Digitale Museumspraxis #3 – Take-Home-Messages

Als wir im Sommer 2015 den Förderantrag für die Stelle „Digitale Museumspraxis” schrieben, war klar, dass zur Projektstelle ein guter Teil Forschung, Vernetzung und Austausch gehört. Nachdem ich im letzten Blogpost aus dem internen Vernetzungskästchen berichtet habe (und der Prozess ist ongoing), geht es diesmal um den externen Austausch und die Frage: wie lassen sich die Erfahrungen und Inspirationen, die in locker-leichten Get-Togethers abroad gewonnen werden, wieder in die Institution zurückspielen?

Na klar, bin ich „proud to be a catalyst for creative culture in the world“ – das Poster habe ich gemeinsam mit Booklet, Fotos und Notizen von der letzten Fortbildungsreise mitgebracht. Vom 18. bis 20. April habe ich auf der MuseumNext Konferenz in Dublin über die Zukunft der Museen nachgedacht, diskutiert, getrunken und geträumt. Die englischsprachige Konferenz wurde 2009 wegen des anstehenden digitalen Transformationsprozess ins Leben gerufen und widmet sich seitdem den veränderten Erwartungshaltungen der Besucher/innen: „we saw that museums needed to embrace change, or risk extinction.“, sagt der Gründer Jim Richardson im Interview. Catchy Dino-Analogie, abgesehen davon schwören die Dagewesenen auf die inspirierende Kraft der Veranstaltung. Um dem Vorwurf esoterischer Dienstreiserechtfertigungen direkt vorzubeugen: der Fokus auf digitale Entwicklung war natürlich ausschlaggebend für meine Teilnahme.

Einen Monat später sitze ich hier, habe das Poster an die Wand gehängt, meine Kolleg/innen mit einer Präsentation ganz gut unterhalten und frage mich: was bleibt? Was habe ich gelernt? Und was machen wir im Museum daraus? Hier einige Vorschläge:

  • Für das nächste Konferenzbingo sollten folgende Begriffe unbedingt auf dem Zettel stehen: Millenial, Credibility, Social Change, Audiences, Responsibility, Community, Collaboration, EdgeEffect, Strategy, Mission, Vision, Interactive Experiences
  • Mehr über Menschen nachdenken – z.B. über Zielgruppen (die am liebsten nach Alter oder Herkunft fein ausgesiebt und mit Angeboten bedient werden), Communities (die in komplizierten Workshopzyklen zum Austausch eingeladen werden) und schließlich auch über Museumsmitarbeiter/innen (die als Ressourcen motiviert, mitgenommen oder diversifiziert werden sollten, #bestquote dazu war „Why don’t you open your front door for staff?“)
  • Kreativ werden, wenn es um Finanzierungsmodelle geht: ob Eintrittspreis, Cultural-Entrepreneurship oder Sponsoring durch Firmen, die ihre Corporate-Social-Responsibility wahrnehmen möchten, die Geldnot ist ein Thema das Museen umtreibt.
  • Never forget the Power of Pizza! Mögliche Kooperationspartner und Leidensgenossen finden sich am einfachsten im sozialen Miteinander, das bei MuseumNext seinen Höhepunkt im Science-Gallery-Get-Together fand: zwischen Jelly-Fish-Tasting, Geburtstags-Twin-Suche, Ping Pong und Failure-Pecha-Kucha war es wirklich unmöglich keine Kontakte zu knüpfen.
  • Neben neuen und alten Kontakten, habe ich auch Formate mitgebracht, die zum Nachmachen einladen: z.B. Museomix, Kids-Takeoverday und Blikopeners.
  • Egal, ob sich das Museum als politischer Akteur, als kreativer Katalyst, als kulturelle Identitätsmaschine oder emotionaler Auraort versteht – das Branding und das CD sind die halbe Miete zur internen und externen Kommunikation. Den Preis für die schönsten Folien hat diesmal mit Sicherheit das Natural History Museum London bekommen.
  • Und schließlich, der Digital-Diskurs ist erst mal gesättigt: digital wurde in ein paar wenigen Nebensätzen erwähnt, als Werkzeug, Vermittlungshilfe, evtl. auch als neue Objektgattung, aber viel Raum hat das Digitale in Dublin nicht bekommen. Die einzigen, die wirklich nicht aufhören konnten davon zu sprechen, waren die Firmenvertreter/innen, die vor allem „Interactive Experiences“ im Angebot hatten.

Viele Beiträge gibt es auch online zum Nachschauen. Um zum Abschluss die Antwort auf die gestellte Frage nicht ganz schuldig zu bleiben: je mehr Kolleg/innen von den Ideen erfahren, um so besser. Am besten funktioniert das natürlich, wenn man schon gemeinsam an der Veranstaltung teilnehmen kann. Da das aber besonders bei internationalen Konferenzen eine erhebliche finanzielle und zeitliche Belastung bedeuten würde, gilt es in der Nachbereitung die Ideen in handliche „Take-Home-Messages“ zu packen, zu visualisieren und im Gespräch am Leben zu halten. Check, fertig, Feierabend? Nein, nein, natürlich wird das Gespräch am Montag wieder aufgenommen, diesmal bei der MAI-Tagung in Hamburg…

Die Fahne oben halten_hmf2016Was sind eigentlich Millenials_hmf2016Die schönsten Folien_hmf2016Was wissen wir eigentlich ueber unsere Besucher_hmf2016proud to be a catalyst for creative culture_hmf2016

Erna Wilhelmine Pinner (1890-1987) – Künstlerin, Naturwissenschaftlerin und Weltreisende

Die Künstlerin Erna Pinner war eine äußerst vielseitige Persönlichkeit. Dank ihrer kreativen künstlerischen Art sowie ihrer lebendigen, kritischen Persönlichkeit wurde sie rasch über ihre Heimatstadt hinaus bekannt. Mit ihrem Lebensgefährten bereiste sie ab Mitte der 1920erJahre Südeuropa und Nordafrika, Südamerika und Afrika. Ihre Reiseerfahrungen verarbeitete sie in zahlreichen Publikationen.

Als ihre künstlerische Arbeit immer stärker werdenden Einschränkungen durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten unterlag, entschied sich Erna Pinner 1935 für die Emigration nach England. Hier gelang es ihr, sich eine neue Karriere als Wissenschaftlerin und Buchillustratorin aufzubauen. Ihrem Lebensweg gilt ein neuer Artikel bei den Frankfurter Frauenzimmer.

historisches museum frankfurt: Erna Pinner, um 1925

Internationaler Museumstag 2016 – #paintmuseum #imt16

Bald ist es wieder soweit: Der Internationale Museumstag 2016 findet am 22. Mai auch im Historischen Museum Frankfurt statt!

Wie auch schon letztes Jahr, können alle Twitterati, Blogger und Instagrammer… am 22. Mai bei Vorzeigen ihres Smartphones oder Internetfähigen Tablets kostenlos das Museum besuchen. Mit den Hashtags #IMT16, @histmus und für dieses Jahr auch #PaintMuseum sind wir alle miteinander vernetzt.

#PaintMuseum ist dieses Jahr das digitale Motto des Museumtages. Jede/r kann und soll unter diesem Motto das Lieblingsobjekt, das Museum und die Menschen im Museum zu malen. Ob mit dem Finger auf dem Touch-Screen des Smartphones oder mit einem Bleistift auf einem Blatt Papier spielt dabei keine Rolle. Unter #PaintMuseum können die entstandenen Werke mit der Welt geteilt werden. Bei den Kulturkonsorten kann man das auch noch einmal nachlesen und sich ein hübsches Youtube-Video ansehen. Vorab gibt es am 19. Mai einen Live-Chat ab 17 Uhr. Für die digitalen Zeichner gibt es hier ein paar Vorschläge für Zeichen-Apps.

Übrigens: Alle Fans des Analogen bekommen bei uns an der Kasse einen Block und Bleistift, um sich austoben zu können.

Bei der Führung durch den Rententurm von ganz oben den Blick auf den Main zu Papier bringen? Oder sich doch lieber im Miniaturenkabinett der Morgensterns oder der Sammlung Prehn inspirieren lassen? Wir freuen uns auf den zahlreichen Besuch von allen Kreativen, Künstlern und solche, die es werden wollen und bitte alle, die kreativen Ergebnisse mit uns zu teilen.

Die Ökonomie und ihre Grenzen –

Schulterblick in die Werkstatt des Holzrestaurators

Das Historische Museum ohne das Gontardsche Puppenhaus – das ist ebenso undenkbar wie das Städel ohne Tischbeins Gemälde „Goethe in der Campagna“. So war es eine schöne Geste, dass Christoph Wenzel bei seinem „Schulterblick“ in die Werkstatt des Holzrestaurators für die Freunde und Förderer seine Arbeit am Beispiel des berühmten Puppenhauses aus dem 18. Jahrhundert vorstellte. Ursprünglich spielten damit wahrscheinlich die Mädchen der Bankiersfamilie Gontard; 1879 wurde es von deren Nachkommen dem Historischen Museum geschenkt. Im Rahmen der Vorbereitung der Dauerausstellung im Neubau des Museums zeigte Christoph Wenzel einige der unzähligen Einrichtungsgegenstände, die derzeit gut verpackt im Depot liegen und auf ihre Vollständigkeit und ihren Zustand überprüft werden. Allein diese Auswahl an Einzelteilen, ein Kaminsims aus dem Salon des Puppenhauses, eine Kommode mit Elfenbeinintarsien sowie Silbergegenstände zeigen, dass ein Holzrestaurator auch über Kenntnisse von anderen Werkstoffen verfügen oder sich darüber mit seinen jeweiligen Fachkollegen austauschen muss. So gibt es in der geräumigen Holzwerkstatt neben einer – selten benutzten – Hobelbank und Schraubzwingen von beeindruckender Größe auch eine UV-Leuchte, um Lacke zu bestimmen.
historisches museum frankfurt: Das Gontardsche Puppenhaus
Das Gontardsche Puppenhaus wird in der künftigen Dauerausstellung des Museums einen Platz im Bereich „Geschichten vom Geld“ einnehmen und das Grundprinzip der Ökonomie repräsentieren, das auch für einen Haushalt gilt. Dass dieses Prinzip des effizienten Einsatzes von Material und Zeit für einen Museumsrestaurator nicht immer einzuhalten ist, zeigte Christoph Wenzel am Beispiel der Reparatur eines Barockstuhls. An diesem Stuhl, der zur Sammlung des Museums gehört, aber gegenwärtig im Römer denjenigen Besuchern der Stadt als Sitzgelegenheit dient, die sich ins Goldenen Buch eintragen dürfen, musste eines der gedrechselten Beine repariert werden.

„Ein normaler Schreiner hätte in das defekte Stuhlbein mit zwei Dübeln ein neues Holzstück eingesetzt und durch eine neue Lackierung die Reparatur nahezu unsichtbar gemacht. Das wäre für den Kunden preisgünstig gewesen,“ erläuterte der Museumsrestaurator das Vorgehen, das für ihn nicht in Frage kommt. Nach seinem Berufsethos steht das Bewahren des Museumsstücks in seinen originalen Teilen und in der originalen Verarbeitung mit der Folge eines in der Regel größeren Zeitaufwands im Vordergrund. Vielleicht sollte das Protokoll des Römers künftig ein kleines Schild neben das Goldene Buch stellen: „Bitte nicht mit dem Stuhl kippeln“……

 

historisches museum frankfurt: freunde und foerderer in der Holzrestaurierung, Foto: E. Neubronner

Ludwig Börne und der bildgewordene Freiheitskampf

Zeugnisse eines künstlerischen Austauschs zwischen Deutschland und Frankreich aus den 1830er Jahren sind ziemlich selten. Überspannte deutsche Nationalromantiker hatten Frankreich nach den Befreiungskriegen zum „Erbfeind“ erklärt und damit den intellektuellen Dialog zwischen den beiden Nationen nachhaltig erschwert. Dass hinter einem der eindrucksvollsten und sprechendsten Börne-Porträts in der Sammlung des hmf der große französische Bildhauer David d’Angers steht, ist daher zunächst überraschend. Wie kam es zur Entstehung dieses bronzenen Medaillons aus dem Jahr 1836?

historisches museum frankfurt: Ludwig-Börne-Plakette von 1836

Frankreich hatte im Leben Ludwig Börnes früh eine wichtige Rolle gespielt, denn Napoleon und seine Truppen hatten dem 25-jährigen Frankfurter Juden im Jahr 1811 nicht nur die lang ersehnten Bürgerrechte gebracht, sondern ihm auch eine Verwaltungskarriere als Polizeiaktuar in seiner Heimatstadt eröffnet. Ludwig Börne hieß damals noch Löw Baruch und hatte gerade sein Studium der Kameralwissenschaften hinter sich gebracht. Kaum drei Jahre später, 1814 also, waren seine Bürgerrechte und seine Karriere aber schon wieder dahin, denn mit dem Ende der französischen Besatzung war auch das Ende des liberalen Klimas in der Freien Stadt Frankfurt gekommen.

Für den jungen „Louis“ Baruch war diese Erniedrigung ein Erweckungserlebnis und der Ausgangspunkt seines journalistischen Kampfes für Freiheit und Bürgerrechte in Deutschland. Er legte Namen und Konfession ab und geißelte fortan als Ludwig Börne in politischen Glossen und provokanten Theaterkritiken die politisch-kulturelle Trägheit in den Staaten des Deutschen Bundes. Die reaktionären Regierungen, die die Bildung einer unabhängigen öffentlichen Meinung um jeden Preis verhindern wollten, sahen das mit Entsetzen und trieben Börne durch Schikane und Repression bald nach Paris. Hier, im „Mekka der gläubigen Liberalen“ (Heinrich Laube) lebte Börne seit den 1820er Jahren zunächst meist in den Sommermonaten. Erschöpft von den ewigen Auseinandersetzungen mit den Hochverrat-schnüffelnden Polizisten und Zensoren nahm er nach dem Ausbruch der Julirevolution 1830 endgültig seinen Wohnsitz in einer kleinen Wohnung unweit des Boulevard des Italiens.

In Paris bewegte Börne sich viel in den Kreisen der emigrierten polnischen Freiheitskämpfer und in den politischen Salons der Linken. Hier kam es wahrscheinlich zu der ersten Begegnung mit David d’Angers, der in den Zirkeln der revolutionären High Society stets nach neuen Modellen für seine „Galerie des contemporains“ suchte. Sein Projekt einer enzyklopädischen Porträt-Sammlung hatte der französische Bildhauer im Jahr 1827 begonnen und als ein Pantheon der Heroen des Fortschritts und der Freiheit angelegt. Bis zum Jahr 1854 verfertigte er über 500 Bildnis-Medaillons von Schriftstellerinnen, Künstlern, Historikern und Naturwissenschaftlern, insbesondere aber von politischen Autoren und Oppositionellen aus ganz Europa. Der durch die „Briefe aus Paris“ (1832) berühmt gewordene deutsche Schriftsteller und Dissident passte perfekt in das Portfolio progressiver Zeitgenossen.

Doch Börne war für David d’Angers nicht nur eine weitere Trophäe in seiner Sammlung. Die beiden verband eine gemeinsame liberale und republikanische Überzeugung. Der Franzose hatte sich während der Revolutionstage im Juli 1830 aktiv am Barrikadenkampf beteiligt und war während seiner Studienzeit ein Mitglied der Carbonari gewesen, des bedeutendsten Geheimbundes in den italienischen Staaten mit ihrem Ziel der nationalen Einheit und Unabhängigkeit Italiens. Börne und David d’Angers verfolgten mit unterschiedlichen Mitteln ganz ähnliche, kosmopolitische Ziele und traten im Sinne ihrer freiheitlichen Ideen für einen Austausch zwischen den Nationen Europas ein. Während der Frankfurter Autor diesen Austausch über die journalistische Etablierung einer deutsch-französischen Öffentlichkeit vorantrieb, verfolgte David d’Angers mit seiner „Galerie des contemporains“ auf der künstlerischen Ebene das Ziel einer Vernetzung der großen Geister Europas über alle Nationalgrenzen hinweg.

Sein idealisiertes Porträt von Ludwig Börne ist daher nicht nur ein ungewöhnliches und seltenes Zeugnis eines deutsch-französischen Kulturaustauschs, es ist zugleich als bildgewordenes Manifest des europäischen Freiheitskampfes in den Jahrzehnten vor der Märzrevolution zu verstehen.

Wer mehr über das David d’Angers Börne-Medaillon erfahren möchte, muss sich noch ein wenig gedulden: Im September 2017 wird es als Bestandteil der Galerie „100 x Frankfurt“ in der neuen Dauerausstellung „Frankfurt Einst?“ zu sehen sein.

Zu Besuch bei Freunden: Führung durch das Museum Judengasse

Letzte Woche haben wir zusammen mit Kolleg/innen aus dem Archäologischen Museum das am 20. März neu eröffnete Museum Judengasse besucht und eine VIP-Führung von Sabine Kößling bekommen. Sie hat als Kuratorin an der Neukonzeption maßgeblich mitgewirkt und führte uns durch die gelungene, sehr informative und kurzweilige Ausstellung. Auch konnten wir einige Stücke aus der eigenen Museumssammlung bewundern, die sich in der Ausstellung viel besser als im Depot machen.

Auch wenn unsere Planungen für die Dauerausstellung bereits abgeschlossen sind und wir im Moment an der Ausführung feilen, ist es doch immer wieder spannend zu sehen, wie die Kolleg/innen aus anderen Häusern Geschichte(n) erzählen.  Zum Beispiel auch mit Hilfe einer App, die man sich für einen Individual-Besuch herunterladen kann, wenn mal keine nette Kollegin zur Hand ist, die einem die Ausstellung zeigt.

Die Kinderstationen nahmen wir ebenfalls ganz genau unter die Lupe und wir können sagen, dass auch Erwachsene daran durchaus ihren Spaß haben.

Für alle war klar: Ein Wiederkommen ist Pflicht! Und dann auch mit der entsprechenden App im Gepäck.

Objekte und ihre Erzählungen: Multiperspektivität im Museum

Wir nutzen die von Axel Kopp angestossene Blogparade #KulturImWandel um über ein aktuelles Projekt zu berichten.

Sammlung divers. Neu-Sichtung historischer Objekte“ ist ein Kooperationsprojekt zwischen dem historischen museum frankfurt, dem Verein academic experience Worldwide e.V. und der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ des Forschungszentrums historische Geisteswissenschaften der Goethe Universität Frankfurt. Ermöglicht und gefördert wird dieses Projekt durch eXperimente – eine Kulturinitiative der Aventis Foundation.

Wie lassen sich im Museum vielfältige Perspektiven auf Sammlungsobjekte darstellen und in die museale Narrative integrieren?

Fragestellungen nach kultureller Diversität sind derzeit im deutschen Museumsdiskurs von zentraler Bedeutung. Immer mehr Ausstellungshäuser wollen sich öffnen und kulturelle Teilhabe ermöglichen. Dabei wird auch die partizipative Auseinandersetzung mit den Sammlungsobjekten immer wichtiger.

Objekte sind allgegenwärtig und viele von ihnen sind alltägliche Gebrauchsgegenstände. Im musealen Kontext transportierten sie vor allem die Geschichte der technologischen Entwicklungen und der politischen Kohärenzen verschiedener Epochen. Museumsobjekte sind jedoch nicht nur gesellschaftliche Artefakte, sondern auch persönliche und kulturelle Zeugnisse. Neben Informationen zu ihre Herstellungsverfahren und diversen Verwendungsmöglichkeiten, gewähren sie auch Einblicke auf ihren ideellen oder kulturellen Wert für Einzelpersonen und Gemeinschaften. Aus einem Objekt können also je nach Perspektive des/der Betrachtenden verschiedenen Geschichten erzählt werden.

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historisches museum frankfurt: Der Schöner-Globus, Foto: P. Wenzel

Diesen multiperspektivischen Geschichten ist das Blockseminar „Sammlung divers. Neu-Sichtung historischer Objekte“ der historischen Geisteswissenschaften auf der Spur. Das Seminar ist auch ein Versuch, verschiedene Autor/innen zu Wort kommen zu lassen, um so dem kulturellen Wandel im Kontext eines Geschichtsmuseums Raum zu geben.

Untersuchungsgegenstand sind eine Reihe von Objekten aus der der aktuellen Dauerausstellung Sammler und Stifter sowie Objekte, die in der zukünftigen Dauerausstellung Frankfurt Einst?  zu sehen sein werden. Im Mittelpunkt der Neu-Sichtung stehen subjektive Perspektiven, die sich den einzelnen Projektteilnehmer/innen bei der Objektbefragung erschließen. Was erzählt beispielsweise eine Deutsch-Ostafrikanische Münze von 1916 einem äthiopischen Ökonomen, oder ein Belagerungsplan der Stadt Frankfurt von 1554 einer kolumbianischen Journalistin und Studierenden der Kunstgeschichte?

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historisches museum frankfurt: Münzen

Mit vielfältigen Fragenstellungen nähert sich die Seminargruppe den historischen Objekten, mit dem Ziel alternative Narrative zu den Objekten zu entwickeln. Diese werden dann ab 2017 im neuen Ausstellungshaus des hmf in Form eines Multimedia Guides für jede/n Besucher/in erfahrbar sein. In den kommenden Monaten soll im Projektseminar je nach Themenvorliebe und Objektwahl, in bilingualen Tandems zusammengearbeitet werden. Die Multiperspektivität der Neu-Sichtung ergibt sich dann aufgrund der Interdisziplinarität und Transkulturalität der Seminargruppe selbst und ist eine Stärke des Projekts. Hier treffen die verschiedensten beruflichen Professionen und kulturellen Hintergründen aufeinander. Die Seminargruppe besteht aus Studierenden des historischen Seminars sowie Akademiker/innen verschiedener Disziplinen mit einem Fluchthintergrund, die Teil des Netzwerks academic experience Wordlwide sind. Gemeinsam entwickeln sie neue Geschichten zu den Objekten und lassen hierbei ihre individuellen Expertisen und persönliche oder auch kollektive Erinnerungen einfließen.

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historisches museum frankfurt: Projekt-teilnehmer, Foto: P. Henning

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historisches museum frankfurt: Mindmap, Foto:  V. Hierholzer

Ein wichtiger Aspekt im Projekt ist die Zusammenarbeit auf Augenhöhe und die fachliche Wertschätzung aller Projektbeteiligten. Das gelingt insbesondere durch die starke Zusammenarbeit mit  academic experience Worldwide e.V. und der Studiengruppe „sammeln, ordnen, darstellen“ des Forschungszentrums historische Geisteswissenschaften. Von Museumsseite wird das Ergebnis des Projekts nicht nur ideell honoriert, indem die Geschichten der Projektgruppe als Teil des zukünftigen Multimedia Guides in die offizielle Museumsnarrative einfließen. Alle Teilnehmer/innen mit Fluchthintergrund erhalten dazu noch eine Aufwandentschädigung für ihre Mitarbeit.

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historisches museum frankfurt: Arbeitsgruppen, Foto: hmf, P. Henning

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historisches museum frankfurt: Präsentation der Mindmaps, Foto: P. Henning

Das hmf geht mit diesem Kooperationsprojekt einen Schritt weiter in die Richtung der eigenen kulturellen Öffnung, indem neben der kuratorischen auch diverse andere Narrative auf die Stadtgeschichte präsentiert und somit anerkannt werden. Des Weiteren nimmt das Museum auch die Verantwortung für die kolonialen Hintergründe einiger Objekte ernst und unterzieht diese Mithilfe  von Menschen, die das Erbe der Kolonialzeit aus dem eigenen kulturellen Kontext kennen, einer Revision. Statt kultureller Assimilation wird hier kulturelle Teilhabe verfolgt und Mut zur Selbstreflexion gezeigt.

 

 

Digitale Museumspraxis #2 – We Need To Talk!

Vor drei Wochen haben wir die digitale Museumspraxis verkündet und wie versprochen, kommt hier das erste Update aus dem Arbeitsalltag. Wie geht man vor, um die gesetzten Ziele zu erreichen? Was ist passiert seit der Pressekonferenz?

Am Anfang war das Wort, naja, zumindest habe ich damit angefangen. Zur Vernetzung und Bündelung habe ich begonnen mit allen Kollegen und Kolleginnen, die in digitalen Projekten stecken, zu reden. Meine Erkenntnis (so far) ist: Das Museum hat diverse digitale Baustellen, die regelmäßig mehr voneinander erfahren und miteinander abgestimmt werden sollten (Strategie, Strategie). Ich rufe hiermit zu einem „Jour Fixe Digital“ auf und ahne jetzt schon, dass mir die anderen alles mögliche an den Hals wünschen werden, wenn ich ihnen noch einen festen Termin in den Kalender presse, eineinhalb Jahre bevor das neue Museum eröffnet werden soll. Es gibt zwei Alternativen dazu: Das Digitale stärker in den schon existierende Runden abfragen und/oder die Infos einzeln in den Arbeitsgruppen einholen und in schönen Blogposts zusammenfassen (ganz nebenbei kann so auch festgestellt werden, wer aus dem Museum den Blog überhaupt liest, haha).

Hier also exklusiv „Interna“ aus den digitalen Arbeitsgruppen:

  • Juhu, die Sammlung Prehn ist online! Es handelt sich um einen Bestandskatalog, der für die Forschungscommunity online zu Verfügung steht und gemeinsam weiter bearbeitet werden kann. Dazu gibt es Kommentarfelder, die aber bislang noch ziemlich unberührt bleiben. Der Sammlungsleiter Herr Cilleßen sagt: „Wir wollen mehr über unsere Objekte erfahren!“ Wenn das keine Einladung zur Partizipation ist… Darauf müssen zuallererst wir selbst reagieren und die fehlenden Sammlungsbestände nachtragen, andererseits sollen alle Interessierten an der Erschließung der Universalsammlung teilhaben (Zaunpfahl an der Stelle: um breite Weiterleitung und Verlinkung an alle interessierten Spezialisten wird gebeten!).
  • Wir kämpfen weiterhin mit der alten Website, die wie ein lange gewachsener Stollen, immer wieder tief vergrabene Fundstücke ans Licht bringt (was, wir wollten 2015 das neue Museum eröffnen?). Aber wir sind dran! Gemeinsam mit den Medienplanern, der Öffentlichkeitsarbeit und Kolleg/innen aus den einzelnen Bereichen entwickeln wir eine neue Struktur und basteln am Content-Management-System (wir dürfen uns nach der cms-Schulung letzte Woche stolz  „Architekten“ nennen), um im Herbst dann mit einer neuen Website online zu gehen… dazu dürfte es in naher Zukunft noch weitere Updates aus der Test-User-Umgebung geben.
  • Um uns besser um unsere digitalen Freundeskreise zu kümmern, haben wir einen „Social Media Weekly“ eingerichtet. Die wichtigste Regel: wir setzen uns nicht hin! Alle Betreuerinnen von Facebook, Twitter, Instagram und dem Blog stehen dann um eine kleine Theke im Großraumbüro und tauschen sich max. 15 Minuten zu den anstehenden Themen, Verknüpfungen und Aktionen der Woche aus. Die ersten fruchtbaren Ergebnisse des Austauschs konnten bei der #Museumweek und der Aktion zur Pop-Up-Ausstellung realisiert werden.

Kleine Erkenntnis zum Abschluss: geregeltes Vokabular ist in interdisziplinären Projekten unabdinglich! In vielen Projekten, die hier noch gar keine Erwähnung fanden (z.B. die OnlineSammlung und der Multimediaguide) sind wir noch in der Konzeptphase bzw. der ersten Umsetzung und stellen mehr und mehr fest, bevor wir miteinander sprechen können, müssen wir uns verstehen!

Bildersammlung Prehn ist online_hmf_2016

historisches museum frankfurt: Die Bildersammlung Prehn ist online!

im cms sind alle glücklich_hmf_2016

historisches museum frankfurt: Wir bauen eine neue Website.

Auf allen Kanälen ballern_hmf_2016

historisches museum frankfurt: Social Media?

Sommertour 2016 – mein Frankfurt-Modell & Stadtlabor unterwegs

 

Sommertour oder Stadtlabor unterwegs oder mein Frankfurt-Modell ein zweites Mal on Tour? Warum nicht eine Kombination für den Sommer 2016 wagen!

Das historische museum frankfurt wird zum Stadtmuseum im 21. Jahrhundert. Ab 2017 zieht die Gegenwart im Museum ein: Die neue Dauerausstellung Frankfurt Jetzt! bringt aktuelle Perspektiven auf Frankfurt ins Museum und fragt nach dem Expertenwissen seiner 700.000 Einwohnerinnen und Einwohner. Am besten können Frankfurts Geschichten, Nachbarschaften und Merkwürdigkeiten von ihren Bewohner/innen selbst erzählt werden. Dafür ist es wichtig aus dem Museum in den Stadtraum zu gehen, Expertenwissen vor Ort aufzuspüren und die digitale Frankfurt Jetzt! Sammlung anzustoßen.

Ergebnisse der Frankfurt-Modell Sommertour 2015 – eine Pop-Up-Ausstellung

Auf der Sommertour 2015 wurde Material und Wissen für den Modellbau gesammelt und alle 42 Stadtteile besucht. Die Ergebnisse sind vom 8.-10.April im Museum in einer kleinen Pop-Up-Ausstellung zu sehen. Ein Wochenende lang sind im Leopold-Sonnemann-Saal die Ergebnisse der partizipativen Stadtteilerforschung ausgestellt. 1.333 Fragebögen, 28 Stadtteilkarten mit 1.166 markierten Orten und 11 gebastelte Mental Maps haben wir im Sommer gesammelt. Die Pop-Up-Ausstellung fasst die vielfältigen Quellen zusammen und gibt einen Einblick in das gefühlte Frankfurt: Was sind die Lieblingsorte der Frankfurter/innen? Wie wurden die unterschiedlichen Stadtteile beschrieben? Und welche Themen sind für ganz Frankfurt relevant? Alle Besucher/innen haben in der Ausstellung auch die Möglichkeit ihren wichtigsten Frankfurter Ort mit einem mitgebrachten Objekt zu markieren. Wir sammeln bis Sonntag um 15 Uhr, dann wird das gemeinsam gebaute Frankfurt-Modell fotografiert und Sie können Ihr Objekt wieder mitnehmen oder dem Modellbauer überlassen. Den Abschluss des gesamten Projekts möchten wir am Sonntag, den 10. April ab 15 Uhr mit Kaffee und Kuchen feiern.

Wie geht das Projekt im Sommer 2016 weiter?

Mit Aktionen im Stadtraum, bei denen Beiträge für die interaktive Internetplattform gesammelt und stadtteilübergreifende Perspektiven und Fragen zu Frankfurt diskutiert werden. Sie bilden den Anfang einer ständig wachsenden Frankfurt Jetzt!-Sammlung. Dabei werden Beiträge für die digitale Plattform für mein Frankfurt-Modell gesammelt, genauso wie Methoden zur Stadterkundung, die weitere Zugänge zu Frankfurt ermöglichen, um das Wissen über die Stadt stetig zu erweitern. Das Ziel ist es, die Stadt aus vielen unterschiedlichen Perspektiven erfahrbar zu machen und zu zeigen: Frankfurt ist viele Städte!

Der erste „Call for Participation“ ist vorbei. Hier fragten wir nach künstlerischen Forschungen, die sich mit der Stadt Frankfurt auseinandersetzten. 30 Bewerbungen sind eingegangen und wir freuen uns diese vielen spannenden Projekte zu sichten und einige auszuwählen, die im Sommer zu sehen sein werden. Neben den künstlerischen Forschungen zur Stadt wird es alternative Stadtspaziergänge, eine Lesung, zwei Workshops und eine Stadtlabor-Frage zum Thema Wohnen geben. Und dazu folgt auch gleich der nächste „Call“ zum mit machen. Am 12. Mai um 18.00 Uhr laden wir ins Museum ein und fragen: Wer wohnt wie in Frankfurt? Ob in Wohngemeinschaft, Loft, Seniorenheim, Altbau, Neubau, Hochhaus, Bauwagen, besetztem Haus, saniertem Haus, Eigenheim oder auch ohne Haus. Sie als Einwohner/innen sind die Experten für die Stadt! Wir laden Sie deshalb herzlich ein, Ihre Erfahrungen, gegenwärtigen Wohnsituationen und Geschichten mit uns zuteilen und einen Beitrag für unsere Sommertour 2016 zu gestalten.

 

 

So geht Ehrenamt – Das Dienstags-Team der Bibliothek der Alten

Jeden Dienstagnachmittag können Besucher/innen der Bibliothek der Alten zwischen 14 und 17 Uhr unter Aufsicht Einblick in die in den Regalen untergebrachten Kassetten nehmen. Während in manchen Museen das Aufsichtspersonal vorrangig darauf achtet, dass die Besucher nicht zu dicht an die Exponate treten und dadurch die Alarmanlage auslösen, ist das „Dienstags-Team“ durchaus in der Lage, umfassende Auskünfte über die Ausstellungsstücke zu geben: Es sind nämlich die Autorinnen und Autoren der Bibliothek, die für Fragen der Besucher zur Verfügung stehen. Dieses ehrenamtliche Engagement war zugleich der Anlass, dass an dem jüngsten Treffen des Dienstags-Teams Sofie Decker, Studentin der Kulturanthropologie an der Uni Basel, teilnahm. Sie hat sich das Thema „Partizipative Projekte am Historischen Museum Frankfurt“ für ihre Masterarbeit gewählt.

Der soziologische Begriff der Partizipation umfasst die Einbeziehung, die Beteiligung und die Mitsprache bei Entscheidungs- und Willensbildungsprozessen. Tatsächlich geht das Engagement des Dienstags-Teams über die Aufsicht an den Öffnungstagen des Museums hinaus. Die Ehrenamtlichen beteiligen sich auch an der Erschließung der Medien, sie unterstützen diejenigen Autorinnen und Autoren, die ihre Beiträge noch nicht abgegeben haben, sie wirken aktiv bei Veranstaltungen mit und sie helfen bei der Vorbereitung von Ausstellungen. Konsequenterweise fragt die Kuratorin Angela Jannelli bei den Zusammenkünften des Dienstags-Teams nach Erfahrungen während der Öffnungszeiten und bittet um Vorschläge, wie die Bibliothek noch attraktiver für das Publikum präsentiert werden kann. Insoweit gehört das hmf zu den Institutionen, für die sich das Engagement doppelt auszahlt: Für das Museum durch die geleistete Arbeit und für die Ehrenamtlichen durch die dadurch gewonnene Anerkennung.

 

Arbeitstreffen des Dienstagsteams, Foto: hmf, Melanie Hartlaub