Volo ade – Scheiden tut weh!

Es ist eigentlich kaum zu glauben, dass schon wieder zwei Jahre vergangen sind! Gestern haben wir Franziska Mucha und Arno Helwig mit einem kleinen Fest im großen Büro verabschiedet. Dabei haben wir sie doch gerade vor gefühlt acht Monaten begrüßt??? Über die Mittagszeit war das Großraumbüro von vielen hmf-Mitarbeiter/innen bevölkert, die alle Franziska und Arno Lebewohl sagen wollten.

Unsere beiden Volontär/innen begrüßten uns mit einem Glas Sekt, denn es gab ja auch was zu feiern: Zwei Jahre Aktivität, viele angeschobene, vorangebrochte und abgeschlossene Projekte, in erster Linie für die neue Dauerausstellung Frankfurt Jetzt! und Frankfurt Einst?, aber auch jede Menge größere und kleinere Projekte in allen Bereichen des Museums. Unser Direktor, Jan Gerchow, würdigte in seiner Rede die Leistungen, das Engagement und den Ideenreichtum der beiden.

In guter alter Tradition gab es dann noch ein Abschiedsgeschenk vom gesamten Team. Arno erhielt eine Ausstellung im Kasten: „Frankfurt A-Z“, damit er uns auch an seinem neuen Wohnort Berlin nicht vergisst. Franziska bekam – passend zu Ihrem Mein-Frankfurt-Projekt für Frankfurt Jetzt! – eine Stadtkarte, auf der alle ihre Lieblingsorte verzeichnet hatten.

Danch gab’s noch einen Mittagsimbiss. Ach, wir werden Euch vermissen – nicht nur wegen Eurer Kochkünste!
Farewell! Arrivederci! Au revoir! Aufwiedersehen!
Alles Gute für die Zukunft!

Baustellenbegehung

Die Fassade an unserem Museumsbau wächst und wächst, das Kleid aus rotem Mainsandstein umschließt den Bau bald vollständig. Auch der technische Innenausbau ist schon ziemlich weit gediehen.
Die Fenster sind bereits alle eingesetzt, das Foto zeigt ein oberes Geschoss des Eingangsgebäudes. Die Verkabelung ist im 2. Obergeschoss angekommen. In den zukünftigen Ausstellungsräumen für „Frankfurt Einst?“ liegt inzwischen der Fußboden und die endgültigen Treppenstufen werden zur Zeit gesetzt.
Das erste Objekt ist schon im Ausstellungshaus. Es ist Karl der Große in Sandstein, hier ist der Bericht dazu zu finden. Er ist mit einer Holzkiste geschützt und musste eingebracht werden, bevor der Fußboden gelegt wird. Es ist auch eine kreisrunde Aussparung auf einem der Fotos zu sehen. Das ist der spätere Ausstellungsbereich, in dem nachher eine Drehbühne für  die Galerie „Kaisermacher“ stehen wird. Das Dachgeschoss für „Frankfurt Jetzt!“ ist nach wie vor immer wieder einen Besuch wert, vor allem wegen der Blicke in den Raum und das offene Dach. Noch kann man von einen späteren Technikraum, in den großen Doppelgiebelraum blicken. Das wird später leider nicht mehr möglich sein.

Im Außenbereich hinter dem Saalhof schreiten die Arbeiten auch voran; dort waren noch einmal archäologische Funde zu Tage getreten. Nachdem nun alles dokumentiert ist und geklärt wurde wie man damit verfährt (wieder zudecken und erhalten) steht dem Baufortschritt nichts mehr im Weg.

Merian 3D Werkstattbesuch #7

Nun ist Frankfurt, wie es Mattäus Merian d.Ä 1628 in Kupfer gestochen hat, so gut wie vollendet. Klaus Grapow aus Dreieich ist seit 2012 unermüdlich dabei nach besagtem Merianplan die Stadt plastisch – in 3 D – für unser Museum nachzubauen.

Am 28. Juli statteten wir der Merian 3D-Werkstatt wieder einen Besuch ab und waren aufs Neue tief beeindruckt: Die kleine Welt ist sehr faszinierend, vor allem die liebevoll gestalteten Details machen das Modell so bezaubernd. Aber auch die viele Arbeit und die Hingabe an diese Bauleistung über so lange Zeit ist kolossal.

Die Grundplatte ist schon farbig gespritzt, die Brücke ist errichtet, Bäume gibt es hier und da schon,   jetzt fehlen nur noch Details. Die folgenden Fotos zeigen die Stadt aufgebaut, aber auch die abgeräumte Grundplatte mit den Markierungen für die einzelnen Häuserblöcke.

Die Handpuppen von Liesel Simon sind zurück in Frankfurt!

historisches museum frankfurt: die Handpuppen von Liesel Simon

Immer wieder werden dem historischen museum Objekte angetragen. Doch nur wenige Objekte haben solch eine Geschichte wie die 13  Handpuppen von Liesel Simon, die nun wieder nach Frankfurt zurückgekehrt sind. Sie stehen nicht nur für eine ganz persönliche Geschichte, sondern für ein kollektives Schicksal vieler Menschen zur Zeit des Nationalsozialismus und der Shoah.

Doch von Anfang an: Anfang des Jahres bekam ich eine Email aus Ecuador, in der Jacqueline Simon dem Museum Handpuppen von ihrer Großmutter aus den 1920er Jahren anbot. Über die Vermittlung der Frankfurter Historikerin Hannah Eckhardt hatte sich die Enkelin von Liesel Simon an uns gewandt, um für die Erbstücke, die 1941 mit der Handpuppenspielerin ins Exil nach Ecuador kamen, den richtigen Ort zu finden. Hannah Eckhardt forscht seit einigen Jahren schon über Liesel Simon und hat im Frankfurter Personenlexikon einen Eintrag zu ihr verfasst.

Davon ausgehend und mit einigen knappen eigenen Recherchen wollte ich zunächst wissen, wer Karoline Liesel Simon geborene Goldschmidt eigentlich war. Sie stammte aus Neumarkt in der Oberpfalz aus einer kinderreichen jüdischen Familie, die die 1884 gegründete Velocipedfabrik Goldschmidt & Pirzer“ gehörte und die später unter den Namen Express-Fahrradwerke-AG bis 1959 Räder und Motorräder produzierte und ein Vorreiter auf diesem Gebiet war. Liesel konnte als Tochter des Fabrikbesitzers Joseph Goldschmidt (er starb 1896), ein behütetes bürgerliches Leben führen: anscheinend ging sie bei katholischen Nonnen in die Schule. Wichtige Fragen sind noch nicht geklärt: Wann zog sie nach Frankfurt? Wo lernte sie ihren Mann kennen?  Wann begann sie mit dem Handpuppenspiel?

Das Frankfurter Adressbuch gibt bedingt Auskunft: hier ist das Ehepaar eine Zeitlang im Oeder Weg gemeldet, hier kamen wohl auch die beiden Söhne Hans und Fritz zur Welt. In Frankfurt begann Liesel Simon, Handpuppen selbst anzufertigen und eine eigene Bühne zu betreiben – im Oeder Weg 155. 1928 war hierzu im Frankfurter Adressbuch zu lesen: „Erstes Münch. Kasperle-Theater“.
Liesel Simon hatte keine kunsthandwerkliche Ausbildung, als sie begann, Handpuppen selbst herzustellen. Sich auf diese Weise kreativ-künstlerisch  zu beschäftigen, ist zu Beginn des 20. Jahrhundert in bürgerlichen Kreisen durchaus üblich. Dazu gehören auch Aufführungen im Familien- und Freundeskreis. Auch das Puppentheater hatte seinen festen Platz; es gab in privaten bürgerlichen Haushalten private Puppenbühnen; einige davon haben sich bis im historischen museum erhalten.


Das Puppentheater – darunter werden sowohl das Marionettentheater als auch die Handspielpuppen subsumiert – hat in den 1920er Jahren, also der Zeit der Weimarer Republik Konjunktur: von den demokratischen Entwicklungen profitierte das gesamte Theaterwesen. Puppentheater konnten nun auch von der öffentlichen Hand finanziert werden, es entstanden Vereine, in denen sich Amateure und professionelle Spieler zusammenschließen. Zahlreiche – internationale –  Vereinigungen wurden gegründet; 1930 etwa entwickelte sich der Ableger der internationalen Vereinigung UNIMA der „Deutscher Bund für Puppenspieler“. Auch Liesel Simon war Mitglied bis 1933, sogar im im Vorstand, wie Hannah Eckhardt herausgefunden hat.

Einen großen Einfluss auf das Puppenspiel für Kinder hatte auch die Reformpädagogik, die sich um 1890 auch in Deutschland ausbildete und bis zur Machtübernahme 1933 breite Unterstützung fand. Es ging dabei um freie Entwicklung von Jugendlichen und Kindern; um die Schlagworte Selbsterziehung und authentische Lebensgestaltung. Der „Kasperl“ wird so zum Erzieher…

Unter der Überschrift „Florierendes Theater ohne Zuschüsse“ berichteten die Tageszeitung „Frankfurter Nachrichten“ am 9.11.1930 über „Frau Liesl Simons Kasperletheater“. Hier wird sie als „Intendantin, Dramaturgin, und Dichterin“ bezeichnet – denn sie gestaltete alles selbst: die Puppen, das Dekor und die Stücke, die sie bekannten Märchen und Theaterstücken entlehnte. Wir sind noch dabei, ein Notizbuch von Liesel Simon auszuwerten, das wir ebenfalls in die Sammlung aufnehmen dürfen – hier schrieb Liesel Simon Ideen für Aufführungen auf, notierte sich mögliche Stücke und Szenen.
Das Puppenspiel kann sich seinen Platz in der Gesellschaft sichern – nicht zuletzt auch deshalb, weil es sich mit den in den 1920er Jahren neu auftauchenden Medium Radio verbünden kann. Auch Liesel Simon war beim Rundfunk aktiv, der damals bei der Gründung 1924  in Frankfurt Südwestrundfunk hieß. Hier war sie zuständig für die 1926 eingerichtete Kinderstunde, den „Rundfunkkasperl“. Bis heute haben sich Schellackplatten mit ihren Stücken erhalten. Liesel Simon war somit ein Teil des lebendigen Frankfurter Kulturlebens in den Zwischenkriegsjahren.

Mit der Machtübernahme 1933 und den Nürnberger Gesetzen 1935 erhielten Menschen jüdischer Herkunft Berufsverbot. Als Reaktion auf die Ausgrenzung entsteht mit Genehmigung der Nationalsozialisten Jüdische Kulturbünde, so dass im geringen Maße und ausschließlich vor jüdischem Publikum künstlerische Darbietungen Vorführungen möglich sind. 1937 trat Liesel Simon in Berlin beim Berliner Kulturbund auf – davon zeugt eine Serie von Fotografien von Herbert Sonnenfeld (1906-1972), die sich heute im Bestand des Jüd. Museums Berlin befindet.

In den 1930er Jahren verliert sich die Spur der Familie etwas.  Die Familie weiß, dass der Sohn Hans 1988 über Frankreich, Palastina und Spanien nach Ecuador emigieren konnte. Hier konnte er als Juan ein neues Leben anfangen. Liesel konnte ihm 1941 folgen, während Vater Paul Simon 1942 von Paris aus nach Ausschwitz deportiert und dort ermordet wurde. Fritz blieb in Frankreich und tauchte dort während der deutschen Besatzungszeit unter und kam 1948 mit seiner Familie nach Ecuador.

Liesel Simon starb in Ecuador 1958 und gab die Handpuppen an die Enkelinnen-Generation weiter.

Und nun fand im Museum die Übergabe statt. Eine weitere Enkelin, Marcia Simon Alvarez, konnte die Puppen anlässlich einer privaten Reise zurück nach Deutschland  bringen. Auf diese Weise erhielten wir einen intensiven Einblick in ein vielleicht beispielhaftes deutsch-jüdisches Familienschicksal aus der Zeit des Nationalsozialismus und des Holocaust und darüber hinaus einen Eindruck davon, wie eine – nun auf mehreren Erdteilen verwurzelte Familie – mit diesem Erbe und dieser Geschichte umgeht. Durch die persönliche Begegnung mit Marcia war dieser Teil der deutschen Geschichte plötzlich ganz nah.

Marcia kann sich nicht erinnern, jemals mit ihnen gespielt zu haben. Vielleicht, weil sie der Großmutter zu kostbar waren. Bei der Übergabe bewegte uns sodann auch die Frage, wie wertvoll die Puppen für Liesel Simon gewesen sein mussten, dass sie diese wie ein Schatz ins Exil mitnahm.

Das historische museum widmet sich schon seit langen weiblichen Biografien, die mit Frankfurt verknüpft sind. Nun planen wir, auch im neuen Ausstellungshaus im Rahmen der geplanten stadtgeschichtlichen Ausstellung „Frankfurt Einst?“ bald der ehemaligen Frankfurter Bürgerin und Handpuppenspielerin Liesel Simon ein Kabinett  widmen zu können.

historisches museum frankfurt: die Handpuppen von Liesel Simon sind zurück!

Auch die Presse war bei der Übergabe dabei und hat hier, hier, hier und hier darüber berichtet.

Neu im August: Henriette Zobel (1813 – um 1865)

Henriette Zobel ging als schirmschwingende Furie, als Megäre und als mutmaßliche Fürstenmörderin in die Frankfurter Geschichte ein. Die bis in die Mitte ihres Lebens völlig unbescholtene Frau nahm – wie übrigens viele ihrer Geschlechtsgenossinnen um 1848 – mit großem Interesse am politischen Geschehen teil. Sie geriet unversehens in den Trubel revolutionärer Tumulte und wurde anschließend verhaftet und zu 16 Jahren Zuchthaus verurteilt. Andreas Franke ist der Autor dieser Biografie auf der Frankfurter Frauenzimmer-Website. Lesen Sie die bemerkenswerte Lebensgeschichte der engagierten Demokratin Henriette Zobel.

Im neuen Ausstellungshaus wird in Frankfurt Einst? dem Regenschirm und seiner Besitzerin eine Vitrine gewidmet sein.

historisches museum frankfurt: Regenschirm der Henriette Zobel, angehängtes Etikett mit Frankfurter Amtssiegel und handschriftlichem Vermerk "Henriette Zobel", Frankfurt am Main, um 1848, Holz, Metall, Leinenbespannung

historisches museum frankfurt: Regenschirm der Henriette Zobel, angehängtes Etikett mit Frankfurter Amtssiegel und handschriftlichem Vermerk „Henriette Zobel“, Frankfurt am Main, um 1848, Holz, Metall, Leinenbespannung

 

Geburtstagsfest im Museum – 15 Jahre Bibliothek der Alten

Am 11. Juli kamen rund 85 Personen aus Nah und Fern im Leopold-Sonnemann-Saal des historischen museums zusammen, um das 15-jährige Bestehen der Bibliothek der Alten zu feiern. Mit seinen 15 Jahren steckt das von Sigrid Sigurdsson initiierte künstlerische Erinnerungsprojekt allerdings noch in den Kinderschuhen, haben wir damit doch erst 1/7 der eigentlichen Laufzeit erreicht. Das generationenübergreifende Projekt erstreckt sich nämlich bis ins Jahr 2105! Ich selbst werde den Abschluss dann (hoffentlich!) von einer weichen weißen Wolke aus begleiten können…

Die Bibliothek der Alten hat sich als quicklebendiges und vitales Projekt gezeigt. Es war für mich sehr schön, die große Verbundenheit und starke Identifikation der Autorinnen und Autoren mit ihrem Projekt zu erleben. Besonders beeindruckt hat es mich, dass sich gerade viele der älteren Teilnehmerinnen auf den für sie doch beschwerlichen Weg gemacht haben, um diesen Geburtstag zu feiern. Aus dem Budge-Stift kam z.B. die 101-jährige Frau Bruchfeld, und auch die 94-jährige Trude Simonsohn war gekommen, um zusammen mit Irmgard Heydorn diesen Geburtstag zu feiern. Auch die früheren Leiter der Bibliothek der Alten, Kurt Wettengl und Wolf von Wolzogen waren da und brachten dem Projekt ihre Glückwünsche dar.

Es war ein schönes Fest, das mir sicher noch lange in Erinnerung bleiben wird!

Das erste Objekt ist eingebracht!

Von Weiten sieht es wenig spektakulär aus (und leider etwas unscharf): Im noch unfertigen Ausstellungsraum von Frankfurt Einst? steht seit ein paar Wochen eine große Holzkiste.

historisches museum frankfurt: Karl der Große ist wieder da

Darin verbirgt sich ein Monarch – denn Karl der Große ist zurück! Erinnern Sie sich noch an die spektakulären Bilder beim Abtransport der Steinskulptur, die den Eingang des Betongebäudes hütete? Über drei Jahre ist das nun her. Seitdem stand Karl im Steindepot.

Da er doch etwas gewichtig ist (knapp 3 Tonnen), musste er in den Ausstellungsraum eingebracht werden, bevor der Boden verlegt wird.
So konnten die Passanten an einem Juli-Morgen auf dem Römerberg einen liegenden Kaiser beobachten, den aber nichts aus der Ruhe bringen ließ.

Auch innen im Ausstellungsraum wurde es nochmals so richtig spannend: Wie kommt Karl auf seinen Sockel? Das dauerte dann schon etwas seine Zeit, musste doch jeder einzelne Arbeitsschritt gut durchdacht werden. Aber alles klappte natürlich wunderbar!

Nun steht Karl gut eingehaust und harrt der Dinge, die um ihn herum noch in den nächsten beiden Jahren bis zur Eröffnung geschehen.

Acht Schneekugeln zum Abkühlen

Die Szenografen aus Amsterdam vermitteln zwischen Museum und Künstlern

Modell eines Modells - die Schneekugel und der Roboterarm

Das Frankfurt Jetzt Team koordiniert die Kooperation

 

 

 

 

 

Vom 14.-15. Juli waren acht Künstler aus den Niederlanden, Deutschland und den USA eingeladen, mit dem Museumsteam und den Szenografen in Austausch zu treten. Das Ziel der interdisziplinären Zusammenarbeit ist die multimediale Schneekugel-Installation, die ab 2017 im Neubau des historischen museums frankfurt zu sehen sein wird. In acht unterschiedlichen Modellen werden verschiedene Frankfurter Eigenschaften verhandelt. Das Themenspektrum reicht vom Jüdischen Frankfurt und der kritischen Stadt über Industrie, Verkehr und Baustelle bis hin zum kriminellen Klischee und der heimlichen Hauptstadt. Für jedes Thema wird ein/e andere/r Künstler/in aktiv werden, um die Ideen der Kurator/innen in spielerische Szenerien zu übersetzen.

Beim ersten Zusammentreffen stand der gegenseitige Ideenaustausch im Vordergrund. Was möchte das Museum vermitteln? Wie lässt sich das künstlerisch umsetzen? Bei Stadtrundgängen, Turmbegehung und Apfelwein wurden viele Fragen diskutiert, die immer wieder um die Balance zwischen Inhalt und Gestaltung kreisten. Interessant war der Einblick in die unterschiedlichen Arbeitsweisen der Beteiligten: jede/r hat eine eigene Bildsprache und Lieblings-Materialien; Einige arbeiten eher präzise und realistisch, andere bevorzugen die Collage und die Verfremdung. Was am Ende unter der zweieinhalb Quadratmeter großen Glaskuppel zu sehen sein wird? Das wissen wir auch noch nicht! Das einzige, was jetzt schon feststeht, ist der Jukebox-Modus, der eine große Varianz zwischen den Themen verspricht. Nur so kann der Anspruch „Frankfurt ist viele Städte!“ angemessen umgesetzt werden. So erhält jedes Modell im Wechselspiel mit Projektionen, Soundscapes und einem fleißigen Roboter, der die ausgewählten Kugeln präsentiert, seine ganz eigene Inszenierung. Wir sind gespannt… übrigens findet das nächste öffentliche Schneekugelgespräch zum Thema „Heimliche Hauptstadt“ am 30.09.2015 im Museum statt.

Déjà vu mit Kriegsdekor

Als ich in Basel im wunderbaren Museum für Wohnkultur – Haus Kirschgarten war, um die Ausstellung Museum of Broken relationships anzuschauen*, war es klar, dass ich auch die oberste Etage besuchen musste. Denn oben ist das Spielzeug ausgestellt – eine Sammlung, die ich hier im Haus betreue.

Bei meinem kurzen Durchschlendern war es eine große Freude für mich, neben all den Puppenhäusern und Spielensembles kurz vor dem Ausgang ein Speise-Service für Kinder zu entdecken, das mir sehr bekannt vorkam: Es handelt sich um ein Service aus der Serie, die sich auch in unserer  Sammlung befindet. Das Geschirr aus der Zeit zu Beginn des 20. Jahhrunderts wirkt nur auf den ersten Blick so kindlich-harmlos: genauer besehen handelt es sich um Darstellung des militärischen Lebens; die kriegerische Aufrüstung begann im Kinderzimmer.

historisches museum frankfurt: Kindergeschirr mit Kriegsdekorhistorisches museum frankfurt: das Kindergeschirr im Museum für Wohnkultur Basel

 

* hier im Blog gibt es einen Bericht darüber

Museumsreise nach Basel

historisches museum frankfurt: die freunde & foerderer 2015 in Basel

Der Zug war pünktlich, die Mitreisenden auch. Ein guter Start also in drei Tage Basel mit den freunden & und förderern des historischen Museums Frankfurt, die vor allem mit Museen, Galerien und gutem Essen gefüllt sein sollten.

In Basel: Regen … viel Regen, unentwegter Regen … Nach der Tramfahrt (inklusive Umsteigen im strömenden Regen) und dem Einchecken im Teufelhof legten wir die zehn Minuten Fußweg (bei leichtem Regen) zu einem Snack zurück.

Die erste Museumsstation war das neu renovierte Museum der Kulturen mit seiner Attraktion, einem 16 Meter hohen Kulthaus aus Papua-Neuguinea, in dem dort Initiationsriten stattfinden – nur für Männer versteht sich. Frauen müssen nicht „initiiert“ werden. Wer Museum der Kulturen hört, denkt an dunkle Räume mit zahllosen Schaukästen, randvoll mit Püppchen, Masken, Werkzeugen und Bildern von wilden Kriegern. Aber hier ist alles sehr weitläufig, modern, wohldurchdacht und darauf ausgerichtet, die Besucher nicht nur zu informieren, sondern auch zu unterhalten. Beispielsweise weiß ich jetzt, wie Opium riecht und dass der Duft des gleichnamigen Parfums durchaus eine gewisse Nähe zu einer chinesischen Opiumhöhle hat.

Danach ein kleiner Fußweg (im wieder kräftigeren Regen) zum Museum der Wohnkulturen mit seiner aktuellen Ausstellung, die Museum of broken Relationships heißt und ihren Ursprung in Zagreb hat. Dort hat sich vor Jahren ein Künstlerpaar getrennt und wusste nicht, wie sie mit den gemeinsamen Erinnerungsstücken verfahren sollten, insbesondere mit Honey Bunny, einem Kuschelhasen, der für die beiden eine besondere Bedeutung hatte. Wir Normalsterblichen entsorgen so etwas ja entweder sofort oder umgeben uns noch eine Weile damit, bevor es nach einer geglückten Verarbeitung der gescheiterten Beziehung in eine Kiste im Keller wandert. Die Künstler hatten eine Idee, die ihnen 2011 den Kenneth Hudson Award eingebracht hat. Sie baten ihre Freunde, ihnen ihre Erinnerungsstücke an zerbrochene Beziehungen zu überlassen und eine Geschichte dazu aufzuschreiben. Jetzt reisen diese Dinge und ihre Storys um die Welt. Und überall, wo die Ausstellung Station macht, wird ein Aufruf gestartet, Beziehungssouvenirs und Geschichten einzureichen, die dann ebenfalls dort ausgestellt werden. So wächst die Sammlung kontinuierlich. Mittlerweile sind 2.000 Exponate zusammengekommen. In Basel sind zurzeit 99 zu sehen. Gezeigt werden sie in Symbiose mit der Dauerausstellung, die im Grunde genommen aus dem Gebäude selbst besteht: dem luxuriösen Wohnhaus Kirschgarten aus dem Jahr 1780 nebst zeittypischer (aber nicht originaler) Einrichtung.

Mittlerweile waren alle ein bisschen angeschlagen, hatten Hunger, Durst und Sehnsucht nach ein bisschen Ruhe vor dem Abendessen. Also zurück zum Hotel (im monsunartigen, aber kühlen Regen) und zum gemeinsamen Dinner im Hotelbistro.

Am nächsten Tag dann mal kein Regen, sondern lockere Bewölkung, die ab und zu sogar ein paar Sonnenstrahlen Platz machte. Nach einem formidablen Frühstücksbuffet, zogen wir los zum Museum für Geschichte in der Barfüßerkirche, in dem es neben der Dauerausstellung eine Ausstellung mit dem Titel Fußball – Glaube, Liebe, Hoffnung zu begucken gab. Die Dauerausstellung im Keller beherbergt spektakuläre spätgotische Wandteppiche, kunstvoll gewebte Bilder über das Leben, die Liebe und mythische Wildleute – und es gab etwas, das wir heute Wimmelbild nennen würden. Wir erfuhren, dass sich jemand die Mühe gemacht hat, alle auf dem Bild gezeigten Pflanzen und Tiere zu bestimmen. Überhaupt war das mal wieder ein Beispiel dafür, wie spannend man ein historisches Museum gestalten kann: mit Videos, Tonaufnahmen, Modellen und einer „Wunderkammer“, in der die wichtigsten Exponate aus allen Abteilungen ausgestellt waren – zum Reingehen und Staunen. Schöne Idee. Vorbei am „Baseler Totentanz“, einem mittelalterlichen Fresko (bzw. dessen Resten), das mal eine Friedhofsmauer geziert hat und daran erinnern sollte, dass der Tod jeden Menschen ungeachtet seines Standes jederzeit erwischen kann, wurden wir in die Fußballausstellung geleitet. Dort erfuhren wir allerlei Erstaunliches über Fans und ihren Ersatzgott. So gibt es in Dortmund einen Kreißsaal mit gelber Geburtswanne und BVB-Bild an der Wand, irgendwo in Italien hat jemand einen Diego-Maradona-Altar gebaut (mit einer „Reliquie“ in Form eines Haarbüschels), und manche Menschen heiraten im Stadion ihres Heimatvereins.

Im diesmal sprühnebelartigen Regen überquerten wir den Barfüßerplatz zum Braunen Mutz, wo uns Suppe und niedliche kleine Pastetchen erwarteten. Nach einem kurzen Spaziergang (mit dem Schirm als wichtigsten Begleiter versteht sich) folgte die Abfahrt mit dem Bus ins Stapferhaus in Lenzburg zur Ausstellung Geld – jenseits von Gut und Böse, die uns von der Leiterin der Ausstellungshalle mit großer Begeisterung nähergebracht wurde.

Tolle Ausstellung! Ziel war, die Frage nach dem Wert des Geldes zu stellen ohne wertend zu sein. Und so steigt man zuerst eine Treppe hoch ins „Paradies“, einer Installation mit Goldeseln, Geldbäumen und Landschaften, in denen Gold und Geld statt Milch und Honig fließen, um sich dann von den mannshohen Köpfen einer Handvoll Denker und Ökonomen in Form eines multimedialen Streitgesprächs unterschiedliche Wirtschaftstheorien und -philosophien erklären zu lassen und an einer kleinen Umfrage zum Thema Geld und Glück teilzunehmen. Die Ergebnisse werden ständig aktualisiert und im nächsten Raum präsentiert. Dort gab es weitere zum Teil erschreckende Statistiken, u.a. über die Verteilung des Reichtums in der Welt und die Ver(sch)wendung von Staatsgeldern, und man erfuhr, was wem „lieb und teuer“ ist – von einem Pfund Salz, über einen Quadratmeter Autobahn bis hin zum Louis-Vuitton-Täschchen und einer Flasche Luxuswein – alles spannend aufbereitet. In vier Beichtstühlen liefen Tonaufnahmen, von denen ich mir eine angehört habe: Eine Frau berichtete darüber, dass sie gegen Bezahlung an medizinischen Versuchen teilnimmt und sich dabei auch schon mal für ein paar Euro die Blase bis fast zum Platzen auffüllen ließ oder (für 3.000 Euro) wochenlang eine Zahnklammer trug, die sie zwischendurch immer in unterschiedliche, mehr oder weniger zahnschädliche Substanzen tauchen musste.

 

Zum Abschluss gab es noch das Dagobert-Feeling: ein Raum mit 200.000 Franken in 5-Rappen-Stücken – alles war voller Gold. So macht Geld direkt Spaß. Man wurde regelrecht wieder zum Kind, zumindest mal bis das Licht ausging und die Zusammenfassung eines Essays zu hören war, dessen Namen und Autor ich leider vergessen habe – auch hier wieder Gelegenheit, über das eigene Verhältnis zum Geld nachzudenken. Als kleines Abschiedsgeschenk bekam jeder eine goldfarbene Münze. Auf der einen Seite ist „Gut“, auf der anderen „Böse“ eingeprägt, denn Geld ist immer so gut und so böse wie das, wann man damit anstellt.

Der Sonntag sollte ganz locker werden: Stadtrundgang mit einem einheimischen Führer (und Schirm), gefolgt von der Paul-Gauguin-Ausstellung in der Fondation Beyeler.

Mein Fazit: Drei Tage mit spannenden Ausstellungen und gutem Essen in einer Stadt, die mehr zu bieten hat als ihre geringe Größe vermuten lässt. Ich habe viel gesehen und einiges gelernt. Wer bis Ende November in der Gegend von Basel ist, sollte sich die Geldausstellung in Lenzburg ansehen – mein persönliches Highlight dieses Wochenendes.

Für die freunde & förderer: Anette M. Quentel