfurt-Krimis, ob in literarischen oder filmischen Formaten, stets die Reproduktion krimineller Stereotypen, die Hinweise auf die stadttypischen Orte und Formen des Verbrechens geben. Als Verkehrs-Drehscheibe und Bankenstadt passieren in Frankfurt vermehrt Delikte, die in diesen Bereichen angesiedelt sind und in der Kriminalitätsstatistik schwer ins Gewicht fallen – eine quantiative Verfälschung des Tatbestands?

Der Fall der kriminellen Stadt scheint verzwickt, Fiktion und Realität sind ineinander verwoben, was ist wahr/falsch? Der analytische Blick des Armsesseldetektivs ist gefragt – darum haben wir vier Experten eingeladen, Licht in die Sache zu bringen: Janneke Rauscher (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Goethe-Universität, kennt sich bestens mit “Städtischer Eigenlogik im Medium zeitgenössischer Kriminalliteratur” aus), Bernd Belina (lehrt und forscht im Bereich der kritischen Kriminalistik und Humangeographie an der Goethe-Universität), Nikola Hahn (kennt die Materie als Krimi-Autorin und Polizistin von beiden Seiten) und Alexander Röhrich (ist als leitender Kriminaldirektor des Polizeipräsidiums jeden Tag mit diesen Fragen konfrontiert).

Und letztendlich sind wir im Museum ja auch zur Genüge mit dem Wechselspiel von Fiktion und (historischen) Fakten vertraut – sobald der Fall gelöst ist, bauen wir daraus eine überdimensionale Schneekugel, die es in sich hat… bis dahin freuen wir uns auf spannende Ermittlungen – Hinweise aus der Bevölkerung sind erwünscht!

Der Brief im Fass und die Büchse an der Brust I

Wenn man heute jemanden fragen würde, was die einfachste und schnellste Art und Weise wäre, jemandem schriftlich eine Nachricht zukommen zu lassen, wäre die Antwort wohl: eine Email schreiben. Oder eine SMS. Gemeinsam haben sie, dass man die Nachricht, egal wo man ist, schnell verfassen kann und der Empfänger sie eine Sekunde nach dem Abschicken erhält (vorausgesetzt, alle sind dementsprechend technisch ausgerüstet). Vor zwanzig Jahren hätte die Antwort vermutlich noch „einen Brief schreiben“ gelautet. Womit wir der Sache schon näher kommen: Wie haben Menschen vor 400 Jahren Nachrichten verschickt? Wer hat sie verschickt und wohin? Und wer transportierte sie? Und wie?

All diese Fragen sind mir durch den Kopf gegangen, als ich das Frankfurter Stadtkanzleibotenzeichen aus dem Jahr 1602 vor Augen hatte. Dieses Objekt soll Teil von “100 x Frankfurt” für die Dauerausstellung Frankfurt Einst? werden und benötigte noch einiges an Hintergrundrecherche, für die ich während meines Praktikums zuständig bin.
historisches museum frankfurt: Frankfurter Stadtkanzleibotenzeichen von 1602, X02107Als erstes überprüfte ich, wie es im späten Mittelalter und zu Beginn der Frühen Neuzeit allgemein um die Nachrichtenvermittlung stand. Nachrichten wurden durch Boten überbracht, die sich aber vom heutigen Postboten und dem System der Post  stark unterschieden. Das Botenwesen entwickelte sich im späten Mittelalter und es waren vor allem Klöster, Universitäten, Handelsgesellschaften und Städte, die ihre eigenen Boten hatten, um Nachrichten zu überbringen. Die Boten mussten die Strecken alleine zu Fuß zurücklegen, was viel Zeit in Anspruch nahm, da sie zwischendurch auch einmal rasten oder in Gasthäusern übernachten mussten. Es dauerte also eine gewisse Zeit, bis sie am Ziel angekommen waren. Die Boten legten zu Beginn der Frühen Neuzeit am Tag etwa 30 bis 50 Kilometer zurück.

Seit dem 15. Jahrhundert verbreiteten sich neue Organisationsmuster durch oberitalienische Postmeister. Diese beinhalteten den Einsatz von Reitern, der Einrichtung von festen Relaisstationen für Pferde- und Reiterwechsel und ein ununterbrochener Nachrichtentransport – ob  Tag oder Nacht. Kontrolliert wurden die Reiter durch Stundenzettel, den sogenannten Poststundenzettel. Außerdem wurden mehrere Etappen und Strecken eingeführt, so dass sich ein Netz ineinandergreifender Kurse entwickelte. Die Folge waren schnellere Überlieferung, Regelmäßigkeit und öffentliche Verfügbarkeit. Durch die 1490 von Maximilian I. eingeführte Tassis/Taxis-Post professionalisierte sich das Botenwesen noch weiter. Auch Frankfurt ordnete so sein Botenwesen in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts neu.

Jetzt werde ich auf die Suche nach spezieller Literatur über die Botenabzeichen gehen und darüber in meinem nächsten Blogeintrag berichten. Ich bin gespannt, was ich finden werde.

Jugend im Nationalsozialismus

Gestern Abend fand im Rahmen der Bibliothek der Alten ein sehr beeindruckendes Gespräch zwischen drei Männern statt, die über ihre Jugend in der Zeit der Nazi-Herrschaft gesprochen haben. Beim Gespräch wurde deutlich, wie unterschiedlich die jungen Männer die damalige Zeit wahrgenommen haben und welche Auswirkungen das Erlebte auf ihr Leben nach dem Krieg hatte. Alle drei sind seit 2000 Autoren der Bibliothek der Alten und gehören damit zu den Autoren der ersten Stunde in diesem von Sigrid Sigurdsson initiierten künstlerischen Erinnerungsprojekt.

Wolf von Wolzogen, Herbert Westenburger, Kurt Schäfer, Dr. Bernhard Schanz; Foto hmf, Stefanie Kösling

Wolf von Wolzogen, Herbert Westenburger, Kurt Schäfer, Dr. Bernhard Schanz; Foto hmf, Stefanie Kösling

Herbert “Berry” Westenburger wurde 1920 geboren. Seine Jugenderinnerungen sind in erster Linie vom “Nerother Wandervogel” bestimmt, zu dem er mit 12 Jahren stieß. Die “bündische Jugend” verweigerte sich der im Nationalsozialismus verordneten Gleichschaltung, die Gruppe bestand weiter im Untergrund. 1938 wurde Berry Westenburger dann wegen illegaler Betätigung verhaftet und sieben Monate im Klapperfeld-Gefängnis von der Gestapo festgehalten. Mit Kriegsbeginn wurde er sofort eingezogen. Er berichtete eindrucksvoll davon, wie wichtig für ihn der Zusammenhalt der Gruppe und ihr Credo der bündischen Jugend “Wir pfeifen auf den ganzen Schwindel”, in seiner Integrität stärkte. Nach dem Krieg engagierte er sich sofort für den Wiederaufbau der bündischen Jugend in Hessen – obwohl ihm, dem Sohn aus gutbürgerlichem Hause, nichts geblieben war. Seine Mutter war als “Halbjüdin” ermordert worden, das elterliche Wohnhaus war von den Amerikanern besetzt und im Landhaus der Familie hatte sich ein Nazi-General einquartiert, der sich weigerte auszuziehen. Berry Westenburger hat die 12 Jahre der Nazidaktur ausführlich in seinem Buch beschrieben.

Ganz anders die Erlebnisse von Bernhard Schanz, der im Jungvolk eine glänzende Karriere gemacht hat, vom Pimpf bis zum Gebietsführer. Bernhard Schanz berichtete von der Attraktivität der Uniform, dem ausgeklügelten hierarchischen System, das sich in Dienstgraden und Rangabzeichen ausdrückte, darin, wer wen zu grüßen hatte, wer wem gegenüber Respekt zu erweisen hatte. Ihm hatte das Jungvolk zahlreiche Möglichkeiten zur Aus- und Weiterbildungn geboten und so den Wunsch nach Distinktion und dem Hocharbeiten in der Hierarchie erfüllt. Nach dem Krieg stieg er in das elterliche Unternehmen ein, das er viele Jahre lang führte. Bekannt ist Herr Schanz wohl vielen durch seine Aktivitäten für das Kuratorium Kulturelles Frankfurt, wo er zahlreiche Veranstaltungen organisierte.

Der dritte Gesprächspartner Kurt Schäfer ist in einem nazikritischen Elternhaus aufgewachsen. Auch er war wie viele seiner Altergenossen in der Hitlerjugend. Seine Eltern sorgten allerdings dafür, dass sein Engagement nicht über einen bestimmten Punkt hinausging. Auf diese Weise bewahrte er sich eine kritische Distanz zum Regime und entwickelte ein feines Gespür dafür, wem er vertrauen konnte und wem nicht. Herr Schäfer erzählte eindrücklich von seinen Kriegserlebnissen und davon, wie sie sich auf sein Leben in der Nachkriegszeit auswirkten. Nach dem Krieg musste der 22jährige zunächst das Abitur nachholen, bevor er zum Studium der Pädagogik zugelassen wurde. Der Nationalsozialismus beschäftigte ihn während seines gesamten Berufslebens und er entwickelte eine Didaktik für den Umgang mit der Zeit der NS-Diktatur im Geschichtsunterricht.

Der Abend wurde moderiert von Wolf von Wolzogen, dem langjährigen Leiter der Bibliothek der Alten. Er hat es geschafft, an diesem Abend drei Herren mit ganz unterschiedlichen Lebensläufen eine Plattform zu schaffen, auf der jeder seine Persönlichkeit entfalten konnte.

Der Erste Weltkrieg im Prunksaal

2014 jährt sich der Beginn des Ersten Weltkrieges zum Hundersten Mal – deswegen wird vielerorts mit Publikationen, Filmen und natürlich mit Ausstellungen daran erinnert.

In Wien gibt die Österreichische Nationabibliothek Einblick in ihre Sammlungen. Schon während des Krieges fing die Vorgängerinstitution an, Plakate, Texte, Feldpost, Fotografien etc.zu sammeln. Aus diesen immensen Fundus ist die Ausstellung An meine Völker. Der Erste Weltkrieg 1914-1918 entstanden.

Die Ausstellung ist im barocken Prunksaal der Nationalbibliothek untergebracht – das heisst, die Besucherin wandelt zwischen alten Büchern, Statuen, Globen und beieindrucklenden Deckengemälden. Die lilafarbenen Ausstellungstafeln sind freilich nicht zu übersehen; sie schlängeln sich an den Längsseiten des Raumes, zumeist flankiert mit von Vitrinen. Die Ausstellung ist klassisch inszeniert; was zählt, ist das ausgebreitete Material. Ausgehend von der Proklamation des Kaisers, geht es um die “große” Geschichte, um Zeugnisse vom Kriegsgeschehen und Sterben, vor allem um den Alltag im Vielvölkerstaat Österreich, im Krieg und zu Hause.  Dies wird sehr facettenreich mit vielen sehr eindrucksvollen Exponaten dargestellt. Zuhause etwa sollen die Frauen alles meistern; hier sollen etwa Maikäfer als Tierfutter gesammelt werden oder Haar, um daraus Treibriemen herstellen zu können… Gerade die Fülle des Materials beeindruckt, denn auch wenn man die Eckdaten schon kennt, wird erst damit einem das gesamte fürchterliche Ausmaß des Krieges erst so richtig gewahr. Also hingehen und viel Zeit zum Lesen einplanen!

Und immer wieder interessant zu beobachten – jenseits aller Thematik: BesucherInnen bleiben doch am allerliebsten vor dem bewegten Bild stehen (der hier gezeigte Film bzw. die Bilder waren in der Tat eindrucksvoll.)

Interessant ist auch die Verlängerung der Ausstellung: es soll dokumentiert werden, was 2014 in Österreich über 1914 im Internet publiziert wird.  Die Seiten kann man dem Web@rchiv Österreich melden. Und digital kann auch in zeitgenössischen österreichischen Tageszeitungen nachgelesen werden, was damals geschah.

Übrigens: auch wir planen eine Schau, die einen ganz besonderen Aspekt des Ersten Weltkrieges in den Focus nimmt: Gefangene Bilder. Wissenschaft und Gefangenschaft im Ersten Weltkrieg – eröffnet wird im September.

 

 

Die Schauspielerin Mathilde Einzig

Unsere Website Frankfurter Frauenzimmer stellt regelmäßig innovative Frauen der Frankfurter Stadtgesellschaft vom 18. bis ins 20. Jahrhundert vor. 100 Jahre nach dem Ausbruch des „ Großen Krieges“ nehmen wir intensiv die Zeit vor dem und während des Ersten Weltkriegs in den Blick. Und erinnern an Frankfurterinnen, die sich hartnäckig trotz wiederholter Niederlagen öffentliche Einflussnahme auf die Verbesserung der Rechte und Lebenschancen erkämpften.

Der Werdegang der Schauspielerin Mathilde Einzig , verh. Brandeis (1886-1963) zeugt von der Emanzipation der Frauen im Schauspiel zu Beginn des 20. Jahrhunderts und verweist zugleich auf Frankfurterinnen, die sich als selbstbewusste Schauspielerinnen feiern lassen, Regie führen und professionelle Lehre erhalten und weitergeben. Die von Dorothee Linnemann bearbeitete Biografie belegt darüber hinaus die Integriertheit jüdischer Bürgerinnen und Bürger Frankfurts in den städtischen Kulturbetrieb seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert bis 1933.

 

historisches museum frankfurt: Mathilde Einzig (1886-1963) gemalt von Karl Friedrich Brust, 1923. © hmf